LKR Bad Kissingen

Kernzone: Darf ich da rein?

Natur erleben und sie schützen - das ist in der Rhön möglich. Auch wenn einige Spielregeln zu beachten sind.
Die Langen Steine bei Riedenberg liegen in einer Kernzone des Biosphärenreservates.  Foto: Steffen Standke       -  Die Langen Steine bei Riedenberg liegen in einer Kernzone des Biosphärenreservates.  Foto: Steffen Standke
Die Langen Steine bei Riedenberg liegen in einer Kernzone des Biosphärenreservates. Foto: Steffen Standke

Die Langen Steine im Römershager Forst Nord bei Riedenberg: Sie gehören zu den vielen natürlichen Schätzen der Rhön. Und sind besonders reizvoll, weil nicht so überlaufen. Doch sie liegen in einer Kernzone. Und genießen damit einen besonderen Schutz.

Eigentlich sind die Regeln für die 58 Kernzonen im Gebiet der Bayerischen Rhön klar definiert: Betreten werden dürfen sie nur auf ausgewiesenen oder markierten Wegen. Abweichen untersagt. In der Kernzone Pflanzen zu beschädigen oder gar abzureißen, ist erst recht verboten, genauso wie dort zu zelten und Lagerfeuer zu entfachen. Abfall, auch organischer, darf nicht in die Natur geworfen, sondern muss mit heimgenommen werden. Hunde gehören an die Leine; sie könnten Wild aufscheuchen.

Die Regeln stehen - in einfachen Bildern - auf jedem Schild, das eine Kernzone ankündigt. So an den Langen Steinen, wo eines den Rand eines klar erkennbaren Forst- und Wanderwegs ziert. Aber auch für ein Stück Verwirrung sorgt.

Denn just neben dem Schild führt ein offensichtlich menschengemachter Pfad mitten ins Felsgebiet hinein. Weiter oben scheint er sich zwischen Steinen und Totholz zu verlieren. Ob das Hineingehen hier erlaubt ist?

Tobias Gerlach von der bayerischen Verwaltungsstelle des Biosphärenreservats Rhön in Oberelsbach glaubt das nicht. Der promovierte Diplombiologe war vor mehreren Jahren an den Langen Steinen, kennt den aktuellen Zustand dort nicht. Aber eigentlich sei es so, dass die Ranger solche Schilder meist dort aufstellen, wo der Zutritt oder das Abweichen von markierten Wegen explizit untersagt ist. Eine Markierung zwischen den Steinen sucht man vergebens.

Laut Gerlach lassen sich die Kernzonen in der Rhön in zwei Kategorien unterteilen. In der einen Hälfte liegt bereits Wald in naturnahem Zustand vor. Den gelte es unbedingt zu erhalten. "Dieser Wald unterliegt dem sogenannten Prozessschutz. Dort wird der Verfall und das Absterben des Waldes gefördert und es findet lediglich Wegesicherung auf ausgewiesenen Wanderwegen statt."

Als Beispiel für eine solche Kernzone kann der Lösershag gelten - ein Waldstück in den Schwarzen Bergen oberhalb Oberbachs, das seit Jahrzehnten aus der forstwirtschaftlichen Nutzung genommen und zum Urwald geworden ist. Dort prägen viele Buchen und Totholz das Bild, so, wie es in der Rhön vor Jahrhunderten der Fall gewesen sein muss. Die Wege, die dort hindurchführen, werden lediglich freigehalten, Wanderer vor herunterfallenden Ästen oder umstürzenden Bäumen geschützt.

Die - etwas kleinere - zweite Hälfte der Kernzonen weist einen anderen Charakter auf. Sie wird oder wurde von Fichten dominiert. Diese Bäume wurden unter anderem am Farnsberg in den 1950er- und 1960er-Jahren gepflanzt. Heute gelten sie mit ihren flachen Wurzeln als anfällig für Windwurf und wenig widerstandsfähig gegen das sich verändernde Klima. Außerdem sind sie gefundenes Fressen für Schädlinge wie den Borkenkäfer.

Insbesondere die Bayerischen Staatsforsten haben in den vergangenen Jahren viele Fichten aus den Kernzonen entnommen, so auch am Farnsberg. Die Aktionen sorgten für Aufsehen, insbesondere wenn Harvester ihr Werk verrichteten. Auch waren viele Wanderwege derweil gesperrt.

Aber das Entfernen der Fichten soll dem verbleibenden Wald erst ermöglichen, durch Aussamen in einen naturnahen Zustand zurückzuwachsen. "Da ist der Grund für das Betretungsverbot weniger, dass die intakte Natur nicht gestört werden soll, sondern die Sicherheit", wirbt Tobias Gerlach um Verständnis.

Er schließt nicht aus, dass sehenswerte Orte durch Kernzonen nicht mehr zugänglich werden. Wie die mittelalterliche Burg Schildeck beim gleichnamigen Ort im Altlandkreis Brückenau. Alte Rückepfade der Waldarbeiter sind seit Ausweisung einer Kernzone zugewachsen, die Mauerreste zumindest im Sommer unerreichbar.

Doch die meisten Kernzonen im Landkreis Bad Kissingen bleiben über ausgewiesene Wege gut erreichbar, sagt Gerlach. So das Muschelkalkplateau des Ofenthaler Berges bei Hammelburg, wo ein lichter Wald sich mit Weinbergen verzahnt. Oder der Schwedenberg zwischen Elfershausen und Feuerthal, den ein magerer Kiefernwald prägt. Und schließlich die Wichtelhöhlen bei Bad Kissingen, die auch mitten in einer Kernzone liegen.

Für Klaus Spitzl , Geschäftsführer beim Verein Naturpark & Biosphärenreservat Bayerische Rhön, sind die Kernzonen "Schaufenster der Natur". Auch er rät Besuchern, im Zweifelsfall auf den markierten Wanderwegen zu bleiben. Davon gebe es genug in der Rhön.

Spitzl muss es wissen, besteht doch eine Hauptaufgabe seines Vereins darin, solche Wege auszuweisen. 30 sogenannte Extratouren sind es inzwischen, neben dem Premium-Wanderweg "Hochrhöner", der von Bad Kissingen nach Bad Salzungen in Thüringen führt. Erst vor wenigen Monaten stieß der noch nicht offiziell eröffnete "Waldfensterer" mit seiner Wegführung über die Platzer Kuppe hinzu.

Sorge um einige Schutzgebiete

Spitzl treibt etwas die Sorge um, dass einige gut zugängliche Kernzonen im Sommer eine Art Overkill erleiden. Und zwar da, wenn wegen Corona viele Deutsche, besonders aus dem Rhein-Main-Gebiet, im Urlaub nicht ins Ausland fahren, sondern ihre Heimat und speziell die Rhön wiederentdecken.

Und die Langen Steine? Werden vom Ansturm wohl eher verschont und ein Kleinod bleiben, das Besucher von außen betrachten können. Wenn sie sich an die Spielregeln halten.

Weitere Artikel

Schlagworte

  • LKR Bad Kissingen
  • Burg Schildeck
  • Forstwirtschaft
  • Kiefernwald
  • Klaus Spitzl
  • Naturparks
  • Pflanzen und Pflanzenwelt
  • Schutzgebiete
  • Schädlinge
  • Totholz
  • Wald und Waldgebiete
  • Wanderwege
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!