Bad Kissingen

Lieferengpässe bei Medikamenten treffen auch den Landkreis

Engpässe bei Medikamenten gehören für Ärzte, Apotheken und auch Patienten schon zum Alltag, auch im Landkreis Bad Kissingen. Ein Gesetzespaket, das der Deutsche Bundestag verabschieden will, soll Abhilfe schaffen.
Illustration Carolin Neundorfer; adobe stock
Illustration Carolin Neundorfer; adobe stock

Das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte aktualisiert regelmäßig die Liste der Medikamente, für die gerade ein Lieferengpass gemeldet ist. Das Apotheker-Ehepaar Günter und Barbara Merkl (Ludwig-Apotheke Bad Kissingen ) und der Oberthulbaer Hausarzt Ewald Schlereth kennen diese Liste nur zu gut. "Sie ist lang", weiß Barbara Merkl aus der täglichen Praxis. Denn Apotheken oder Ärzte haben fast täglich mit diesem Problem zu kämpfen. Der Laie reibt sich die Augen angesichts der Menge an Medikamenten, die in der Liste aufgeführt sind. Für über 260 Produkte oder Verpackungsgrößen (ohne Impfstoffe) waren dem Bundesamt Anfang Februar Liefer-Engpässe gemeldet. Darunter waren Schmerzmittel ebenso wie Cholesterinsenker , Schilddrüsenmedikamente, Präparate bei Parkinson oder Antidepressiva. Bei manchem Medikament ist es nur ein kurzfristiger Engpass, bei anderen geht dieser über lange Zeit.

"Das sind die neuen Zeiten", erklärt Apotheker Günter Merkl die Situation und verweist darauf, dass die Produktion von Medikamenten auf wenige Standorte weltweit konzentriert ist. Fällt eine Produktionsschiene aus, gibt es Probleme. "Wir sind abhängig vom Ausland", erklärt auch der Hausarzt Ewald Schlereth. In Apotheken und Arztpraxen ist man derweil bemüht, dass die Patienten möglichst wenig unter den Engpässen leiden. Einfach ist das nicht.

Engpässe binden Ressourcen

Im besten Fall ist es so, dass nur die Verpackungsgröße eines Medikaments Lieferengpässe hat. Es kann aber auch sein, dass ein Pharma-Konzern ein Medikament nicht liefern kann, aber ein Ersatzpräparat mit identischen Wirkstoff auf dem Markt erhältlich ist. Klingt unkompliziert, ist es aber nicht unbedingt: Das Ersatzmedikament hat zwar die gleiche Wirkung, aber Krankenkassen haben heute Rabattverträge mit Pharmakonzernen; so muss oft erst abgeklärt werden , ob die Alternative herausgegeben werden kann. Man müsse der Kasse begründen, weshalb das verschriebene Medikament nicht zur Verfügung steht, erläutert die Apothekerin.

Sind die Mehrkosten deutlich höher, müsste im schlimmsten Fall sogar der Patient einen Teil der Mehrkosten tragen.

Noch schwieriger wird es, wenn ein Wirkstoff vom Engpass betroffen ist. Dann kann es sein, dass auf ein neues Medikament eingestellt werden muss. Für den Patienten bedeutet dies erst einmal einen weiteren Arztbesuch und die Unsicherheit dazu, ob die Alternative gut vertragen wird. Solche Engpässe "bringen den Patienten Sorgen und dem Arzt viel Arbeit" in der ohnehin knappen Zeit, sagt Schlereth.

Erst jüngst hat er erlebt, dass sogar ein Antibiotikum so gut wie vergriffen war. Der Patient habe zahlreiche Apotheken abgeklappert, ehe er glücklicherweise noch fündig wurde und den Restbestand beziehen konnte. Schlereth hält diese Entwicklung für sehr bedenklich und bedauerlich. Er selbst überlegt, ob eine nationale Reserve für die wichtigsten Medikamente sinnvoll ist.

Barbara Merkl empfiehlt Menschen, die regemäßig bestimmte Medikamente einnehmen müssen, selbst eine gewisse Vorratshaltung zu betreiben. Man sollte mindestens vier Wochen vor Ende der angebrochenen Medikamenten-Packung schon wieder an das neue Rezept denken.

Mehr Sicherheit

Die Bundestagsabgeordnete Sabine Dittmar (Maßbach, SPD ) ist selbst Ärztin und arbeitet im Ausschuss für Gesundheit daran, auf politischer Ebene eine Lösung zu finden. Sie setzt auf ein Gesetzespaket, das am Donnerstag (13. Februar) im Bundestag verabschiedet werden soll. Dieses soll Verbesserungen und mehr Sicherheit bringen. Sabine Dittmar betont aber, dass die Liefer-Engpässe bei Medikamenten kein deutsches oder europäisches, sondern ein weltweites Problem sind. Die Konzentration auf immer weniger Produktionsstandorte ist ein Grund, aber auch die Tatsache, dass immer mehr Menschen weltweit Zugang zu Medikamenten haben und der Bedarf ständig steigt. Die Bundestagsabgeordnete verspricht sich vom Gesetzespaket spürbare Verbesserungen. Die Meldung von Lieferengpässen sei bislang nur auf freiwilliger Basis erfolgt. Das soll sich für versorgungskritische und versorgungsrelevante Wirkstoffe ändern. Versorgungskritische Medikamente sind beispielsweise solche, die nur von einem Hersteller produziert werden. Pharmakonzerne müssen dem Bundesamt für Arzneimittel künftig regelmäßig entsprechende Daten liefern.

Bei kritischen Medikamenten soll zudem die Lagerhaltung von zwei Wochen verlängert werden, erläutert Sabine Dittmar . Und Krankenkassen sollen, so das Gesetzespaket, künftig verpflichtet sein, dass Patienten ihre benötigte Ersatz-Arznei sofort erhalten, auch wenn diese von einem Hersteller kommt, deren Produkt nicht im jeweiligen Rabattvertrag aufgeführt ist. Ganz wichtig für die Patienten sei dabei, dass die Krankenkassen die eventuellen Mehrkosten für ein Ersatzmedikament und nicht die Patienten tragen müssen, erklärt Sabine Dittmar . "Da bin ich froh, dass wir das erreicht haben". Die Krankenkassen müssten sehen, wie sie ihre Verträge mit den Pharmakonzernen gestalten.

Die Bundestagsabgeordnete berichtet auch, dass beabsichtigt ist, das Thema Arzneimittelsicherheit im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft (ab 1. Juli 2020) auf die Agenda zu setzen. Medikamente müssten wieder stärker in Europa produziert werden. Die Politik müsse dazu den Rahmen vorgeben, erklärt Sabine Dittmar .

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