Bad Kissingen

Jugendliche putzen Stolpersteine in Bad Kissingen

Vorsichtig putzen sie die goldfarbenen Messingplatten. Wischen immer wieder gründlich darüber. Solange, bis der Straßendreck komplett weg ist und alles wieder glänzt.
Mit Reinigungsmittel, Wasser und einem Schwamm knien Joachim Lopez und Ella Zurek vor den Stolpersteinen am Jüdischen Gemeindehaus in der Promenadestraße. Ihre erste Station. Zum 74. Jahrestag der Pogromnacht von 1938 haben sie gemeinsam mit zwölf anderen Schülern die Stolpersteine in Bad Kissingen auf Hochglanz gebracht. In Gruppen machten die Jugendlichen des Jugend- und Kulturzentrums und der Realschule alle sauber. 51 Stück, an 22 Standorten. Und das nach Schulschluss, freiwillig.

"Es ist gut, auf diese Weise an die deutsche Geschichte zu erinnern", findet der 28-jährige Lopez. Er verbringt als europäischer Freiwilliger ein Jahr im Jugend- und Kulturzentrum in Bad Kissingen. Und auch diee neunjährige Ella ist von der Aktion begeistert. Dass alles wieder gereinigt ist, finde sie "schön". Beide reagierten sofort auf die Anfrage der Bürgerinitative "Bad Kissinger Stolpersteine", wollten unbedingt mitmachen bei der Putzaktion, die heuer zum zweiten Mal statt findet.

Sechste Verlegung im Mai

In Bad Kissingen lebten 350 Juden. In der Pogromnacht wurden auch in der Kurstadt Wohnungen und Geschäfte jüdischer Mitbürger zerstört und die Synagoge in Brand gesteckt. Seit Frühsommer 2009 hat die Bürgerinitiative in fünf Verlegungsaktionen die Stolpersteine in Bad Kissingen verlegt. Gestiftet wurden sie von Privatpersonen. Eine sechste Verlegung ist laut Sigismund von Dobschütz, Initiator der Aktion, im Mai 2013 geplant. "Da haben wir gleich zwei Premieren", kündigt er an. Dann wird nämlich der erste Stein für ein Opfer der Bibelforscher (Zeugen Jehovas) verlegt. Und das erstmals außerhalb der Kernstadt, in Garitz.

Mit den Gedenksteinen für die Familie Neustädter sind Joachim Lopez und Ella Zurek nun fast fertig. Die Gravur ist wieder lesbar, glänzt. Gustav Neustädter war der letzte Vorsteher der Jüdischen Kultusgemeinde in Bad Kissingen. Er wurde am 24. April 1942 mit seiner Ehefrau und seinem jüngsten Sohn Ernst ins Ghetto Izbica bei Lublin deportiert. Danach verliert sich jede Spur der Familie.

"Dass sich die Jugendlichen zum Säubern der Stolpersteine auf den Boden niederknien müssen, darf man durchaus sinnbildlich verstehen", sagt Dobschütz. So werde die Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes bewahrt. "Man stolpert in Gedanken, die Steine sollen zum Nachdenken anregen."

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