Bad Kissingen

Prekäre Lage bei Kissinger Hebammen

Seit einigen Jahren sind zu wenig Hebammen im Landkreis für zu viele Frauen zuständig. Schwangere finden keine Betreuung. Der Mangel beschäftigt jetzt das Landratsamt: Das plant eine Notfallsprechstunde.
Hebamme Franziska Stoewer aus Oberthulba wiegt ein Neugeborenes. Foto: Benedikt Borst/Archiv       -  Hebamme Franziska Stoewer aus Oberthulba wiegt ein Neugeborenes. Foto: Benedikt Borst/Archiv
Hebamme Franziska Stoewer aus Oberthulba wiegt ein Neugeborenes. Foto: Benedikt Borst/Archiv

Für Marie Gabold hat das letzte Ausbildungsjahr begonnen. Die 20-jährige Nüdlingerin besucht die Hebammenschule in Bamberg, Berufspraxis sammelt sie an der Geburtshilfe des Leopoldina in Schweinfurt. Wenn alles gut läuft, will sie ab nächsten Herbst dazu beitragen, dass sich die Hebammenversorgung im Kreis Bad Kissingen etwas bessert. Der Beruf als Geburtshelferin, den sie mit Leidenschaft ausübt, ist ihr wichtig. Die Hebammenschülerin kann sich vorstellen, später als freiberufliche Hebamme zu arbeiten: Sowohl in der Geburtshilfe im Krankenhaus, als auch in einer Hebammenpraxis im Landkreis. So kann sie Frauen vor, während und nach der Geburt begleiten. "Ich will auf jeden Fall in der Region bleiben", sagt Gabold.

Zwölf Hebammen listet aktuell der Beratungsweiser des Landratsamtes im Flächenlandkreis Bad Kissingen mit seinen rund 100 000 Einwohnern, 16 Hebammen finden sich in einer Aufstellung des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV). Zum Vergleich: Bevor 2015 der letzte Kreißsaal in Bad Kissingen geschlossen wurde, waren es 25 Hebammen . "Momentan sind wir sehr wenige, aber wir hoffen, dass es besser wird", berichtet Ute Hammerl, die eine Praxis in Bad Bocklet betreibt. Aktuell gebe es mehrere junge Frauen aus der Region, die den Beruf lernen.

Auf Monate keine freien Termine

Hammerl und ihre Kolleginnen kommen mit der Arbeit nicht hinterher, sind in der Regel auf Monate ausgebucht. Hammerl kann neue Termine zur Betreuung im Wochenbett nicht vor Juli 2020 vergeben. "Manche Kinder sind noch gar nicht gezeugt, für die wir erst wieder Termine frei hätten. Es ist Wahnsinn", sagt sie. 120 Familien betreut sie jede Woche in den unterschiedlichsten Kursen von Rückbildungsgymnastik über Trageberatung bis zur Babymassage.

Die Lücken bei der Hebammenversorgung beschäftigen inzwischen auch das Landratsamt. Die Koordinierende Kinderschutzstelle (KoKi) sieht Handlungsbedarf. Im jüngsten Jugendhilfeausschuss hat die Fachstelle ein Konzept vorgestellt, wie Schwangeren in Härtefällen geholfen werden kann. "Wir haben nicht genug Hebammen . Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir Frauen unterstützen, die eine Hebamme brauchen, aber keine finden", sagt Peter Beutert vom Jugendamt.

Frauen und Familien die aufgrund ihrer Lebensumstände überlastet sind, vielleicht weil sie in Armut leben, finden oft keine Hebamme. Aber auch Betroffene mit schlechten Sprachkenntnissen oder Neuzugezogene haben Schwierigkeiten. Je kurzfristiger eine Hebamme benötigt wird, desto schlechter stehen die Chancen, eine freie zu finden. Verschärft wird die Situation durch zum Teil lange Anfahrtswege, die für Hebammen zeitraubend sind und bei der Honorierung nicht berücksichtig werden. Die Kreishebammensprecherinnen aus Schweinfurt und dem Rhön-Grabfeld bezeichnen die Situation in Bad Kissingen "als besonders prekär", berichtet Beutert.

Zuschüsse für Notfalldienst

Nicht der Landkreis sei für die Hebammenversorgung zuständig, sondern das Gesundheitswesen, insbesondere die Gesetzliche Krankenversicherung . Aufgrund des präventiven Kinds chutzes ist die KoKi dennoch der Ansicht, dass das Landratsamt handeln sollte. Die Fachstelle schlägt deshalb eine "koordinierte, aufsuchende Notfall-Hebammen-Sprechstunde" vor. Im Wesentlichen geht es darum, dass die KoKi in dringenden Fällen eine Hebamme vermittelt (keine Dauerbetreuung) und den Hebammen einen Zuschuss für den Hausbesuch zahlt. Die Verwaltung stehe dazu bereits in Kontakt mit mehreren Hebammen , die Bereitschaft signalisiert hätten. Zudem sind 5000 Euro im Kreishaushalt für kommendes Jahr eingeplant.

Landrat Thomas Bold ( CSU ) machte im Jugendhilfeausschuss deutlich, dass er den Kreis nicht an vorderster Stelle in der Pflicht sieht - besonders die Finanzierung sei Aufgabe der Krankenkassen. "Für den Missstand sind wir nicht verantwortlich. Die Kassen müssen die erhöhten Kosten tragen, wenn sie nicht die grundlegende Versorgung gewährleisten", sagte er.

Das Konzept liegt aktuell erst als Entwurf vor. Bevor die Notfallsprechstunde installiert wird, soll die Verwaltung zunächst versuchen, beim Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung , beim Gesundheitsministerium sowie beim Landkreistag das Problem vorzutragen, um Verbesserungsmöglichkeiten auszuloten und um Unterstützung zu suchen.

Kassen lehnen Verantwortung ab

Die Kassen sehen dagegen keine Spielräume, die Situation zu beeinflussen. Der GKV-Spitzenverband schließe mit den Berufsverbänden der Hebammen Abrechnungsverträge, die überall in Deutschland gleich gelten. Lokale Besonderheiten würden nicht berücksichtigt, Zuschüsse seien nicht möglich, so eine Einschätzung der AOK Bayern. "Wir sind ebenfalls unzufrieden mit der Entwicklung der Hebammenversorgung", sagt Stefani Meyer-Maricevic, Pressesprecherin bei der Barmer. Die Kasse habe keine Möglichkeiten, die Versorgungslücken zu schließen. Sie weist darauf hin, dass die Barmer ihren Versicherten eine Hebammenberatung per Chat oder Telefon anbietet.

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