Bad Brückenau

Riedenberg brannte lichterloh

75 Jahre ist es her, dass ein Munitionszug in Oberriedenberg explodierte. Viele Zeitzeugen gibt es nicht mehr. Einer von ihnen ist Helmut Marx aus Bad Brückenau.
Das Bild aus der Ortschronik 500 Jahre Riedenberg von Gerwin Kellermann zeigt das Ausmaß der Verwüstungen. Es wurde erst Monate nach den Explosionen aufgenommen. Repro: Ulrike Müller       -  Das Bild aus der Ortschronik 500 Jahre Riedenberg von Gerwin Kellermann zeigt das Ausmaß der Verwüstungen. Es wurde erst Monate nach den Explosionen aufgenommen. Repro: Ulrike Müller
Das Bild aus der Ortschronik 500 Jahre Riedenberg von Gerwin Kellermann zeigt das Ausmaß der Verwüstungen. Es wurde erst Monate nach den Explosionen aufgenommen. Repro: Ulrike Müller

Helmut Marx kann sich noch genau an den 27. Juli 1945 erinnern. Von Osten her sind heftige Detonationen zu hören. Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht durch die Stadt: " In Riedenberg fliegt ein Munitionszug in die Luft."

Er und sein Freund, die Buben waren 12 und 13 Jahre alt, fuhren mit ihren Fahrrädern zum Stockhof, auf halber Strecke zwischen Römershag und Riedenberg. "Auf der Straße oberhalb des Stockhofs machten wir halt. Da waren schon mehrere Leute und schauten nach Riedenberg. Auch wir Jungen stellten unsere Fahrräder ab und schauten. Immer wieder waren Detonationen zu hören. Riedenberg brannte lichterloh."

Der Munitionszug kam von der Munitionsanstalt in Oberwildflecken (MUNA) und sollte vermutlich noch an die Front. Weiter als bis Oberriedenberg kam er jedoch nicht.

Auch in der Chronik "500 Jahre Riedenberg" von Gerwin Kellermann aus dem Jahre 1994 ist diese Geschichte festgehalten. Kellermann beschreibt dieses für Riedenberg so verhängnisvolle Ereignis der letzten Kriegswochen: "Ein voll beladener Munitionszug der Wehrmacht blieb auf dem Bahnhof Riedenberg stehen. Dieser Zug wurde nach dem Einmarsch der Amerikaner von Soldaten bewacht. Durch Unvorsichtigkeit im Umgang mit Schusswaffen wurde die Ladung eines Waggons entzündet. Es gab einen fürchterlichen Schlag, und auf dem Felde arbeitende Leute wurden von dem Luftdruck umgeworfen. Schwere Teile wurden über weite Strecken geschleudert, bis in die Flurabteilung "Rödi" flog beispielsweise eine Waggontür."

Kellermann beschreibt die Auswirkungen sehr anschaulich: "Der ganze Ort wurde mit glühenden Teilen, mit Eisenbrocken und Munitionsteilen überschüttet. Diese schlugen vielfach in Gebäude ein und verursachten Brände . Löscharbeiten konnten am Bahnhofsgelände überhaupt nicht durchgeführt werden, weil die Gefahr zu groß war. Dennoch versuchten beherzte Männer, einige der Waggons abzukuppeln und mit Brechstangen in Bewegung zu setzen, was aber nicht gelang. Zudem ließen die Amerikaner Feuerwehren aus anderen Orten nicht an die Brandherde heran. Die Feuerwehren aus Wildflecken und Oberbach standen zum Beispiel an der Ortsgrenze bereit und mussten tatenlos zu sehen. So war man in Riedenberg auf die eigene Motorspritze angewiesen, die natürlich nicht ausreichte, ansonsten begannen die Bürger mit eigenen Mitteln Löschmaßnahmen. In manchen Häusern löschte man kleinere Brände gar mit Saft, weil Wasser nicht mehr zur Verfügung stand. Hinzukommt, dass viele Ortsbürger sich auf den Feldern aufhielten, so dass die Zurückgebliebenen zunächst auf sich selbst gestellt waren", so weit ein Teil des Berichtes aus der Chronik.

Die Menschen versuchten zu retten, was aus den brennenden Gebäuden zu retten war. Kellermann berichtet: "Kaplan Oberle nahm das Allerheiligste und das Wichtigste aus der Kirche und brachte alles unter der Brücke in Sicherheit." Eine wahre Flucht aus dem Ort habe eingesetzt. Vor allem ältere Mitbürger mit den Kindern, die Frauen und Männer wurden in Ort gebraucht, brachten sich in Sicherheit vor den Explosionen , die bin in die Nacht hinein anhielten.

Die Bilanz war für den Ort verheerend: Acht Wohnhäuser brannten nieder, zwei weitere wurden stark beschädigt. 14 Scheunen und 12 Ställe sowie die Feuerwehrgerätehalle wurden ein Raub der Flammen . Viele weitere Schäden waren an Gebäuden , wie der Kirche und Schule, an landwirtschaftlichen Geräten und Futtervorräten, an Mobiliar, Kleidung und Wäsche zu beklagen. Auch das Basaltwerk blieb nicht verschont. Das Schotterwerk, die Endstation der Seilbahn , die Verladestation, die Schmiedewerkstatt, der Kantinenraum, Kohlen- und Zementhallen und ein Arbeiterwohnhaus wurden zerstört .

Erst am nächsten Tag konnten die Brände schließlich unter Kontrolle gebracht werden. Von amerikanische Seite sei Sabotage vermutet worden. Vielen Menschen war durch diese Unglück alles genommen. Es gab Verletzte unter der Bevölkerung, aber keine Toten. Dies gilt den Riedenbergern heute noch als wahres Wunder. Ein Massenquartier musste ob der vielen Obdachlosen bei "Beckers" eingerichtet werden.

In der Chronik ist abschließende zu lesen: "Die Schadensregulierung ging dann sehr schleppend voran und zog sich über Jahre hin, die erstatteten Summen waren ohnehin klein. Die Reparaturen und der Wiederaufbau konnten nur langsam anlaufen, weil Material fast nicht zu bekommen war. Schließlich erhielten die Leute einen Begehungsschein für den Truppenübungsplatz. Es wurde ihnen jeweils ein Haus im abgesiedelten Rothenrain zugewiesen, von dort konnten Steine, Fenster usw abgeholt werden. Im übrigen blühte der Tauschhandel, gegen Schinken und Wurst war dann sogar Zement zu bekommen."

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