Oerlenbach

Oerlenbach: Seniorenheim unter Hochspannung

Während man überall die Lockerungen der Corona-Beschränkungen feiert, befinden sich Seniorenheime in nervöser Unrast, so auch die Einrichtung Kramerswiesen in Oerlenbach.
Seit 5. Mai gilt das Seniorenhaus Kramerswiesen in Oerlenbach als coronafrei. Geschäftsbereichsleiter Volker Göbel (Diakonie Schweinfurt), Wohnbereichsleiterin Sarah Gottschall (Mitte) und Pflegedienstleiterin Hiltrud Pröschel hoffen, dass das so bleibt.
Seit 5. Mai gilt das Seniorenhaus Kramerswiesen in Oerlenbach als coronafrei. Geschäftsbereichsleiter Volker Göbel (Diakonie Schweinfurt), Wohnbereichsleiterin Sarah Gottschall (Mitte) und Pflegedienstleiterin Hiltrud Pröschel hoffen, dass das so bleibt. Foto: Isolde Krapf

"Dass alles plötzlich gelockert wird, darüber sind wir nicht glücklich", sagt Volker Göbel, Geschäftsbereichsleiter Altenhilfe der Diakonie Schweinfurt, die in der Region Main-Rhön acht Seniorenheime, zwei Wohnheime für ältere Menschen und mehrere ambulante Pflegedienste in der Verantwortung hat. Seit 9. Mai gilt in Bayern für Seniorenheime ein eingeschränktes Besuchsrecht. Das bedeutet zum einen, dass jeder Bewohner einmal täglich von jemandem aus der Familie besucht werden darf - allerdings unter strengen Hygiene-Auflagen. Zum anderen dürfen Heimbewohner von ihren Angehörigen nun wieder für Spaziergänge und Besuche daheim abgeholt werden, sagt Göbel. Denn seit die bayerische Ausgangsbeschränkung gelockert wurde, kann sich jeder, unter bestimmten Bedingungen, wieder mit nicht im selben Haushalt wohnenden Personen treffen. Der Muttertag war die Nagelprobe.

Wegen der Besucher müsse man nun im Seniorenhaus Kramerswiesen einen hohen Planungsaufwand betreiben, sagt die Oerlenbacher Wohnbereichsleiterin Sarah Gottschall beim Pressegespräch und meint damit die Regelung von Hygiene-Maßnahmen und Besuchszeiten. Denn wer kommt, müsse jedes Mal registriert werden.

Stichproben an Muttertag

Dass die Heimbewohner von den Angehörigen abgeholt werden dürfen, gefährde die Sicherheit der Heime, sagt Geschäftsbereichsleiter Göbel. "Denn wir wissen nicht, wie sie sich draußen verhalten." An Muttertag habe er stichprobenartig ein paar Familien zu Hause besucht. "Ich bin manchmal erschrocken, denn man saß teilweise zu sechst, zu siebt zusammen – und das ohne Mundschutz."  Seiner Ansicht nach hätte die Politik dieses Besuchsrecht für Heime und Krankenhäuser noch nicht verfügen dürfen. Denn schließlich hätten etliche Seniorenheime den Kampf gegen Corona gerade erst erfolgreich hinter sich gebracht – und mussten dabei auch Tote beklagen, wie in Oerlenbach.

Am 27. März waren dort zunächst zwei Bewohnerinnen positiv getestet worden, für Göbel und die Belegschaft "erst mal ein Schock." Sofort seien alle Bewohner vom Gesundheitsamt getestet worden, die Testungen der Mitarbeiter erfolgten parallel. "Das Ergebnis war ernüchternd", sagt Göbel. Das Bad Kissinger Gesundheitsamt gab am 2. April die offizielle Meldung heraus, dass von 38 Bewohnern im Seniorenhaus 20 positiv auf Covid 19 getestet wurden, 18 Ergebnisse waren negativ. 25 der 44 Mitarbeiter waren bis zu diesem Datum ebenfalls getestet worden. Elf hatten positiv, 14 negativ auf den Covid-19-Test reagiert.

Rettender Plan für den Ernstfall

Zum Glück hatte man bereits zu Beginn der Pandemie einen Notfall-Plan erarbeitet, sagt die Oerlenbacher Heimleiterin Hiltrud Pröschel. Sechs Personen der Belegschaft sollten im Ernstfall fünf Tage lang über 24 Stunden hinweg in der Einrichtung bleiben und die Bewohner versorgen. Dann sollte das nächste Team in ähnlicher Ausstattung in die Einrichtung einziehen. Erfreulicherweise habe sich die Hälfte der Belegschaft seinerzeit sofort dazu bereiterklärt. Am 27. März sei dieser Plan gleich umgesetzt worden. Pröschel: "Das hat uns gerettet." Denn so hätten die Bewohner feste Ansprechpartner gehabt. Die Beschäftigten konnten den Senioren erklären, was vor sich geht und mit den Angehörigen in Kontakt bleiben.

Vom Bad Kissinger Gesundheitsamt sei das Heim sofort mit der für den Umgang mit Corona-Infizierten erforderlichen Schutzkleidung versorgt worden, die Tests seien von einem Bad Kissinger Labor zügig ausgearbeitet worden, lobt Geschäftsbereichsleiter Göbel. Kritik übt er jedoch an der Zusammenarbeit der beteiligten Gesundheitsämter untereinander, denn die Oerlenbacher Mitarbeiter stammen aus drei Landkreisen und wurden, als sie infiziert waren, dort auf Corona getestet, wo sie wohnen – also von den Behörden in Bad Kissingen, Bad Neustadt und Schweinfurt.

Das Seniorenhaus Kramerswiesen in Oerlenbach.
Das Seniorenhaus Kramerswiesen in Oerlenbach. Foto: Isolde Krapf

Das Dilemma eines Corona-Hotspots

Jedes Amt habe andere Anforderungen, die mit der Praxis nicht abzugleichen waren, bemängelt Göbel. So hätte, streng genommen, im Fall der positiven Testung von einzelnen Mitarbeitern eines Teams, anschließend gleich das ganze Team, selbst wenn es Corona-negativ war, in Quarantäne gehen sollen. Doch am Ende wären kaum noch Beschäftigte zur Pflege der Bewohner da gewesen, erklärt Göbel das Dilemma. Damals habe er den Behörden klar gemacht, dass in einem solchen Fall die Oerlenbacher Bewohner in andere Heime oder Krankenhäuser umziehen müssten, oder dass man aus anderen Heimen Personal nach Oerlenbach zitieren müsste. Davon hätten die Behörden jedoch Abstand genommen.

Göbel gesteht zu, dass die Situation der Corona-Pandemie für alle Beteiligten völlig neu und damit unwägbar war und ist. Kritisch findet er aber, dass die Gesundheitsämter "nur auf Krankenhäuser und Intensivbetten fixiert" seien. "Der Fokus der Politik wurde zu spät auch auf Seniorenheime gerichtet", so sein Vorwurf. Wichtig findet er zudem, dass ein Verantwortlicher aus dem Pflegebereich in der Führungsgruppe Katatstrophenschutz (FüGK) des jeweiligen Landkreises vertreten ist. Für die Schweinfurter FüGK hat er dies inzwischen erreicht, er selbst hat dort seit kurzem Mitspracherecht.

Trauer um die Verstorbenen

Dass sieben Menschen verstarben, sei nicht nur für die Angehörigen schwer gewesen, sagt Wohnbereichsleiterin Gottschall. "Auch wir haben um unsere Bewohnerinnen und Bewohner, die wir ja sehr gut kannten, geweint und getrauert." Die psychische Anspannung sei sehr hoch gewesen, "denn wir waren andauernd in Sorge, wie viele Menschen wir vielleicht noch verlieren würden."

Kritisch sieht Geschäftsbereichsleiter Göbel in diesem Zusammenhang auch, dass von den älteren Verstorbenen öffentlich stets berichtet werde, dass sie an Vorerkrankungen gelitten hätten. "Das ist eine Gewissensberuhigung für die Öffentlichkeit, die in die Leere geht." Denn er weiß auch von jüngeren Menschen, die schwer mit Covid 19 kämpften, ohne eine zusätzliche Krankheitssymptomatik gehabt zu haben. Als Beispiel nennt er einen Säugling, der vor ein paar Wochen schwer an Corona erkrankt sei und auf einer Intensivstation in der Region behandelt werden musste.

Coronafrei für länger?

Ob man nun im Seniorenhaus besser gegen Corona gerüstet sei? Göbel zögert mit der Antwort. "Wir sind routinierter, wissen, dass wir Schutzkleidung zur Verfügung haben. Aber wir würden dennoch wieder von der Situation überrascht werden." Denn die Testreihen im Heim seien beendet. Seit 5. Mai gelte Kramerswiesen als "coronafrei". Doch nach den jüngsten Lockerungen frage er sich schon jetzt, ob das aktuell noch stimmt.

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