Münnerstadt

Münnerstadt: Die vielen Seiten des Dichters Ludwig Nüdling

Lesen und Lesen lassen - Spezial: Mit Gedichten und Texten von Ludwig Nüdling lockte die Heimatspielgemeinde 80 Zuhörer auf den Anger. Es war mehr als nur ein kleiner Trost fürs ausgefallen Heimatspiel.
Nicolas Zenzen liest vor Publikum auf dem Anger. Foto: Hartmut Hessel       -  Nicolas Zenzen liest vor Publikum auf dem Anger. Foto: Hartmut Hessel
Nicolas Zenzen liest vor Publikum auf dem Anger. Foto: Hartmut Hessel

Die Schutzfrau hat es wieder gut gemeint mit Münnerstadt . So gut wie möglich eben. "Es sollten eigentlich die Fanfaren klingen und der Oberbürgermeister vor die Tür treten mit dem Satz:" Mein Münnerstadt im Frankenland, leg' an dein schönstes Festgewand!" Dem ist nicht so, wie alle wissen. Dr. Nicolas Zenzen der die Moderation übernommen hatte, sprach von dem vielen Durcheinander in diesem Jahr. Zusammen mit den Verantwortlichen der Heimatspielgemeinde Münnerstadt , insbesondere mit den Vorsitzenden Claudia Kind, Wolfgang Joa und Andreas Trägner, der auch in der Funktion als Zweiter Bürgermeister ( Freie Wähler ) zugegen war, wurde ein Lesungskonzept für den Anger entworfen. "Lesen und Lesen lassen -Spezial" widmete sich dem Leben und Wirken des Autors Ludwig Nüdling. Zum ersten Mal nach der Wiederaufführung 1949 wurde "Die Schutzfrau von Münnerstadt komplett aus dem Jahresprogramm gestrichen, ein Projekt mit über 200 Mitwirkenden ist im Krisenjahr 2020 nicht zu verantworten. Für den Dichter des Heimatstückes eine späte Steilvorlage oder "ein Geschenk Gottes", würde der katholische Pfarrer heute sagen, stand doch sein schriftstellerisches Wirken im Mittelpunkt.

Sieben Leser und Leserinnen

Nicolas Zenzen hatte im Vorfeld einige Bücher über Ludwig Nüdling antiquarisch erwerben können und so entstand ein äußerst kurzweiliger neunzigminütiger Vorlesenachmittag an der historischen Spielstätte. Sieben Ensemblemitglieder der Heimatspielgemeinde hatten es übernommen, aus dem reichhaltigen Dichterschatz einiges vorzulesen. Achtzig Zuhören fanden sich dazu auf dem Anger ein.

Den Anfang machten Ottilie und Michel Stapf, denn Nicolas Zenzen ordnete jedem und jeder Vortragenden ihre eigentliche Spielrolle zu. Steffi Wohlfromm und Dominik Lieb begannen mit einigen Gedichten .

Ludwig Nüdling hat sehr viel geschrieben, aber auch seine seelsorgerische Tätigkeit hat er sehr ernst genommen. Darin bestand auch die starke Zuneigung zu dem Landpfarrer aus dem hessischen Poppenhausen an der Wasserkuppe . Dort wurde Ludwig Nüdling am 26. Februar 1864 als Sohn eines Leinenwebers geboren. Er ging als Internatsschüler in Bamberg aufs Gymnasium und studierte später in Fulda Theologie und wurde dort zum Priester geweiht. Nach einigen Jahren als Domkaplan und Vikar trat es seine erste Pfarrstelle in Kleinsassen an, wenige Kilometer von seinem Geburtsort entfernt.

Als Schriftsteller hatte er sich da bereits einen Namen gemacht, was die "Schnitterin" Monika Petsch und "Susanna Ditz von der Rosenbruderschaft" Rosina Eckert mit weiteren Gedichten verdeutlichte.

Auch wenn von der "Schutzfrau" an diesem Nachmittag nichts zu hören war, spürte man am Duktus der Spracheinsätze ganz deutlich die sprachlichen Zeichen des Schriftstellers. Er konnte seine Gedichte variantenreich ausmalen, der Textkenner des Heimatspiels fand oft "sein" Stück sinnbildlich darin wieder.

Ludwig Nüdling schrieb Theaterstücke, die in vielen Gemeinden, vor allem in der Rhön aufgeführt wurden. Aber auch feste Theater nahmen seine Stücke ins Programm. Am Beispiel eines Märchens mit dem Titel "Die Herrgottsmühle am Rauschelbach" erkennt man Motive seines Denkens.

Gott und Moral

Gottgläubigkeit, Moral und Erziehung waren seine Leitmotive, die in vielen seiner Texte zu spüren sind. Das umfangreiche Märchen vom guten und vom bösen Müller, mit allen seinen Verästelungen, wie das Gute über den Teufel siegen kann, wurde von Carolin Schwarz, der leibhaftigen "Heimatspielschutzfrau" , sowie von Monika Petsch, Rosina Eckert, Dominik Lieb und Steffi Wohlfromm vorgetragen. Über die ganze Leseveranstaltung lag ein Wohlklang an besonderen Stimmen. Sicher ist auch das jahrelange schauspielerische Training der Vortragenden dafür verantwortlich, doch am Aufmerksamkeitspegel auf dem Anger erkannte man die Intensität, mit der die Heimatspieler die Texte vortrugen.

Nüdling ein Nazi-Opfer

Ludwig Nüdling hätte sich sehr gefreut. Denn sein Leben war geprägt von zwei Weltkriegen und deren Folgen. Er, der mit seinen Texten Zuversicht verbreiten möchte, gerät in die Mühlen der Nazi-Diktatur. Seine christliche Haltung bringt ihm Verhöre und andere Schikanen, 1938 gibt er sich geschlagen und lässt sich in den Ruhestand versetzen.

Claudia Kind, die im Spiel die Oberbürgermeistergattin Appolone Vait darstellt, rezitiert zwei traurige Gedichte : " Es ging ein Lied durch meinen Traum" und "Ach Mutter, denkst du noch?", von Nüdling geschrieben nach dem Tod der Mutter.

Ludwig Nüdlings persönliche Tragik haben nach seinem Tod Familie , Freunde und Gemeindemitglieder hinnehmen müssen. In Motzlar, dicht an der thüringer - hessischen Grenze hatte er seinen Alterssitz und der war bei seinem Ableben sowjetisches Besatzungsgebiet. Kein Besuch war möglich.

Der "Schwedenhund"

Dabei hatte es der Rhöner Schriftsteller weit über seine Region hinaus zu Bekanntheit gebracht. An vielen Orten im Reich wurde er zu Lesungen eingeladen. Aus seinen Gedichten sprach ein sehr feinsinniger Humor, wobei biblische Texte auch mal lustig oder gar dramatisch sein konnten. Der "Senator Deichmann", der von Mattias Kleren dargestellt wird, dessen "Schatz so tief vergraben ist, dass ihn kein Schwedenhund" finden würde, der las eine Ballade aus der Feder Ludwig Nüdlings. Dem folgte später noch eine Geschichte mit dem Titel "Der Hamster", der vom mächtigen Löwen als kleine Maus zum Tode verurteilt wird, nur weil dieser für seine zwölf Kinder Getreide gehamstert hat. "Die Kleinen hängt man", eine immer aktuelle Parabel.

1906 veröffentlicht der schreibende Pfarrer ein Buch über die Eisenbahn, das heißt, er liefert die Texte zu diesem Bilderbuch. Völlig ohne moralischen Zeigefinger und religiöse Beiträge werden in Geschichten und Gedichten Sachzusammenhänge dargestellt, von denen Mattias Kleren, Monika Petsch und Caroline Schwarz einige Beispiele vortrugen. Es ist der Vorsitzenden der Heimatspielgemeinde, Claudia Kind, vorbehalten den Schlusspunkt zu setzen: "Die kleine Trösterin". Schön war´s.

Hartmut Hessel

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