Münnerstadt

Münnerstadt: Die Ära Remog ist vorüber

Am Freitag verließen die letzten Mitarbeiter die Firma, in der manche über Jahrzehnte gearbeitet haben. Vor allem die älteren Mitarbeiter finden nur schwer eine neue Arbeit.
Ein Plakat und am Zaun aufgehängte Schuhe von Mitarbeitern sollten  vorbeikommende Autofahrer darauf hinweisen, dass letzten Freitag bei Remog  zumindest symbolisch die Lichter ausgingen. Dieter Britz
Ein Plakat und am Zaun aufgehängte Schuhe von Mitarbeitern sollten vorbeikommende Autofahrer darauf hinweisen, dass letzten Freitag bei Remog zumindest symbolisch die Lichter ausgingen. Dieter Britz

Der Letzte macht das Licht aus: "Beschreibt eine Situation der Hoffnungslosigkeit. Man ist dabei, die Situation, den Ort oder das System zu verlassen; es gibt nichts, was die Lage retten oder umkehren könnte. Das einzige, was zu tun bleibt, ist etwas nahe Liegendes, nämlich das Licht auszumachen." So wird diese Redewendung im Internet erklärt. Das klingt zwar reichlich pathetisch, doch genau so eine dramatische Szene spielte sich letzten Freitag ab, als um genau 13.35 Uhr das letzte Dutzend Remog-Mitarbeiter, eine einzige Mitarbeiterin war auch dabei, mit einer Mischung aus ein etwas Galgenhumor, aber sehr viel Bitterkeit das Werk für immer verließ.

Ein Teil von ihnen hat 30 bis fast 50 Jahre bei Remog gearbeitet. Gerade diese Älteren haben die größten Probleme, noch einmal bis zur Rente einen neuen Arbeitsplatz zu finden, betont der Betriebsratsvorsitzende Edgar Schneider , selbst 31 Jahre und sechs Monate dabei. Eine Weile blieben sie noch vor dem Werkstor stehen. Damit Vorbeifahrende sahen, um was es hier ging, hatten sie auch ein selbst geschriebenes Plakat "Unser letzter Arbeitstag 31.01.2020 ... Nach X Jahren" und daneben ein Dutzend Paar Schuhe an den Zaun gehängt, um auf ihre Lage nach der endgültigen Schließung des Werks aufmerksam zu machen.

Zuletzt hatte das Unternehmen in Münnerstadt rund 60 Mitarbeiter, doch am letzten Arbeitstag war ein großer Teil von ihnen in Urlaub, feierte Überstunden ab oder war krank, weiß der Betriebsratsvorsitzende . Deshalb blieb nur noch das erwähnte Dutzend bis zuletzt an Bord. Die allermeisten waren seit Jahrzehnten dabei. Etwa 25 Mitarbeiter sind über 60 Jahre alt. Ihre Chancen, etwas Neues zu finden seien besonders gering. Rund zwei Drittel der verbliebenen Mitarbeiter seien nun erst einmal arbeitslos, so Edgar Schneider . Wie sie sich fühlen? "Die Arbeit hat uns allen viel Spaß gemacht", sagt Frieda Becker, die Vertreterin der Behinderten im Betriebsrat und: "wir waren wie eine große Familie." Ein Mitarbeiter, der fast 47 Jahre bei Remog arbeitete, fühlt sich "ratlos". Er klagt: "jetzt muss ich zum Arbeitsamt." Seiner Ansicht nach "hätte das alles nicht sein müssen."

Edgar Schneider erklärt, warum seine Kollegen dieser Ansicht sind: "hätte der Firmeninhaber vor fünf, sechs Jahren angefangen, seine Nachfolge zu regeln oder das Unternehmen rechtzeitig verkauft, hätten wir heute keine Schließung." Ein ehemaliger Mitarbeiter, der 32 Jahre bei Remog sein Geld verdient hatte, klagte: "ich habe noch nichts gefunden. Noch ein paar Jahre, dann hätte ich das Alter für die Rente gehabt." Einige Mitarbeiter erzählten, wie plötzlich die Maschinen, mit denen sie noch produzierten, verschwunden seien. "Freitags haben wir aufgehört und am Montag waren sie einfach nicht mehr da", wusste einer. Ein anderer berichtete, sie hätten von einer Stunde auf die andere mit der Produktion aufhören müssen, weil die Maschine abgebaut und weggeschafft werden sollte.

Nach dem Arbeitsschluss am Freitag, der gleichzeitig das endgültige Ende war, tranken die Mitarbeiter vor dem Werkstor aus Pappbechern noch ein paar Schluck Sekt. Die Becher steckten sie in den Zaun, auch die Schuhe, die sie dort aufgehängt hatten, blieben. Dann zogen sie zu einem Abschieds-Essen in die Gaststätte Hellmig. Dieses Treffen wird aber wohl nicht das letzte gewesen sein, denn Betriebsratsvorsitzender Edgar Schneider will einen regelmäßigen Stammtisch organisieren.

Der Betriebsrat ist sowieso noch gefragt, denn noch immer gibt es keinen Sozialplan für mögliche Abfindungen. "Viele werden arbeitslos. Diejenigen, die eine neue Arbeit bekommen, haben oft hohe Lohneinbußen. Kollegen haben sich 20- bis 30-mal beworben, nichts", weiß Schneider. Die Verhandlungen in der paritätisch besetzten Einigungsstelle seien bisher ohne greifbares Ergebnis verlaufen, da kein akzeptables Angebot von Remog vorliege. In dieser Einigungsstelle wird die Arbeitnehmerseite vom Betriebsrat und der IG Metall vertreten. Ein Rechtsanwalt ist auch eingebunden. Die nächste Verhandlungsrunde der Einigungsstelle ist erst für Mai vorgesehen, denn die Firma Remog hat bis März Zeit, Unterlagen über die Wirtschaftskraft des Unternehmens im Jahr 2019 und im Januar 2020 vorzulegen. Diese würden dann an den Betriebsrat gehen, der einen Monat Zeit zur Prüfung habe. Schneider rechnet damit, dass es noch Monate dauert, bis ein Sozialplan steht. "Aber es könnte schneller gehen, wenn Herr Müller ein vernünftiges Angebot vorlegt, dass die wirtschaftlichen Nachteile der Belegschaft ausgleicht." Strittig sei unter anderem, ob das 2005 in Polen gegründete Unternehmen Remog Polska in Mielec (in Südost-Polen, 1000 Kilometer östlich von Münnerstadt ) in die Berechnung der Wirtschaftskraft von Remog Münnerstadt mit einbezogen werden muss. Edgar Schneider bejaht das.

Ruft man die Internetadresse www.remog.de auf, wird man schon jetzt auf die Adresse www.remog.pl umgeleitet. Dort heißt es "wir sind ein auf neue Technologien basierendes, innovatives, sich dynamisch entwickelndes Unternehmen" und an anderer Stelle "wöchentlich pendelt unser eigener LKW zwischen Mielec und dem Stammsitz in Münnerstadt . Das sichert unseren Kunden termingerechte Lieferungen." Dieser Satz ist jetzt wohl überflüssig.

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