Riedenberg

Riedenberg: Auf jedes einzelne Kind eingehen

Ari* kommt in seiner Klasse nicht zurecht. Für Kinder wie ihn bietet das Förderzentrum St. Martin eine Intensivgruppe an. Dort wird er sozial und emotional aufgefangen.
Sozialpädagoge Eric Duschek begleitet die Intensivgruppe und kümmert sich - wenn es nötig ist - auch um einen einzigen Schüler. Foto: Ulrike Müller
Sozialpädagoge Eric Duschek begleitet die Intensivgruppe und kümmert sich - wenn es nötig ist - auch um einen einzigen Schüler. Foto: Ulrike Müller

Er wirkt wie ein kleines Häufchen Elend. Ari* (Name von der Redaktion geändert), acht Jahre alt, sitzt allein an seiner Schulbank. Lustlos hält er den Füller in der Hand. "Wohnung" und "Wohnmobil" steht an der Tafel. Eric Duschek übt heute Wortstämme mit den Kindern. Im Moment aber sitzt nur Ari auf seinem Platz. Die anderen Kinder arbeiten in anderen Klassen oder haben einen anderen Termin.

Doch das macht nichts, denn als Sozialpädagoge ist Duschek nur für die Intensivgruppe da. Sie ist wie ein Anker für sieben Schüler der St. Martin Schule, die Probleme in ihrem sozialen und emotionalen Verhalten zeigen. Ari zum Beispiel ist einfach sehr müde heute. Er habe wieder Albträume gehabt und nur sehr wenig geschlafen, erzählt der kleine Mann leise. Sein Betreuer weiß, auch Schreianfälle gehören bei ihm dazu. Dann ist er fast nicht zu bändigen.

In allen Altersgruppen und in allen Schulformen kommt es vor, dass Kinder aus der Reihe fallen. Haben sie es vor allem im sozial-emotionalen Bereich schwer, so gibt es im Landkreis keine richtige Anlaufstelle für sie. Manche Eltern schicken ihre Kinder in die Fördereinrichtung Carl Sonnenschein nach Schweinfurt oder noch weiter in die Elisabeth-Weber-Schule in Würzburg.

Daher richtete der Landkreis Bad Kissingen gemeinsam mit der Regierung von Unterfranken ab dem Schuljahr 2015/16 eine Stütz- und Förderklasse ein. Schüler aus Münnerstadt und Hammelburg zum Beispiel fuhren jeden Morgen mit dem Sammeltaxi in die St. Martin Schule nach Riedenberg . Ein Lehrer und ein Sozialpädagoge waren den ganzen Tag für sie da. "Für die Kinder waren es erfolgreiche Jahre", sagt Anton Büchs, Schulleiter des Förderzentrums St. Martin.

Modellprojekt wieder ausgelaufen

Auf die Dauer aber war diese besondere Förderung nicht haltbar. "Inhaltlich gut, aber organisatorisch schwierig", begründet Thomas Sicheneder, Regierungsschuldirektor der Regierung von Unterfranken für das Sachgebiet Förderschulen, warum das Modellprojekt nach drei Jahren auslief. Fahrtzeit und Fahrtkosten sprengten irgendwann den Rahmen. Außerdem war ein Ziel, die Kinder wieder in ihr gewohntes Umfeld zu integrieren. Je weiter das aber weg ist, umso weniger gelingt dies.

In etwas reduzierter Form gibt es nun also noch die Intensivgruppe. Die Kinder kommen aus dem Altlandkreis Bad Brückenau und sind allesamt Schüler der St. Martin Schule. Die Betreuung kann auch nur noch halbtags geleistet werden. Was geblieben ist, ist das Anliegen: nämlich jedes einzelne Kind dort abzuholen, wo es steht, und auf es einzugehen.

Eric Duschek greift zum Schwamm. Gerade will er " AC/DC " abwischen. Ein Kind hat in seiner Wochenendgeschichte notiert, welche Lieder es am Wochenende gehört hatte, und wissen wollen, wie man den Namen der Musikgruppe schreibt. Auch ein Belohnungssystem für die Schüler hat der Sozialpädagoge eingeführt: An jedem Tag bekommen die Kinder eine Rückmeldung über ihr Arbeitsverhalten, ihr Sozialverhalten und ihre Neigung, Anweisungen zu befolgen - oder eben nicht.

Für den Regierungsschuldirektor ist es wünschenswert, dass nicht nur Kinder im Altlandkreis Bad Brückenau diese besondere Form der Unterstützung bekommen, und auch nicht nur die Schüler eines Förderzentrums. Im Grunde müsse jede Förderschule ihr eigenes Modellprojekt entwickeln, sagt Sicheneder. Und was die Grund- und Mittelschulen im Landkreis angeht, so würden Gespräche mit dem hiesigen Schulamt geführt.

Manche Kinder fallen hinten herunter

Das Schulamt Bad Kissingen denkt zwar nicht über Intensivgruppen an allen Schulen nach, sehr wohl aber über Stütz- und Förderklassen für den gesamten Landkreis. "Wir wollen das installieren. Es ist in Planung", sagt Schulamtsdirektorin Cornelia Krodel. Aktuell werde der Bedarf bei den Schulen abgefragt. Denkbar sei, schon zum kommenden Schuljahr eine Stütz- und Förderklasse im Landkreis einzurichten, jeweils eine für Grund- und für Mittelschüler. Wo die aber verortet würden, sei zum aktuellen Zeitpunkt noch völlig unklar.

Krodel weist aber darauf hin, dass die Stütz- und Förderklassen nur in enger Kooperation mit dem Jugendamt umsetzbar seien, denn der Landkreis übernehme einen erheblichen Teil der Kosten. Allerdings: "Wir haben viele Kinder mit sozial-emotionalem Förderbedarf. Aber nicht alle sind im Jugendhilfeplan", sagt sie. Das heißt, dass die Schüler, die eine besondere Förderung brauchen, aber nicht beim Jugendamt registriert sind, hinten herunter fallen.

Übrigens, in der St. Martin Schule steht eine Generalsanierung an. Zudem soll ein Erweiterungsbau in Richtung Kinderdorf gebaut werden. "Wir sind in der konkreten Planungsphase", sagt Büchs. Die Bauarbeiten werden aber wohl erst im Sommer 2021 beginnen. Für die Bauzeit suche die St. Martin Schule noch ein Ausweichquartier. Die leerstehende Schule auf dem Truppenübungsplatz komme aber nicht mehr in Frage, weil das Gebäude sonst bis dahin weiter in Schuss gehalten werden müsste, erläutert der Schulleiter.

110 Kinder besuchen aktuell das Sonderpädagogische Förderzentrum St. Martin Schule in Riedenberg .

Kurz erklärt: Sonderpädagogisches Förderzentrum

Schule Das Sonderpädagogische Förderzentrum St. Martin Schule in Riedenberg widmet sich Schülern mit Lernschwierigkeiten, wenn sich Kinder beispielsweise nicht konzentrieren können. Dabei geht es aber nicht nur um Probleme beim Erfassen der Inhalte des Unterrichts, sondern auch um Auffälligkeiten im sozialen und emotionalen Bereich. Das können zum Beispiel häufige Wutausbrüche oder Schulangst sein. Unterrichtet werden Kinder von der ersten bis zur neunten Klasse.

Schwerpunkte Die St. Martin Schule hat drei Förderbereiche: Lernen, Sprache und sozial-emotionale Entwicklung der Kinder. Praktischer Unterricht zur Berufsvorbereitung nimmt einen großen Stellenwert ein. Zudem gibt es eine offene Ganztagsgruppe für ältere Schüler.

Angebote Außerhalb des Schulbetriebs bietet die St. Martin Schule flexible Angebote an. Dazu zählt die Beratung von Eltern bei Einschulungsfragen, auffälligem Verhalten der Kinder oder bei Problemen auf dem Weg ins Berufsleben. Die Schule arbeitet zudem im Rahmen der Mobilen Sonderpädagogischen Dienste mit allen Grundschulen und Mittelschulen im Raum Bad Brückenau zusammen.

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