Bad Kissingen

Salonorchester ehrt Beethoven

Die Große Berliner Salonorchesterbesetzung spielt vollsinfonische Partitur und das Ganze funktioniert. Blockflötist Maurice Steger zauberte und blieb absolut konturenscharf.
Die 'Große Berliner Salonorchesterbesetzung' würdigte Bethofen im Max-Littmann-Saal. Gerhild Ahnert       -  Die 'Große Berliner Salonorchesterbesetzung' würdigte Bethofen im Max-Littmann-Saal. Gerhild Ahnert
| Die "Große Berliner Salonorchesterbesetzung" würdigte Bethofen im Max-Littmann-Saal. Gerhild Ahnert

Woran denkt man, wenn man den Begriff "Große Berliner Salonorchesterbesetzung" hört? Bestimmt nicht an Ludwig van Beethoven . Denn Salonmusik für ein Streichquintett, Flöte , zwei Oboen , Trompete, Posaune, Klavier, Harmonium und Pauke hat der nie komponiert. Und doch hatte sich die Staatsbadphilharmonie Bad Kissingen das vorgenommen: den Bonner Wahl-Wiener und Jubilar mit einem Konzert zu seinem 250. Geburtstag zu ehren. Dazu hatte sie sich prominente Verstärkung geholt: den Blockflötisten Maurice Steger als Dirigenten und Solisten.

Die Blockflöte ist ja nun ein Instrument, das polarisiert. Wirklich geliebt wird sie vor allem von denen, die sie selber spielen. Bei anderen hat sie sich abgrundtiefen Hass zugezogen, entweder, weil sie sie als Kinder spielen mussten oder weil sie unter ungestimmten Kindergarten-Flötengruppen leiden mussten. Aber Maurice Steger steuerte zwei Flötenkonzerte - nicht von Beethoven - zum Programm bei. Und selbst die hartleibigsten Flötenhasser mussten zugeben, dass das die allerbeste Wiedergutmachung war.

Aber zunächst gab"s Beethovens Egmont-Ouvertüre und nach einem Flöten-Intermezzo, die Fidelio-Ouvertüre, zwei Werke voller Dramatik, Leidenschaft und Kontraste. Die beiden in der passenden Besetzung zu spielen, wo jeder allein und gnadenlos ausgestellt war, war durchaus mutig, denn die Beethovensche Klangbalance musste zwangsläufig aus dem Ruder laufen. Die Bläser haben damit keine Probleme. Sie sind auch im sinfonischen Orchester mehr oder weniger Solisten. Wenn sie tuten, setzen sie sich durch. Aber wenn ein Streicher 15 Kollegen vertreten muss, wird"s schon schwieriger. Da heißt's dann: Masse durch Kraft ersetzen. Das klappte recht gut, und gegebenenfalls füllten gut arrangiert Klavier oder /und Harmonium Leerstellen.

Die Dramatik, die in den beiden Sätzen steckt, kam auf jeden Fall sehr plastisch zum Tragen, weil trotz aller Rücksichtnahmen die Stimmen sehr individuell und erzählend gestaltet waren, weil die die Spannung vermittelten, die in den Situationen der beiden Werke steckt. Da klangen scharf angeblasene Akkorde wirklich gefährlich, da strahlten lyrische Momente große Ruhe aus. Das war im Rahmen des außergewöhnlich breiten dynamischen Spektrums außerordentlich gut durchdacht und musiziert.

Es war fast ein bisschen unfair, zwischen zwei der hochdramatischen Werke Beethovens ausgerechnet das Concerto in G von Anton Heberle zu setzen. Wer das war? Gute Frage. Denn man weiß eigentlich nur, dass er von 1807 bis 1811 in Wien gelebt haben muss und dass er 1812 in die Freimaurerloge in Ljubljana aufgenommen wurde. Davor muss er irgendwann irgendwo geboren worden und entsprechend gestorben sein. Immerhin gilt er als Erfinder des Csakan, einer hohen, in "as" gestimmten Stockflöte (die in einen Spazierstock eingebaut werden konnte. Und für die hat er auch komponiert. Überhaupt sind die meisten Stücke seines überlieferten überschaubaren Werkes für Soloblockflöte (Csakan) oder Blockflöte und...

Zwischen Egmont und Fidelio - da konnte der arme Anton Heberle nur abschmieren. Auch wenn sein Concerto in G den Ehrentitel "Einziges Blockflötenkonzert der Klassik" trägt, was schon einiges aussagt. Denn seine Musik ist in ihren Strukturen absolut traditionell und in den Melodien floskelhaft harmlos. Wenn man die ganzen Koloraturen, Arabesken, Vorschläge und anderen Zierrat wegstreichen würde und die Melodien blank laufen lassen würde, bliebe nicht allzuviel übrig. Aber dieses ganze Beiwerk macht halt immer noch den hochvirtuosen Reiz des Konzerts aus und begründet seine Aufführung. Und Maurice Steger zauberte, fegte durch die Koloraturen unter Missachtung jeglicher Geschwindigkeitsbeschränkungen und blieb absolut konturenscharf. Das Orchester konnte sich - schon um der Flöte den akustischen Vortritt zu lassen - in der Rolle des gütigen Begleiters fühlen.

Bis auf den letzten Satz, in dem alle gefordert waren - außer der Querflöte des Orchesters , die auch schon vorher immer mal sozusagen als Backup für die Stockflöte im Hintergrund parallel zu Solostimme spielte, um die klangliche Durchsetzungsfähigkeit zu erhöhen.

Als Kontrast war ein Werk für Blockflöte und Orchester der Moderne angekündigt. Maurice Steger muss sich eines Tages bei dem Schweizer Komponisten Rodolphe Schocher (*1973) beklagt haben, dass es für sein Instrument keine Konzertliteratur mehr gibt - vielleicht seit Heberle? Die beiden taten sich zusammen, und es entstand eine Suite für Blockflöten und großes Sinfonieorchester. Sie steht durchaus in der Tradition von Johann Sebastian Bach und kontrastiert tänzerische, virtuose, dramatische, lockere Sätze. Natürlich gerät das Virtuose hier in den Vordergrund, denn die Solisten müssen zeigen, was sie können, wenn sie es können. Da entsteht eine technische Dichte, die nur schwer zu durchschauen und zu verfolgen ist, die, wenn sie so mühelos zur Wirkung kommt wie bei Maurice Steger, Gefahr läuft, für selbstverständlich genommen zu werden. Andererseits: Was kann Musik Besseres passieren? Denn dann kann man sich auf die Klänge dieser klassizistisch-romantischen Musik einlassen.

Aber man wäre vielleicht noch glücklicher, wenn die Musik nicht so geklungen hätte, wie sie vor 140 Jahren schon geklungen haben könnte. Rodolphe Schocher hat - wenn er schon einen wie Maurice Steger an seiner Seite hatte - die Chance verpasst, eine Musik zu schreiben, die auch wie Gegenwart klingt. Er hätte zeigen können, dass die Blockflöte auch in der heutigen Zeit und Musik eine Rolle spielen kann. So ist es eigentlich nur Denkmalpflege einer vergangenen Musikepoche. Schade! Vielleicht das nächste Mal.

Ja, und dann das Hauptwerk des Abends: Beethovens 1. Sinfonie . Natürlich war man wieder gespannt, wie die Umsetzung der vollsinfonischen Partitur in die Besetzung "Großen Berliner

Salonorchesterbesetzung" klingen würde. Aber das Unterfangen funktionierte. Nach einem kurz etwas behutsamen Beginn - auch Musiker dürfen mal ein bisschen Muffensausen vor der eigenen Courage haben - war eigentlich alles da, was dieses Werk ausmacht, was man erwartet. Was sich durch die Besetzung nicht darstellen ließ, wurde mit Klavier und Harmonium ausgeglichen. Der positive Aspekt dieser Besetzung wurde schnell wieder deutlich: Dadurch, dass jede Stimme gnadenlos einzeln war, hörte man sie auch ebenso genau. Für die Musiker eine Herausforderung, aber für die Hörer ein Angebot: die Sinfonie in ihren Strukturen und Zusammenhängen nachvollziehen zu können.

Natürlich - und das ist das Schöne - konnte man manchmal auch schmunzeln. Wenn etwa die Bläser dramatische Akkorde herausposaunen, und als Gegenpart antwortet anstelle der üblichen 16 Streicher nur ein einziger. Oder wenn die 1. Violine unverdrossen, aber einsam zu Beginn des vierten Satzes in sechs stockenden Anläufen die C-dur-Tonleiter hinaufklettert, um ganz oben auf der Oktave alle Kollegen zu treffen, dann hat das etwas geradezu Rührendes. Und im dritten Satz wurde es einmal ein bisschen turbulent. Aber das passiert an der Stelle auch in großen Orchestern . Nur lässt es sich da leichter vertuschen. Nein, diese Sinfonie in diese Fassung und mit diesem ausmusizierten Schwung (ein Kompliment an die Pauke!) machte bei aller Ernsthaftigkeit einfach großen Spaß. Man ging vergnügt nach Hause und hatte seine Ohrwürmer wieder.

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