Münnerstadt

Kein Sex vor der Ehe? Für ihn eine Frage des Glaubens

Rudolf Gehrig aus Seubrigshausen wird nächstes Jahr heiraten - und erst dann mit seiner Frau schlafen. Ein Gespräch über Glauben, Sex und Witze darüber.
Für Rudolf Gehrig aus Seubrigshausen steht fest: Sex erst nach der Eheschließung. Julius Teders / EWTN.TV
Für Rudolf Gehrig aus Seubrigshausen steht fest: Sex erst nach der Eheschließung. Julius Teders / EWTN.TV

Vor 50 Jahren feierten Hippies in Woodstock Sex , Liebe , Rock"n"Roll. Spätestens mit Einzug der Pille und der damit verbundenen Freiheit der Frauen, die endlich ein funktionierende Verhütungsmittel nutzen konnten, hatte sich das kirchliche Gebot der Keuschheit überholt. Und dennoch: Es gibt sie, die Menschen, die erst nach der Eheschließung Sex haben werden. So wie Rudolf Gehrig aus Seubrigshausen. Der 25-Jährige ist Redakteur für den katholischen Fernsehsender EWTN.TV in Köln.

Sie sind attraktiv, jung, selbstbewusst - einer wie Sie, der könnte doch 1000 Frauen haben.

Rudolf Gehrig(lacht): Selbst wenn es so wäre: Ich werde nächstes Jahr heiraten und weiß, dass eine einzige Frau schon ausreicht, um die Nerven zu strapazieren. Aber auch, um glücklich zu sein.

Glückwunsch! Da hoffe ich, dass Sie beide sich vorher genau geprüft haben.

Oh ja! Wir haben Stürme und Erdbeben überlebt. Klar, es kracht in einer Beziehung immer wieder mal, aber ich weiß schon seit einiger Zeit: Sie und keine andere.

Sie leben keusch. Ihren ersten Geschlechtsverkehr werden Sie erst nach der Hochzeit haben. Ist das nicht ziemlich...gestrig?

Es liegt ja noch vor mir in der Zukunft. Im Ernst: Ich habe mich nicht für diesen Weg entschieden, weil er "gestrig" ist, sondern weil er für mich der richtige ist.

Warum ist Sex vor der Ehe eine Sünde und danach keine mehr? Es wird weder vor noch nach der Ehe etwas anderes sein als der Akt, im Idealfall mit Liebe gemacht.

Die Sexualität ist ein Geschenk. Die Ehe , in der sich zwei Menschen vorbehaltlos Liebe und Treue auf Lebenszeit versprechen, ist der würdige Rahmen für dieses Geschenk. Wie beim Weintrinken: Ich kann ihn auf dem Supermarkt-Parkplatz einfach aus dem Tetrapak saufen. Oder ich gebe ihm einen würdigen Rahmen und genieße ihn im schönen Weinglas bei Kerzenschein auf dem Balkon.

Wenn Gott uns doch mit all unseren Sehnsüchten, Gefühlen und Verlangen erschaffen hat, wie kann es dann schlecht sein, auch vor der Ehe dem nachzugehen?

Wenn ich abends nach hause komme, würde gerne immer dem Bedürfnis nachgehen, Pizza zu bestellen, statt mich selbst an den Herd zu stellen. Das Verlangen an sich ist keine Sünde. Doch als gereifte Persönlichkeit muss ich selbst entscheiden, wann es gut ist welchem Verlangen nachzugehen. In Bezug auf die Sexualität haben wir uns dafür entschieden, dass es besser ist bis zur Ehe zu warten.

Unter uns: Es kann passieren, dass wirklich alles vermeintlich zu 100 Prozent stimmt - und dann merkt man im Bett: Hoppla. Das hab ich mir aber anders vorgestellt. Was dann? Erfahrung zu haben ist manchmal nicht schlecht, oder sehen Sie das anders?

Richtig. Ich warne davor zu glauben, dass der voreheliche Verzicht auf Sex das alleinige Rezept auf eine glückliche Ehe ist. Aber dieser Verzicht ist sicher eine gute Zutat. Meine Verlobte und ich wissen beide, dass wir uns lieben und miteinander alt werden wollen. Doch wir wissen auch, dass wir nicht alles steuern können. Wir müssen ins Risiko gehen. Wenn ich ihr nächstes Jahr den Ring anstecke, ihr dabei tief in die Augen blicke und vor ihr, vor Gott und vor allen Anwesenden das Eheversprechen ablege, dann verspreche ich auch, dass ich selbst dann bei ihr bleiben und sie lieben werde, wenn es ganz anders kommt als geplant. Auch dann, wenn sie einen schweren Unfall haben oder für immer entstellt sein sollte. Auch dann, wenn sie einmal alt und faltig ist. Und: Auch dann, wenn sich herausstellen sollte, dass sie eine Niete im Bett ist.

Oder Sie! Schön, dass Sie dabei grinsen. Aber vorher schon ein bisschen Erfahrung zu haben schadet doch nicht...

Wir werden das in der Hochzeitsnacht schon hinkriegen. Ansonsten gebe ich Ihnen Recht: Meine Erfahrung ist die, dass dieses Mädel mit mir in den letzten sechs Jahren durch alle Höhen und Tiefen gegangen ist und wir uns dadurch gut genug kennen und einander so sehr vertrauen, dass wir das Abenteuer Ehe angehen werden. Die Erfahrung ist für uns wichtiger als eine "Probefahrt im Bett".

Wann beginnt Sex denn? Ist Sex denn nicht auch schon das zärtliche Berühren am ganzen Körper?

Falls die Frage darauf abzielt, ob wir trotzdem Zärtlichkeiten austauschen, uns küssen oder kuscheln: Ja! Nur beim Fußballschauen bin ich nicht so dafür zu haben...

Was ist mit sexuellen Gedanken? Wie gehen Sie denn mit dem Verlangen, der Sehnsucht nach Sex um?

Ich kann es nicht ausschalten und ich werde es auch nicht verteufeln. Solange ich mir bewusst bin, wofür und für wen ich momentan auf Sex verzichte, ist das kein Problem. Noch mal: Sex ist an sich keine Sünde, sondern ein Geschenk, in dem zwei Menschen sich auf die womöglich beeindruckendste Art ihre Liebe zeigen und dabei sogar Leben zeugen können. Deswegen nennt man es ja auch so schön " Liebe machen". Ohne Liebe wäre das alles nix.

Und wie steht es mit der Selbstbefriedigung?

Ich weiß nicht, wie viel das mit Liebe zu tun hat oder mehr mit Triebbefriedigung. Ist es nicht interessant, dass das Wort "Wichser" selbst heute noch immer ein Schimpfwort ist, auch wenn einem in der Werbung oder in den Medien vermittelt wird, Selbstbefriedigung sei es das Normalste der Welt? Es ist kein Weltuntergang mal auf die Nase zu fallen, doch ich weiß, dass die Selbstbefriedigung auch in meinem Bekanntenkreis für viele zu einem Problem geworden ist. Ich möchte zwar keine Schleichwerbung machen, aber für viele ist eine gute Beichte oft ein guter Anfang, um aus diesem Strudel herauszukommen.

Ich kann mir vorstellen, dass Ihre Einstellung Ziel von Witzchen und Attacken ist - wie schaffen Sie es, da Paroli zu bieten?

Wenn die Witze gut sind, muss ich selber drüber lachen. Wenn ich überzeugt von einer Sache bin, sollte mich ein blöder Spruch nicht sofort aus der Ruhe bringen. Mir ist es wichtig, dass die Leute wissen, dass ich sie nicht auf ihre Sexualität reduziere oder darauf, wie oft sie in die Kirche gehen. Ich respektiere ihre Lebensweise und sie hoffentlich meine. Ich bin nicht "die Jungfrau" oder "der Kirch-Renner", sondern "der Rudolf". Ich verleugne meine Prinzipien nicht, doch bei Freunden aus meinem Fußballverein muss ich ein anderes Vokabular anwenden als bei frommen Mitchristen.

Zum Beispiel?

Einmal hat mich ein Mitspieler nach dem Match unter der Dusche gefragt, warum ich überhaupt einen Penis habe, wenn ich doch eh noch keinen Sex habe. Ich habe gesagt: "Damit du mal siehst, wie groß deiner wäre, wenn du dich nicht dauern selbst befriedigen würdest". Wir haben gelacht und hatten später ein spannendes Gespräch über Sexualität . Reicht Ihnen das als Beispiel oder kriegen Sie Ärger mit dem Chefredakteur?

Dem ist nichts Menschliches fremd. Ganz herzlichen Dank für Ihre Offenheit!

Gern!

Und...laden Sie mich zur Hochzeit ein?

Natürlich!

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