Poppenlauer

In Poppenlauer: Stolpersteine gegen das Vergessen

Insgesamt 21 Stolpersteine erinnern seit Dienstag in Poppenlauer an die Menschen jüdischen Glaubens, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.
Drei Stolpersteine verlegte der Künstler Gunter Demnig vor dem Haus  Hauptstraße 82 in Poppenlauer und 18 weitere vor diversen anderen Häusern.  Foto: Dieter Britz       -  Drei Stolpersteine verlegte der Künstler Gunter Demnig vor dem Haus  Hauptstraße 82 in Poppenlauer und 18 weitere vor diversen anderen Häusern.  Foto: Dieter Britz
| Drei Stolpersteine verlegte der Künstler Gunter Demnig vor dem Haus Hauptstraße 82 in Poppenlauer und 18 weitere vor diversen anderen Häusern. Foto: Dieter Britz

Auch Poppenlauer ist nun Teil des größten dezentralen Mahnmals der Welt. Das betonte Bürgermeister Matthias Klement , als er Gunter Demnig und mit ihm zahlreiche Bürger aus dem Dorf und Gäste aus der Umgebung beim Haus Nummer 82 in der Hauptstraße willkommen hieß.

Der Künstler aus Elbenrod (Vogelsbergkreis/Hessen) verlegte dort drei "Stolpersteine", die daran erinnern sollen, dass hier Menschen jüdischen Glaubens lebten, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert , vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. An anderer Stelle in Poppenlauer verlegte Demnig 18 weitere Steine. Die Kosten von jeweils 120 Euro pro Stein übernahmen Bürger, einen hat die evangelische Kirchengemeinde Poppenlauer bezahlt. "Mit 80.000 Steinen in über 1300 deutschen Kommunen und in 26 Staaten Europas ist mittlerweile seit Jahren das größte dezentrale Mahnmal der Welt entstanden.

Es ist sehr beeindruckend, was Sie erreicht haben" betonte Matthias Klement , zu Gunter Demnig gewandt. Die Stolpersteine sollten an die Millionen Menschen in ganz Europa erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus deportiert wurden und zumeist dem Holocaust zum Opfer fielen. "Meine Hochachtung für diesen enormen Einsatz, Herr Demnig!", betonte der Bürgermeister. Er dankte aber auch allen Spendern der Steine und denjenigen, die sich vor Ort eingesetzt und die Aktion in die Wege geleitet haben. Er nannte hier Klaus Bub, Winfried Streit, Friedel Bayer und Herbert Will.

Auch Maßbach hatte bis zur NS-Zeit eine größere jüdische Gemeinde. Bürgermeister Klement erinnerte daran, dass 13 Stolpersteine hier bereits vor acht Jahren verlegt wurden. "Es freut mich sehr, dass heute nun auch hier in Poppenlauer zum Gedenken an die deportierten jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger 21 Stolpersteine verlegt werden können", hob der Bürgermeister hervor. Damit könne die Erinnerung an diese Menschen am Leben erhalten werden. Das sei gerade heute umso wichtiger, wenn man an das Attentat auf die Synagoge in Halle vor einem Jahr denke.

Immer häufiger seien antisemitische Stimmen zu hören, "deshalb ist es unser aller Pflicht, dafür Sorge zu tragen, dass so etwas nie mehr passiert".

Museum über jüdische Geschichte

Die Marktgemeinde wolle auch in Zukunft zeigen, dass sie eine weitreichende jüdische Geschichte habe. Deshalb sei im letzten Jahr das Gebäude der ehemaligen Synagoge in Maßbach gekauft worden. Dort soll in Zukunft ein Museum über die jüdische Geschichte der Gemeinde entstehen. Der Bürgermeister teilte mit, dass eine Förderzusage von der Regierung von Unterfranken dafür bereits vorliegt.

Er dankte nicht nur Gunter Demnig , der im Jahr 1992 mit der Verlegung der Stolpersteine begonnen hat, sondern auch Klaus Bub, der auf lokaler Ebene sich intensiv um die historische Aufarbeitung der jüdischen Geschichte kümmert. Klaus Bub kam im Rollstuhl zur Verlegung der Stolpersteine, da er im wörtlichen Sinne gestolpert war und sich dabei verletzt hatte. "Mit den Stolpersteinen, die Idee und Umsetzung durch Gunter Demnig , wollen wir hier auch ein Zeichen gegen das Vergessen setzen", hob er hervor. Obwohl die jüdische Gemeinde verschwunden sei bzw. ausgelöscht wurde, dürfe man sie nicht vergessen, "sonst würden wir die Menschen noch einmal sterben lassen".

Biografien verlesen

Beim Verlegen der Stolpersteine wurden auch die Biografien der ehemaligen Mitbürgerinnen und Mitbürger, an die sie erinnern sollen, verlesen. Vor dem Haus Hauptstraße 82 schilderte Susanne Ziegler das Schicksal der Familie Heinemann. Die Spuren dieser Familie gehen bis auf 1781 zurück. Thekla Heinemann wohnte 1937 mit ihren beiden kleinen Kindern in diesem Haus, Sohn Ernst war nach München gegangen, kam aber bald wieder zurück und emigrierte dann nach New York. Dieser Schritt rettete dem gerade 16-jährigen das Leben. Im November 1941 lebten noch 22 Juden im Ort. Am 24. April 1942 wurden die ersten 14 abgeholt und nach Würzburg gebracht. Zehn von ihnen trugen den Namen Heinemann, unter ihnen waren auch Thekla und ihrer 17-jährige Tochter. Schon am nächsten Tag waren sie unter den 852 Juden , die durch Würzburg zum Güterbahnhof Aumühle marschieren mussten und mit dem Zug nach Luplin/Krasnystaw geschickt wurden. "Überlebt hat keiner von ihnen", heißt es in der Broschüre, die anlässlich der Stolperstein-Verlegung herausgegeben wurde und alle Biografien enthält.

Vergessen wird auch nicht, dass wenige Tage nach Vertreibung der jüdischen Bevölkerung deren Hab und Gut an die Bevölkerung versteigert wurde, einschließlich der Unterwäsche. "Jedem musste wohl dabei klar gewesen sein, dass die jüdischen Nachbarn nie mehr wiederkommen würden", heißt es da.

Andere Biografien wurden übrigens von Konfirmanden vorgelesen.

Die Orte der Stolpersteine

Thekla, Ilse und Kurt Heinemann, Hauptstraße 82. Frieda Klau, Hauptstraße 72. Isidor und Jette Grünbaum, Hauptstraße 101. Fanny Reis, Hauptstraße 109. Philipp, Eleonore und Simon Weil Hauptstraße 96. Adolf und Amalie Heinemann Hauptstraße 104. Caroline, Sophie, Betty, Gerda und Nathan Heinemann, Am Falltor 4. Otto, Magda, Siegfried und Ella Reis, Am Falltor 11.

Die Maße der Stolpersteine

Sie sind Betonwürfel mit einer Kantenlänge von 96 Millimetern. Eine quadratische Messingstafel oben verkündet den Namen und einige persönliche Daten. Die Stolpersteine werden vor dem Haus verlegt, in dem die genannte Person zuletzt, vor ihrer Deportierung, Flucht oder Ermordung lebte.

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