Bad Kissingen

Jutetasche mit Logo entworfen

Mit dem Thema "Müll an den Küsten und im Meer" beschäftigte sich ein Projektseminar am Bad Kissinger Jack-Steinberger-Gymnasium.
Auf dem Bild sind (von links) Kevin Schlereth, Anna-Lena Benkert und Marius Schmück.  Foto: Thomas Ahnert
Auf dem Bild sind (von links) Kevin Schlereth, Anna-Lena Benkert und Marius Schmück. Foto: Thomas Ahnert

"Plastik ist in aller Munde" - ein Satz, den man durchaus im übertragenen Sinn verstehen kann, weil Plastik und Plastikmüll zurzeit stark diskutiert werden. Man kann und muss ihn allerdings auch ganz wörtlich nehmen, denn der Plastikmüll , den wir gutgläubig in die Gelben Säcke stopfen, kehrt über die Nahrungskette als Mikroplastik zurück in unseren Mund und in unseren Magen - mit allen bisher erforschten und unerforschten gesundheitlichen Konsequenzen.

Zum Forschen nach Helgoland

Einem wichtigen Aspekt dieser Nahrungskette hat sich in den letzten Monaten das P-Seminar "Müll an den Küsten und im Meer" am Jack-Steinberger-Gymnasium gewidmet. P-Seminare sind Projektseminare in der gymnasialen Oberstufe in Bayern, die die Schülerinnen und Schüler durch ihre Thematik und Praxisbezogenheit bei der Berufswahl unterstützen und auf die Anforderungen im Studium und späteren Beruf vorbereiten sollen.

Die 15 Seminarteilnehmer und ihre Lehrerin Birgit Eber nahmen dieses Angebot von Grund auf ernst und fuhren in der letzten Woche der Sommerferien nach Helgoland - nicht zum Baden, sondern zum Forschen. Denn auf der einzigen deutschen Hochseeinsel betreibt das Alfred-Wegener-Institut eine Außenstelle, die unter anderem genau für diesen Zweck eingerichtet ist: mit Laboren für Schüler, die dort unter fachlicher Anleitung und mit den erforderlichen technischen Mitteln Untersuchungsreihen durchführen und auswerten können.

Ein durchaus anspruchsvolles Angebot an einem exponierten Platz. Und es gab viel zu tun, um zunächst einmal die Voraussetzungen zu schaffen. So ging die Gruppe zunächst einmal an die Strände, um nachzusehen, was dort so alles an Müll angeschwemmt wird. "Wir waren überrascht, dass es weniger war als erwartet, hauptsächlich Zigarettenkippen und Bonbontüten", sagt Marius Schmück. Der Grund lässt sich erklären: "Helgoland liegt abseits der starken Strömungen."

Und deshalb war auch das Ergebnis der anatomischen Untersuchungen von Fischen im Alfred-Wegener-Institut letztlich nicht überraschend. Dort untersuchten die jungen Forscher den Mageninhalt von Makrelen, die sie zur Verfügung gestellt bekommen hatten. Warum Makrelen? "Das sind Allesfresser", so Marius Schmück. Da gibt es die aussagekräftigsten Ergebnisse. Aber sie fanden verhältnismäßig wenig Plastikreste. So gesehen ist Fisch aus der Nordsee noch verhältnismäßig gesund, auch für den Menschen. Nur ist die Nordsee leider schon ziemlich leergefischt. In anderen Regionen der Welt - das haben die jungen Leute bei ihren Recherchen festgestellt - geht's den Fischen schlechter: Da verhungern sie, wenn sie Plastik gefressen haben, mit vollem Magen. Denn da das Material nicht von der Magensäure zersetzt wird, verschwindet auch nie das Völlegefühl. Natürlich waren die Feldversuche vor Ort nur ein Aspekt der wissenschaftlichen Aufbereitung des Themas. Da ging es um die chemischen Grundlagen, um die Unterscheidung in Hart- und Weichplastik und Elastomere und dass verschiedene Plastikkarten, auch Mischformen, überhaupt nicht recycelt werden können. Da ging es um Vergleiche beispielsweise zwischen Helgoland und Bad Kissingen , wo sich die Forscher an der Saale nach Müll umsahen. Das Ergebnis: auch verhältnismäßig wenig, aber anders: Hundekot-Tüten mit und ohne Inhalt führten hier die Rangliste an.

Wirklich erschreckend waren die Blicke über Europas Grenzen hinaus: Da ist zum Beispiel der Mülltourismus. Denn die Gelben Säcke, die wir hier mit guten Gewissen füllen, wandern nicht in Recyclinganlagen, sondern in die Entwicklungsländer, die überhaupt keine qualifizierte Infrastruktur haben. Das Leben im Müll ist für die ärmere Bevölkerung längst zur Normalität geworden, wie Bilder aus Malawi zeigen. Oder:Im Pazifik treiben Plastikmüllinseln, die von der Fläche her dreimal so groß wie Frankreich sind. Und mittlerweile lässt sich Mikroplastik auch schon im 11 000 Meter tiefen Marianengraben nachweisen. Apropos Mikroplastik : Das ist kein Problem, das irgendwo, weit weg von Bad Kissingen , stattfindet. Denn bei jeder Autofahrt entsteht, wenn auch nicht sichtbar, Reifenabrieb. Jeder Deutsche - das ergaben die Recherchen des Seminars - produziert pro Jahr 2,5 Kilo Mikroplastik . Das summiert sich für die Bundesrepublik auf 200 000 Tonnen.

Jetzt zogen die jungen Leute eine erste Bilanz. Sie luden zu einem Vortragsabend in die Aula ein, in dem Jannick Metz und Theodor Ogarkow die Ergebnisse präsentierten. Und sie erarbeiteten eine Ausstellung in der Eingangshalle des Gymnasiums, die an fünf Stationen die Arbeit und die Ergebnisse der Forschungen präsentiert. Sie ist noch nächste Woche zu besichtigen, dann muss sie abgebaut werden. Was aber bleibt, als echtes Souvenir oder Erinnerungsstück, ist ein Gegenstand, der bei der Müllvermeidung helfen kann und immer wieder an die Notwendigkeit erinnert: eine weiße Jutetasche mit einem Logo, das einfacher und trotzdem eindringlicher nicht sein könnte: "Mehrweg statt Meerweg" ist da zu lesen, und darunter sieht man eine brechende Woge, auf der gut erkennbar ein Plastikbeutel schwimmt.

Erhältlich in der Schule

Gemeinsam wurde das Logo entwickelt, das dann von Kevin Schlereth gestaltet wurde: "Das war eigentlich ganz einfach", meint er. Bei Meer denke man an Wellen und bei Plastik an Einkaufstüten, und die beiden habe er verbunden. Jetzt soll die Vermarktung anlaufen. In der Schule sind die Taschen schon für 2,50 Euro schon zu haben. Über eine weitere Verbreitung sind Gespräche mit der Kissinger Werbegemeinschaft angelaufen. Mit dem Gewinn will die Gruppe ihre Forschungen refinanzieren. "Und vielleicht", so Marius Schmück, "bleibt noch ein bisschen für den Abi-Ball übrig."

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