Bad Kissingen

Josef Schuster: "Den idealen Ort gibt es nicht"

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat familiäre Wurzeln in Bad Brückenau. Wir haben mit ihm gesprochen.
Josef Schuster (links), der Präsident des Zentralrats der Juden, hat eine enge Verbindung nach Bad Brückenau. Auf diesem Archivbild ist er mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (rechts) und der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, Charlotte Knobloch, bei der zentralen Gedenkfeier anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung des KZ Dachau zu sehen. Foto: Andreas Gebert, dpa       -  Josef Schuster (links), der Präsident des Zentralrats der Juden, hat eine enge Verbindung nach Bad Brückenau. Auf diesem Archivbild ist er mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (rechts) und der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, Charlotte Knobloch, bei der zentralen Gedenkfeier anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung des KZ Dachau zu sehen. Foto: Andreas Gebert, dpa
| Josef Schuster (links), der Präsident des Zentralrats der Juden, hat eine enge Verbindung nach Bad Brückenau. Auf diesem Archivbild ist er mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (rechts) und der Präsidentin der ...
Das Projekt "Denkort Aumühle" (siehe Titelseite) soll bis in den Landkreis Bad Kissingen ausstrahlen, indem Gepäckstücke, die in Würzburg als Gesamtheit ein Kunstwerk bilden, auch in den ehemaligen jüdischen Gemeinden als Einzelstück ausgestellt werden. Wir haben mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, dem Würzburger Arzt Josef Schuster, über das Projekt gesprochen. Die Vorfahren Schusters stammen aus Bad Brückenau, er selbst hat bis heute enge Verbindungen in die Stadt.

Herr Schuster, warum ist Ihnen persönlich wichtig, dass der "Denkort Aumühle" nicht auf Würzburg beschränkt bleibt?
Josef Schuster: Gerade die Region Unterfranken hatte ja die größte Dichte an jüdischen Gemeinden in ganz Deutschland: 109 Gemeinden bestanden in den 1930er Jahren. Gerade in einer solchen Region ist es aus meiner Sicht wichtig, zu dokumentieren, welchen Weg die Deportation genommen hat. Dieser Teil gehört zur deutschen Geschichte und sollte uns allen eine Mahnung sein.

In welcher Form würden Sie sich die Erinnerungsorte in den ehemaligen jüdischen Gemeinden wünschen?
Wichtig ist, dass das an einem prominenten Ort stattfindet. Das kann im Rathaus sein, das kann im Freien sein, je nach den örtlichen Gegebenheiten. Bei diesem Thema gibt es nicht den idealen Ort. Das sollen die Kommunen und die Menschen vor Ort möglichst selbst entscheiden.

Muss das örtlichen Bezug zu einer ehemaligen jüdischen Einrichtung haben?
Das muss es nicht, und es hängt ja auch von der individuellen Gestaltung des Gepäckstückes ab. Da gibt es viele Freiheiten, wichtig ist nur, dass die Vorstellungen der jeweiligen Kommune mit dem Künstler abgestimmt werden.

Allein im Landkreis Bad Kissingen gab es in den 1930er Jahren 15 jüdische Gemeinden: Sehen Sie nur diese Kommunen in der Pflicht, oder sind alle aufgerufen, sich an dem Projekt zu beteiligen?
Die Aufstellung eines Gepäckstückes ist natürlich ganz gezielt in den Gemeinden mit einer jüdischen Tradition geplant. Aber selbstverständlich sind auch alle anderen Gemeinden aufgerufen, sich unter anderem finanziell zu beteiligen. Wenn eine Kommune mitmacht, schließt das auch ein, dass sie pädagogisches Material bekommt, um das Thema dann auch im Unterricht an den Schulen oder in anderer Form aufzuarbeiten.

Von der Aumühle aus sind tausende unterfränkische Juden deportiert worden, weshalb hat es mehr als 70 Jahre gedauert, bis das Gedenken in diesem Kunstprojekt mündete?
Das ist ja nicht nur ein Phänomen, das wir in Unterfranken beobachten. Meine Wahrnehmung ist, dass man sich mit dem Aussterben der Täter-Generation leichter tut, über viele Dinge zu sprechen. Das ist sozusagen eine biologische Frage. Selbst in Familien mit brauner Vergangenheit gehen die Nachkommen heute unbefangener mit dem Thema um, wenn die Zeitzeugen bereits verstorben sind.

Gibt es auch noch Zeitzeugen, die die Deportationsmärsche überlebt haben?
Angesichts der langen Zeit gibt es nur noch wenige Zeitzeugen, aber es gibt sie noch. Etwa der frühere Würzburger Max Ansbacher, der vor kurzem in Jerusalem seinen 90. Geburtstag gefeiert hat. Ich habe einen guten und engen Kontakt mit ihm, er hat Deutschland auch schon mehrfach besucht, ist ganz bewusst hier nach Würzburg gekommen. Dabei habe ich auch mit ihm über die Deportationsmärsche in Richtung Aumühle gesprochen.

Ihre eigene Familie hat Wurzeln in Bad Brückenau, ist das auch ein Teil Familiengeschichte?
Nein, mein Vater und mein Großvater wurden direkt von Brückenau ins KZ Dachau gebracht, später dann nach Buchenwald. Die Nazis wollten das Central-Hotel, das sich damals im Besitz meiner Familie befand, als sogenanntes braunes Haus haben. Mein Großvater hat schließlich unter der Bedingung unterschrieben, dass er und die Familie nach Palästina auswandern dürfen.

Haben Sie aus Bad Brückenau oder anderen Kommunen schon Reaktionen auf das Projekt?
Ich bringe mich zwar in die Planung des Projekts ein, aber bin nicht direkt in die Information der politisch Verantwortlichen involviert. Das macht das Johanna-Stahl-Zentrum für jüdische Geschichte, vor allem dessen Leiterin Rotraud Ries. Die Resonanz war bisher positiv, aber es gab noch nicht sehr viele Rückmeldungen, weil das Konzept bewusst vorsieht, dass die Bürgermeister über das Projekt nicht aus der Zeitung erfahren. Es erfolgte zunächst eine Präsentation gegenüber der Regierung von Unterfranken sowie in Bürgermeister-Dienstbesprechungen. Erst danach gehen wir an die breite Öffentlichkeit.

Das Gespräch führte Ralf Ruppert.
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