Maßbach

Maßbach: Liebeserklärung an das Lesen

"Bildung für Rita" erinnert ein bisschen an "My Fair Lady", aber hier ist das Mädchen die treibende Kraft, die sich bilden will und nicht der Professor. Absolut empfehlenswert.

Also jetzt mal ehrlich! "Bildung für Rita" - wie das schon klingt! Weniger einladend und neugierig machend kann ein Theaterstück kaum heißen. Das klingt überhaupt nicht nach Unterhaltung, sondern nach Volksbildung im Sinne Georg Kerschensteiners. Da ist der englische Originaltitel schon etwas ganz anderes, obwohl er eigentlich nichts anderes heißt: "Educating Rita". Das hat Sprachmelodie, so könnte auch ein Beatles-Song heißen. Aber "Erziehung für Rita"?

Aber die Skepsis nimmt schon ab, wenn man die Stückvorlage erfährt: "Pygmalion" von George Bernard Shaw können wir mal auslassen, das ist nicht allzu bekannt. Aber "My Fair Lady" - ein Publikumsmagnet aus einer Zeit, in der Musicals noch nicht auf Rollschuhe gestellt wurden - kennt ab einem gewissen Alter jeder: die Geschichte von dem Sprachforscher Professor Henry Higgins, der mit seinem Freund Oberst Pickering eine Wette abschließt, dass er es schafft, aus dem Blumenmädchen Eliza Doolittle, das er aus der Gosse gezogen hat, allein durch Spracherziehung in die gehobene Gesellschaft einzuführen. Er gewinnt die Wette, aber Eliza rutscht sofort wieder hinunter in die Gosse, weil Higgins ihr zwar die Sprache, aber keinerlei Inhalte und noch weniger den erforderlichen gesellschaftlichen Hintergrund vermittelt hatte. Der Mensch Eliza war ihm vollkommen gleichgültig.

Raus aus der geistigen Enge

Das Musical wird gerne zum Vergleich herangezogen, wenn es um "Bildung für Rita" geht, weil auch hier ein Mädchen aus dem Arbeitermilieu und ein Universitätsprofessor aufeinanderstoßen. Aber der Vergleich ist falsch. Denn in dem Stück des Engländers Willy Russell (in der absolut stimmigen Übersetzung von Angela Kingsford Röhl) ist nicht der Professor die treibende Kraft, sondern das Mädchen: Rita, die Friseuse, möchte aus ihrer geistigen Enge ausbrechen, möchte nicht mehr der Hofnarr sein, möchte nicht nur Groschenromane lesen, sondern "richtige Bücher", Literatur - und sie möchte sie auch verstehen. Deshalb meldet sie sich an der "Open University" an - ein Angebot englischer Universitäten, für Seiten-, Spät-, Quereinsteiger und Schulabbrecher , das es einmal gab, bis Margret Thatcher kam. Und sie gerät an den frustrierten Literaturwissenschaftler Frank, der die Bücher in den Regalen seines Arbeitszimmers eigentlich nur noch braucht, um dahinter die hochprozentigen Flaschen zu verstecken. Ihm soll gekündigt werden, weil er in einer Vorlesung im Vollrausch zweimal vom Podest gefallen ist.

Es dauert eine Zeit, bis Frank sich an den verbalen Dauerbeschuss seiner Studentin gewöhnt hat, bis er merkt, dass sie spontane, vermeintlich naive, aber durchaus interessante Fragen stellt, denen man sich stellen sollte. Denn Rita nimmt Literatur noch wörtlich, geht davon aus, dass das, was auf dem Papier steht, auch so gemeint ist. Und wenn sie etwas hasst , dann ist es das Schreiben von Essays.

Mitreißende Wortwechsel

Willy Russell hat aus dieser spröden, zunächst akademisch abweisenden Basis ein fulminantes Dialogstück in zwölf Bildern für zwei Personen gemacht mit mitreißenden Wortwechseln, jeder Menge Anspielungen auf die englische Literatur - die man nicht unbedingt kennen muss, um sich trotzdem zu amüsieren. Und er hat trotzdem noch Platz gefunden für Außerliterarisches wie etwa die persönlichen Beziehungskrisen der beiden, die so ganz nebenbei verhandelt werden. Aber am Ende haben beide eine Entwicklung durchgemacht, mit der sie zufrieden sein können - anders als bei "My Fair Lady".

Perfektes Timing

Und schließlich geht es hier um Bildung, nicht um "Hochdeutsch". Ein Text, der höchst genussvoll atemlos machen kann. Und ganz nebenbei ist er auch eine Liebeserklärung an das Lesen.

Rolf Heiermann hat das Stück mit Anna Schindlbeck als Rita und Ingo Pfeiffer als Frank auf die Bühne (der Lauertalhalle) gebracht, und das auch noch höchst coronagerecht, ohne dass es auffallen würde. Was dadurch erleichtert wird, dass die beiden auch in Nicht-Coronazeiten nie die Absicht gehabt hätten, sich zu küssen. Herausgekommen ist eine Inszenierung mit einem enormen Tempo und perfekten Timing, die absolute Konzentration erfordern, und die trotzdem immer einen ganz klaren roten Faden spannt. In einer ausgeklügelten Personenregie, in der auch kleinste Bewegungen, das kleinste Möbelrücken ihre Bedeutung haben. In der spürbar ein frischer Wind in die miefige Universitätswelt ("unter den Talaren ...") gepustet wird. In der eine große Spannung aufgebaut wird: Man kann sich zwar denken, wie es in der nächsten Szene weitergeht, aber sicher ist man sich nie.

Beide Figuren gewinnen

Hochprofessionell ist auch die Umsetzung. Anna Schindlbeck ist eine Rita, die nicht nur Frank auf die Nerven gehen kann mit ihrer künstlich hohen, piepsigen Stimme und ihrer überfallartigen Dauer-Logorrhroe, hinter der sie ihre Unsicherheit verbergen will. Aber in dem Maße, in dem sie merkt, dass ihr Professor sie ernst zu nehmen beginnt, wird sie ruhiger, spielt mit ihrer Naivität, gewinnt immer mehr Selbstbewusstsein, profitiert von ihrem Eintauchen in die Kultur. Auf der anderen Seite wird Frank zwar nicht von seiner Alkoholsucht befreit - das wäre dann doch zu viel des Guten - aber er bekommt, weil er sich herausgefordert fühlt und nachdem er sich von dem Gefühl der Überforderung verabschiedet hat, wieder Lust an der Literatur, am Diskurs, am Leben außerhalb der Studierstube, trotz seiner gescheiterten Ehebeziehung.

Wie ein Gefängnis

Man merkt aber auch schnell, in welch hohem Maße hier Bühnenbild (Robert Pflanz) und Kostüme (Daniela Zepper) mitspielen. Die muffige, enge Studierstube wirkt wie ein Gefängnis, die Bücher wie Gitterstäbe. Immerhin: Durch das Umstellen von Tischen und Stühlen lassen sich Veränderungen in der Beziehung von Frank und Rita erkennen. Und schon das klemmende Schloss an der Türe, das Rita nur mit Mühe aufbekommt, zeigt, wie schwer für sie der Zugang in die neue Welt ist. Andererseits wirken die in jeder Szene wechselnden Kleider von Rita - von hippiehaft-grellbunt bis zum strengen, einfarbigen Kostüm - und Frank - immer professoral einfallslos, aber mit rückläufiger Verwahrlosung - wie ein Kommentar der Entwicklung ihrer Träger.

Wäre "Educating Rita" oder "Bildung für Rita" ein durchschnittlich gutes Stück, dann würden am Ende Rita und Frank vermutlich im Bett landen und vielleicht sogar heiraten - obwohl das dann schon egal wäre. Aber es ist ein ganz hervorragendes Stück, und so endet es mit einer großen Überraschung. Denn ... aber halt! Das wird nicht verraten.

Man verlässt das Theater und fragt sich, was man mehr bewundern soll: das Stück oder die Umsetzung. Und man entscheidet sich sehr schnell für einen guten Kompromiss: beides!

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