Bad Kissingen

Können diese Augen lügen?

Die wichtigste Frage, die er sich in seinem Beruf jeden Tag stellt: Wahrheit oder Lüge? Reinhard Oberndorfer ist Chef am Amtsgericht. Wie entlarvt er Schwindler und Betrüger?
Nervösität und Schweißausbrüche sind nicht unbedingt Zeichen dafür, dass jemand versucht, dem Gericht falsche Tatsachen unterzujubeln, meint Reinhard Oberndorfer, Leiter des Bad Kissinger Amtsgerichts. Foto: Carmen Schmitt
Nervösität und Schweißausbrüche sind nicht unbedingt Zeichen dafür, dass jemand versucht, dem Gericht falsche Tatsachen unterzujubeln, meint Reinhard Oberndorfer, Leiter des Bad Kissinger Amtsgerichts. Foto: Carmen Schmitt

Jedesmal, wenn jemand vor ihm Platz nimmt, sagt Reinhard Oberndorfer seinen Spruch auf. Die Ansage ist genauso freundlich wie unmissverständlich: Wer hier flunkert, bekommt Ärger . Reinhard Oberndorfer ist Chef am Amtsgericht in Bad Kissingen . Bei jeder Verhandlung versucht er einem menschlichen Reflex auf die Spur zu kommen: Was ist Wahrnehmung und was ist Schlussfolgerung? Er erklärt, wieso das Gegenteil der Wahrheit in verschiedenen Varianten daherkommt und welche davon für seine Arbeit am gefährlichsten ist.

Können diese Augen lügen? Hat ein Richter einen Blick dafür, ob eine ehrliche Haut vor ihm sitzt oder nicht? "Nein, das bilde ich mir nicht ein", sagt Reinhard Oberndorfer. Um zu überprüfen, ob er und die Schöffen womöglich einen Bären aufgebunden bekommen sollen, verlässt er sich auf andere Kriterien. Der 62-Jährige erzählt, warum Nervösität und Schweißausbrüche nicht dazugehören.

"Es ist immer unangenehm im Zeugenstand - selbst als Insider", sagt er. Wenn jemand unruhig zappelt oder ins Schwitzen gerät, versucht der Richter eher, die Spannung zu nehmen. "Mir sind eher die Coolen suspekt."

Beweisen!

Im Mittelalter reichte es zur Wahrheit , wenn sich zwei Leute einig waren, weiß Reinhard Oberndorfer. Heute gilt: "Im Zweifel für den Angeklagten." Um solche Zweifel nach und nach auszuschließen und Widersprüche zu klären, ist er auf Zeugen angewiesen - und genau die sind der "heikle Punkt" bei einer Verhandlung.

"Man muss unterscheiden zwischen Wahrnehmungen und Schlussfolgerungen", sagt der Richter und erklärt, dass es ganz normal ist, dass Menschen Zusammenhänge für sich formulieren. Ein Dilemma: Das Gericht braucht Fakten - keine Geschichten.

Reinhard Oberndorfer kennt zwei Sorten von Unwahrheit. Die Lüge und den Irrtum. Wer lügt, erzählt mit Absicht Quatsch. Gefährlicher für das Gericht sind die anderen, sagt er, die "gutwilligen Zeugen , die sich irren".

Aus der Erinnerung

"Man muss sich immer vergegenwärtigen: Ein Mensch ist keine Videokamera." Wenn alles plötzlich ganz schnell geht - wie bei einem Autounfall - bleibe wenig hängen. Keiner erinnere sich an jedes Detail. Schon gar nicht, wenn ein Vorfall eine ganze zeitlang zurückliegt. Tut er es doch, wird der Richter skeptisch. Dann riecht die Aussage eher nach einer abgesprochener Erzählung. Reinhard Oberndorfer bohrt nach: Was war vorher, was passierte danach? Manchmal hilft er einem Zeugen mit dem auf die Sprünge, was der oder die direkt bei der Polizei erzählt hat, um zu klären, was wirklich war.

"Kopfkino" brauche er, bevor er ein Urteil sprechen kann, meint Reinhard Oberndorfer. Ehe er - mit oder ohne Schöffen - die Höhe der Strafe festlegt, geht es daran zu prüfen, ob die Geschichte plausibel ist. "Von welchem Sachverhalt gehen wir aus?" Richter Oberndorfer stellt sich Fragen wie: "Kann ich mir das so vorstellen?" "Ist das realistisch?" Ist eine Entscheidung mal gefallen, hakt der Richter den Fall ab. Zweifel im Nachhinein? "Ich versuche meine Arbeit gut zu machen. Was erledigt ist, ist erledigt. Über entschiedene Dinge denke ich nicht nach."

Alternative Fakten? Quatsch!

Doch wie weit her ist es mit der Wahrheit heutzutage? "In Strafverfahren wurde schon immer gelogen", sagt Reinhard Oberndorfer, " aber heutzutage erfährt die Wahrheit eine bedenkenswerte Erosion." Eine Tendenz, die ihn beunruhigt: sogenannte "alternative Fakten", die Verbreitung von Halbwahrheiten über die sozialen Medien... "Früher hat man zumindest verschämt gelogen. Ich habe den Eindruck, die Bereitschaft wird geringer, die Wahrheit zu achten." Er warnt davor, dass das Lügen salonfähig werden könnte, besonders in Zeiten, in denen Vorbilder und Machthaber es vormachen. Apropos Vorbild: Wie hält es ein Richter eigentlich privat mit der Wahrheit ?

Die Beweisfindung bleibt im Gerichtssaal, sagt Reinhard Oberndorfer. Alles andere dürfte reichlich ungemütliche Diskussionen am Tisch der Familie nach sich ziehen, wenn es um den Weihnachtsmann oder den Osterhasen geht. "Ja, klar, die gab es", sagt der Richter und lacht. Und eine Notlüge? Was in seinem Gerichtssaal tabu ist, geht im Privatleben schon mal durch. Ausreden, um gesellschaftlichen Verpflichtungen aus dem Weg zu gehen, sind erlaubt, sagt er. "Das ist manchmal das gnädigere Verfahren als zu sagen ,Ich habe keine Lust'."

Von einem Menschen, der sich als Zeuge auf den Stuhl vor ihm im Gerichtssaal setzt, erwartet er eigentlich gar nicht viel, sagt der Richter. "Nur, dass er die Fakten richtig dastellt - und die Mütze abnimmt."

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