HAMMELBURG

Im Versteck sicher vor den Nazis

Im Versteck sicher vor den Nazis

Jahrzehnte schlummerten das angegraute Stoffbanner mit eingestickten hebräischen Zeichen und Schriften unter dem Dach der ehemaligen Hammelburger Synagoge. Selbst die Verwüstung des Gebäudes durch die Nazis haben die Gegenstände in dem Versteck überstanden.

Bis im Herbst 2012 Gebäudeeigentümer Achim Blum bei Dacharbeiten auf den zunächst geheimnisvoll anmutenden Fund stieß. Ihm war gleich bewusst, dass es sich dabei um etwas Heiliges handeln würde.

Sorgsam verpackte er das Banner und die Papiere in eine Plastikkiste. „Richtig gemacht“, freut sich Martina Edelmann über den respektvollen Umgang mit den Dokumenten.

Gespannte Erwartung herrschte jetzt in der Blum'schen Wohnküche, als Achim Blum und seine Frau die im Laufe der Zeit teils sehr zerfledderten Stücke präsentierten. Martina Edelmann ist Leiterin des Veitshöchheimer Genisa-Projektes. Es kümmert sich bundesweit um solche Funde. An ihrer Seite Volkskundlerin Elisabeth Singer. „Die Genisa-Expertin für den deutschen Raum“, sagt Edelmann.

Sorgsam breiten die beiden das Stoffbanner aus. „Ein wunderschönes Exemplar“, sagt die Projektleiterin. Durch die Entzifferung bereits weniger der eingestickten Buchststaben erkennt Volkskundlerin Elisabeth Singer die Bedeutung des Stoffstreifens. Es ist ein Beschneidungswimpel.

Ihn bekamen Jungen mit den besten Segenswünschen zu dem herausragenden Ritual in ihrem Glaubensleben. Beim Buchstabieren erkennen die Forscherinnen sofort, wem die Segenswünsche galten: Abraham Ben Isaak wurde 1844 der rituellen Beschneidung unterzogen. Über seinen bürgerlichen Namen wird das Standesamt Auskunft geben.

Den Atem hält das Forscherinnen-Duo an, als sie ein fast zerfallenes Buch und bedruckte Blätter trennen. Staub liegt in der Luft. Bei dem, was noch heil ist, handelt sich um einen Briefumschlag von Simon Schuster und einen Zeitungsausschnitt von 1889. Bemerkenswert findet Martina Edelmann das Deckblatt zu Fragmenten eines Buch Esther. „Solche Deckblätter sind selten“. Friedhofsgedichte bis zurück ins Jahr 1715 runden den Fund ab.

„Überschaubar“ bewerten die beiden Gutachterinnen die Ausbeute. Den Restaurationsaufwand werde man nach Rücksprache mit der Stadt und dem Denkmalamt in Grenzen halten. Sie bieten an, die Stücke mitzunehmen. Binnen eines Tages würden in Veitshöchheim dafür etwa zehn Inventarnummern erstellt.

Wo die Stücke einen Platz bekommen, ist offen. Martina Edelmann empfiehlt Blums, sie als Dauerleihgabe zur Verfügung zu stellen. Denkbar wäre eine Vitrine zur jüdischen Heimatgeschichte im Stadtmuseum. Oder eine befristete Sonderausstellung, erweitert um Stücke aus der Veitshöchheimer Sammlung.

Rund zehn Genisa-Funde hat man in Veitshöchheim schon komplett ausgewertet. Weitere 60 harren der Untersuchung. Manches ist dort in der Ausstellung zu sehen. Andere mit Papieren unterschiedlichen Zustands lagern auf dem Dachboden in Veitshöchheim.

Es sei wichtig, die Dinge würdevoll zu behandeln, betont Martina Edelmann. Nach jüdischer Tradition dürften Texte, die sich auf Gott beziehen, nicht wegworfen werden. Deshalb gab es auch in der Hammelburger Synagoge aus dem Jahr 1768 ein Lager mit solchen Texten.

Wie viele die Zerstörung der Inneneinrichtung mit Äxten und Beilen durch die Nazis 1938 überstanden, ist offen. Als 1952 das Tonnendach beseitigt wurde, blieben die aktuell entdeckten Stücke wohl verborgen. 1990 begann Blum mit der Gestaltung seiner Wohnung. Jetzt widmete er sich Dach und Außenanlage. Hellhörig wurden die Frauen, als Blum berichtete, die zweite Dachhälfte sei noch nicht ausgeforscht.

Weil sie aber leichter zugänglich ist, seien kaum Funde zu warten. Ein Wunsch der Genisa-Forscherinnen: Ähnliche Funde genauso vorbildlich melden. Falls möglich, zur Bergung auf die Expertinnen warten. Aus der Lage können bisweilen weitere Rückschlüsse gezogen werden.

Nichts mehr verpassen: Abonnieren Sie den Newsletter für die Region Bad Kissingen und erhalten Sie zweimal in der Woche die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region per E-Mail.
Weitere Artikel
Themen & Autoren
Hebräer
Nationalsozialisten
Synagogen
Volkskundler
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (0)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!