Bad Kissingen

Nachts im Untergrund von Bad Kissingen

Die Kanäle in Bad Kissingens Innenstadt sind undicht. Um herauszufinden, wie viel Wasser aus dem Boden eindringt, braucht es Messungen mitten in der Nacht.
Grundwassermessung unter dem Kliegl-Platz von Bad Kissingen. Benedikt Borst
Grundwassermessung unter dem Kliegl-Platz von Bad Kissingen. Benedikt Borst

Gegen Mitternacht wird es auch im Kanal unter der Fußgängerzone ruhiger. Die Menschen schlafen, duschen nicht, brauchen keine Toilettenspülung. Auch Wasch- und Spülmaschinen laufen weniger. "Es fällt weniger Abwasser an. Deswegen messen wir nachts", erklärt Julian Hergenröther. Der 29-Jährige arbeitet im städtischen Tiefbaureferat und begleitet als Bautechniker das Projekt Neue Altstadt.

Für ihn, zwei Mitarbeiter der Kläranlage und für zwei Experten von einem geotechnischen Fachbüro aus Würzburg ist um 23.30 Uhr Schichtbeginn. Sie stemmen am Kliegl-Platz den ersten Gullideckel auf, um zu den ersten beiden von insgesamt acht Messstellen in die Kanalisation zu steigen. Ziel ist, zu ermitteln, "wie viel Grundwasser in den undichten Kanal zufließt", sagt er. Die gewonnen Daten braucht das Tiefbauamt, um die bevorstehende Sanierung der historischen Kanalisation im Kissinger Stadtkern zu planen.

Abwasser wird ausgesperrt

Die Messungen konzentrieren sich auf den Bereich von Kliegl-Platz über Weidgasse und Bachstraße zum Marktplatz und weiter zur Unteren Marktstraße bis zur Theresienstraße. In weiter bergauf gelegenen Abschnitten der Fußgängerzone ist das nicht nötig. Die Problematik besteht dort nicht in dem Ausmaß. "Da liegt der Kanal nicht so nah am Grundwasser ", erklärt der Bautechniker .

Damit die Hydrogeologen möglichst exakt bestimmen können, wie viel Grundwasser in den Kanal eindringt, ist es wichtig, dass sich möglichst wenig Regen- und Abwasser in den Leitungen befindet: Es darf also nicht stark regnen, die Messungen müssen nachts stattfinden und es darf kein Abwasser aus anschließenden Kanälen einströmen. Der Zufluss wird verschlossen, so dass kein Abwasser aus dem Areal jenseits von Max- und Von-Hessing-Straße in die Altstadt fließt. "Das Wasser staut sich zurück in einen Stauraumkanal unter der Maxstraße", erklärt Hergenröther.

Wie leitfähig ist das Wasser?

Mit weißem Schutzanzug, gelben Gummistiefeln und einer Stirnlampe klettert Krystian Szymanski an diesem Abend in die Kanäle. Über ein Seil lassen ihm die Kollegen von oben Messbecher, Gefäße für Proben, Stoppuhr und eine Kamera zur Dokumentation herab. Die Luft im Kanal ist feucht und warm. Der Hydrogeologe steht inmitten von Toilettenpapierresten und menschlichen Hinterlassenschaften und erledigt ungerührt seine Arbeit.

Zuerst schöpft er einen halben Liter Wasser. Damit bestimmt er Parameter wie Temperatur, Leitfähigkeit und Sauerstoffgehalt. Hergenröther: "Damit lässt sich feststellen, ob viel Mischwasser im Kanal ist." In einem zweiten Schritt misst er, wie viele Liter Wasser pro Sekunde fließen. Dazu nimmt er ein großes Messrohr und stoppt die Zeit. Das Ergebnis ruft er den Kollegen nach oben zu. Das Prozedere wiederholt Szymanski drei Mal pro Durchgang, um einen Mittelwert zu ermitteln und so Schwankungen auszugleichen. "Es kann immer sein, dass zum Beispiel einmal eine Toilette gespült wird", sagt Hergenröther. Das würde das Ergebnis verfälschen.

Aktuell werden die Daten ausgewertet. Bislang hat die Stadt einmal das Grundwasser während des trockenen Sommers im Kanal in der Unteren Markstraße gemessen. Um sich einen Überblick zu verschaffen, wie sich das Grundwasser das ganze Jahr über verhält, ist auch noch eine Messung bei hohem Grundwasserpegel angedacht.

Daten wichtig für Sanierung

Warum sind die Daten wichtig? "Es hat sich so eingependelt, dass das Grundwasser über den Kanal abfließt", erklärt Hergenröther. Die Stadt plant, bei der Sanierung die Kanäle mit Inlinern abzudichten, in denen das Mischwasser geleitet wird. Für das Grundwasser bleibt ein Drainageraum im Kanal frei. Fällt der jedoch zu klein aus, kann das Grundwasser nicht mehr abfließen. Es würde verdrängt und "müsste sich dann andere Wege suchen". Sind die Drainageräume zu klein, steigt das Risiko, dass das Grundwasser Schäden an den anliegenden Gebäuden anrichtet.

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