Bad Kissingen

Mehr als Kuckuck-Kleben

Der Beruf des Gerichtsvollziehers hat sich gewandelt: Ein neues Gesetz bindet Reiner Simon seit vergangenem Jahr mehr an den Schreibtisch. Menschliche Kontakte bleiben auf der Strecke.
Bad Kissingen — Reiner Simon hat ein klares Bild von seinem Beruf: "Der Gerichtsvollzieher ist Mittler zwischen Gläubiger und Schuldner." Simon ist dienstältester Gerichtsvollzieher am Amtsgericht Bad Kissingen und einer von fünf Beamten, die im Landkreis für Zwangsvollstreckungen zuständig sind. Ihr Haupt-Job ist, dass Gläubiger an ihr Geld kommen. Das wird nach Simons Worten aber immer schwieriger - und das 2013 neu in Kraft getretene Gesetz zur Zwangsvollstreckung habe die Lage eher verschlechtert.
Reiner Simon ist für die Gemeinden Burkardroth, Geroda, Wildflecken, Bad Bocklet und Riedenberg zuständig. Mit dem alten Klischee des Schnüfflers, der auf alles seinen "Kuckuck", also die amtliche Pfandsiegelmarke klebt, hat sein Beruf nicht mehr viel zu tun: "Die Sachpfändung ist total in den Hintergrund getreten", verweist er zudem darauf, dass die Aufkleber meist im Koffer bleiben.

Video-Rekorder war der Klassiker

Früher seien zum Beispiel Video-Rekorder gerne gepfändet worden: Nicht lebensnotwendig und gut zu verkaufen. Heute laufe Elektronik gar nicht mehr: Vieles, wie der Fernseher, gehörten zum täglichen Bedarf, und durch die rasante Entwicklung ist das meiste sowieso unverkäuflich. Lediglich die ein oder andere Antiquität oder Schmuck - falls vorhanden - lasse sich heute noch gut pfänden.
Stattdessen setzt Simon auf klare Vereinbarungen. Wenn der Schuldner regelmäßig kleine Beträge zurücklege, könne er die Forderungen oft zumindest langfristig abstottern. Deshalb begrüßt der Ober-Gerichtsvollzieher auch ausdrücklich, dass im neuen Gesetz Ratenzahlungen besser geregelt sind.

Immer öfter am Schreibtisch

Sonst allerdings behindere ihn das Gesetz eher: "Früher war ich zur Hälfte im Büro und im Außendienst, heute kann ich nur noch rund 20 Prozent meiner Zeit beim Schuldner sein", bedauert Simon. "Wenn man draußen ist, bewegt man natürlich viel mehr", sei das persönliche Gespräch jedoch wichtig. Das sieht auch Dr. Matthias Göbhardt, Direktor des Bad Kissinger Amtsgerichts, so: "Jetzt geht Formalismus über alles, was eigentlich früher den Gerichtsvollzieher ausgemacht hat, nämlich dass er mit den Leuten umgehen konnte, fehlt heute."
Zum Verhältnis von Gericht und Gerichtsvollzieher sagt Göbhardt: "Wir sprechen den Gläubigern Forderungen zu, er muss das dann umsetzen." Und: "Der Gerichtsvollzieher ist der verlängerte Arm des Gläubigers." Was ihn vor allem am neuen Gesetz stört: "Die Verantwortung ist gestiegen, gehaltsmäßig hat man sie eher nach unten gedrückt."

Belastende Situationen

Dem stimmt auch Reiner Simon zu: Er erhält zwar ein Grundgehalt, aber dazu kommen weitere Zahlungen, die sich früher an den eingetriebenen Summen orientierten und jetzt pauschal verrechnet werden. "Das ist nicht gerade leistungsfördernd." Vor allem spiegele es nicht den Aufwand in einigen Bereichen wider, etwa bei der Begleitung von Kindsherausnahmen: Gerichtsvollzieher werden nämlich auch eingeschaltet, um Entscheidungen des Familiengerichts umzusetzen. "Das ist der Tag, vor dem sich jeder fürchtet", erzählt Simon über Fälle, in denen Eltern um ihre Kinder kämpfen oder auch den Lebensmut verlieren. "Damit wird man leider allein gelassen", sagt Simon und würde sich eine bessere Betreuung wünschen. Er selbst setzt auf Sport, schaltet beim Radfahren ab: "Ich strample das weg."
Das gilt auch für eine andere Entwicklung in den 25 Jahren, seit Simon Gerichtsvollzieher ist. "Die Gefährdung ist deutlich gestiegen", verweist Richter Göbhardt auf Angriffe und Beleidigungen. "Die Hemmschwelle ist deutlich gesunken", sagt auch Simon selbst. Zudem sei er ja meist alleine vor Ort. Umso wichtiger ist ihm die Zusammenarbeit mit der Polizei, gerade wenn Schuldner in Beugehaft genommen werden müssen: Das ist nämlich die schärfste Waffe der Gerichtsvollzieher.
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