LKR Bad Kissingen

P43-Korridore: Heftige Reaktion der Betroffenen im Landkreis Bad Kissingen

Die Korridorentwürfe für die P43 stehen fest. Während bei den Betroffenen im westlichen Landkreis der Puls hochgeht, können sich die Menschen im östlichen Teil entspannen.
Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet hat die Korridore für die P43-Wechselstromtrasse vorgestellt.       -  Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet hat die Korridore für die P43-Wechselstromtrasse vorgestellt.
| Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet hat die Korridore für die P43-Wechselstromtrasse vorgestellt.

Florian Atzmüller war bedient, als er sich am Mittwochmorgen die vorgeschlagenen Korridore für die Wechselstromleitung P43, auch Fulda-Main-Leitung genannt, anschaute. "Meine schlimmsten Erwartungen sind übertroffen worden", sagt der Wartmannsrother Bürgermeister.

Dass ein Trassenkorridor mehr oder weniger entlang der Gasleitung von Rimpar nach Sannerz mitten durchs Gemeindegebiet führt, überraschte Atzmüller nicht. Doch der eingezeichnete Schwenk nördlich von Hammelburg verblüffte ihn. "Diese Kombination aus Erwartbarem und dem Querschwenk - das finde ich erschütternd."

Eigentlich überraschen die Vorschläge des Übertragungsnetzbetreibers Tennet für die Trassenkorridore nicht wirklich. Nicht, wenn man das Prinzip der Bündelung von Infrastruktur zugrunde legt.

So orientiert sich der westlichste, den Landkreis Bad Kissingen berührende Korridor an der ICE-Trasse von Würzburg nach Fulda. Der mittlere zweigt auf Höhe Zeitlofs davon ab, überbrückt entlang der Ferngasleitung das Sinn-, Schondra- und Saaletal, um sich südlich von Karsbach wieder mit dem Westkorridor zu vereinen. Die östliche Korridorvariante verläuft entlang der A7, tritt dabei bei Volkers in den Landkreis ein, um ihn südwestlich des Elfershausener Gemeindegebietes wieder zu verlassen.

Der von Atzmüller angesprochene überraschende "Querschwenk" in Richtung Osten vollzieht sich laut Entwurf etwa zwischen Wartmannsroth und Dittlofsroda , überflügelt Hammelburg nördlich und mündet im Ostkorridor an der Rhönautobahn.

Tennet-Sprecher Markus Lieberknecht und Bürgerreferentin Cindy Schemmel argumentieren, dass diese "Ostquerung" nur eine Ausweichvariante wäre, "falls einer der Nord-Süd-Stränge aufgrund eines Querriegels ausfällt". Derlei Widerstände würden sich erst in einer detaillierteren Planung herausstellen. Die sei noch nicht erfolgt.

Matthias Hauke, Bürgermeister von Zeitlofs im nordwestlichen Landkreis, stellt sich schon jetzt auf "denselben Kampf wie gegen Südlink " ein. Nur mit dem Unterschied, dass keine Erdverkabelung als Ausweg zu erwarten sei.

Ähnlich wie Wartmannsroth sind Zeitlofs und Ortsteile von zwei Korridoren betroffen: von dem an der ICE-Strecke und vom Abzweig an der Gasleitung Richtung Wartmannsroth. Keinen davon sieht Hauke als die weniger schlechte Alternative an. Auch eine Trassenführung an der A7 könne keine Lösung sein.

Er äußerst sich noch drastischer als sein Kollege Atzmüller: "Wenn das gebaut wird, wird es gravierend für die Region werden. Solche Masten will keiner in unserer schönen Ecke haben. Das ist abschreckend." Der Zeitlofser Ortschef fürchtet auch um den Immobilienmarkt .Nun müsse man sich in der Brückenauer Rhönallianz zusammentun, um gegen das Starkstrom-Projekt zu kämpfen.

Deren Vorsitzender, Bad Brückenaus Bürgermeister Jochen Vogel , wundert sich, "dass es so lange gedauert hat, alte Pläne mit einer neuen Überschrift zu versehen und online zu stellen." Er meint damit, dass die jetzt vorgestellten Korridore sehr denjenigen von Südlink vor ein paar Jahren ähneln. Insbesondere den an der A7 habe Tennet schon schon früher "herausgezaubert".

In Vogels Kommune wären nach jetzigem Stand vor allem die Ortsteile Volkers und Römershag vom Ostkorridor der Fulda-Main-Leitung an der A7 betroffen. Eine westliche Nebenvariante würde sogar das Staatsbad Brückenau streifen. Vogel mutmaßt, dass "das Fahrradmuseum im Vorschlagskorridor" liegt.

Selbe Argumente wie bei Südlink

Der Bürgermeister kann sich prinzipiell nicht vorstellen, wie man die Stromtrasse im Bereich Bad Brückenau an der Rhönautobahn entlangführen sollte. Kernzonen für den Naturschutz, der Truppenübungsplatz und nicht zuletzt die bis an die Sinntalbrücke heranreichende Bebauung des Ortsteils Römershag - die Hinderungsgründe wären dieselben wie bei der Südlink-Planung. Dass man an dieser Stelle keine Freileitung bauen könne, hätten Vertreter der Bundesnetzagentur schon vor Jahren bei einer Begehung festgestellt. Die Argumente von damals müsse man nur wieder aus der Schublade holen und erneut einreichen.

Schon kurz nach Veröffentlichung der möglichen Trassenkorridore hatte die Bürgerinitiative "Der Gegenstrom Elfershausen" dazu Stellung bezogen. Deren Vorsitzender Markus Stockmann hält es in einer Pressemitteilung für "unverantwortlich, dass Tennet eine Freileitung durch ein schützenswertes Gebiet wie das Unesco-Biosphärenreservat Rhön bauen will. Dies lehnen wir kategorisch ab." Mitten durch Kern-, Pflege- und Entwicklungszonen der Rhön würden willkürlich aus Profitgier landschaftsschützende Gebiete geplant. "Für den Bau der Strommasten und Freileitungsschneisen müssten wahnsinnige Flächen an durchgängigen Rhöner Wald gerodet werden. Kaum vorstellbar, beim aktuellen Holzmarkt."

Auch eine Bündelung der Fulda-Main-Leitung mit der B 287, die mitten durch das Fränkische Saaletal verläuft, hält Stockmann für inakzeptabel. Dort, am Rand der Rhön, würden dem ländlichen Raum zusätzliche Entwicklungsmöglichkeiten genommen. Das Saaletal, das verstärkt auf den Wein-Tourismus setze und in den vergangenen Jahren einen Anstieg der Besucherzahlen erfahren habe, werde massiv geschädigt.

Stockmann setzt auf innovative Power-to-Gast-Technologie. Auch müsse man das Nova-Prinzip anwenden. Das heißt: vorhandene Stromleitungen zunächst optimieren, bevor man neue baut.

Etwas weniger drastisch als der Elfershausener äußert sich Landrat Thomas Bold : Die Korridornetzentwürfe träfen den Landkreis Bad Kissingen ganz konkret. "Wir fordern daher einmal mehr den transparenten und für unsere Bürgerinnen und Bürger verständlichen Nachweis, dass die P43 überhaupt erforderlich ist und das damit verfolgte Ziel nicht auch durch andere netztechnische Maßnahmen erreicht werden kann. Warum können beispielsweise bestehende Trassen nicht ergänzt werden? Da der Strom hauptsächlich im Rhein-Main-Gebiet gebraucht wird, ist die Verstärkung von Dipperz direkt in das Rhein-Main-Gebiet (P43mod) vorzugswürdig." Ähnlich argumentiert auch Jochen Vogel .

Hammelburgs Bürgermeister Armin Warmuth hatte bis Mittwochabend "noch keine Gelegenheit, mir die Pläne anzuschauen". Egal, ob Hammelburg von P43 betroffen sei oder nicht: Er verweist darauf, dass die Region gemeinsam agieren und die Notwendigkeit der Stromtrasse in Zweifel ziehen müsse.

Der Markt Burkardroth bleibt nach jetzigem Stand von der Fulda-Main-Leitung verschont. So wie der gesamte östliche Landkreis Bad Kissingen. Das hätte anders laufen können. Denn nahe Waldfenster verläuft eine kleinere Wechselstrom-Freileitung. An der hätten sich die Tennet-Planer im Sinne der Bündelung orientieren können. Was sie nicht taten.

Bürgermeister Daniel Wehner gibt zu, "dass der ein oder andere im Markt froh sein wird, dass es ihn nicht trifft". Gleichzeitig tun ihm aber auch die Menschen leid, die in den Vorschlagskorridoren leben. Ziel von ihm und seinen Bürgermeisterkollegen sei ja, P43 im Landkreis gemeinsam zu verhindern. Deswegen hat sich Wehner auch zur Diskussion am 8. Dezember angemeldet.

Wie geht es weiter? Am 8. Dezember werden die bisher am Planungsverfahren Beteiligten - also Bürgermeister, Behördenvertreter, aber auch die Bürgerinitiativen - in einer Art digitalem Dialog informiert. In diesen "Korridorsprechstunden" dürfen sie auch Fragen stellen und Bedenken vorbringen. Diese werden laut Tennet-Sprecher Lieberknecht in der Planung berücksichtigt. Es soll auch offene Sprechstunden am 16. Dezember für die weiteren Betroffenen geben. Im März 2021 will Tennet einen Antrag einreichen, damit als nächster Schritt das Raumordnungsverfahren starten kann.

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