Bad Kissingen

Kabarettistin Patrizia Moresco in Bad Kissingen: Schwäbisch, schnell, satirisch

Patrizia Moresco begeisterte mit ihrem Programm "#LACH_MICH " im Regentenbau das Publikum. Dabei nahm sie nicht nur Trump und Co. auf die Schippe, sondern auch sich selbst.

"Red´ ich zu schnell?" - immer wieder stellt Patrizia Moresco ihren knapp 100 "Followern" im Bad Kissinger Max-Littmann-Saal diese Frage, um dann ungezügelt, ungebremst und ungehemmt ihre kabarettistische One-Women-Show fortzusetzen. Mit einer Mischung aus schlüpfrigen Blödeleien, anarchischer Selbstironie und "Schlagwort-Kabarett", gepaart mit schonungslosem Mundwerk und kraftvoller Liedstimme, begeisterte die Italienerin mit "schwäbischem Migrationshintergrund" die Gäste.

Die "Freunde der komischen Künste" - so das Willkommen aus dem Off - warteten mit Abstand im weiten Rund auf Patrizia Moresco, die mit einem kraftvollen "Hallo Bad Kissingen - herzlich Willkommen beim Grand Finale" die Bühne in Besitz nahm und damit den Lockdown für die Veranstaltungsbranche schon thematisiert hatte. Könne man nicht verstehen, denn die Branche habe Hygienekonzepte entwickelt, aber das war nicht das einzige, bei dem sie Hirn und Vernunft von Politikern und Regierenden in Frage stellte.

Italienisches Temperament

Luxussteuer auf Tampons (mittlerweile abgeschafft) oder Klima-Reförmchen ("Das Haus brennt und es kommt nur ein Feuerwehrmann mit einem Eimer Wasser.") waren Stichworte, die mit griffigen Argumenten abgearbeitet wurden, bevor im rasanten Tempo das nächste Thema auf der Bühne seziert und mit einer Mischung aus autobiografischen Erfahrungen und öffentlichem "Bashing" präsentiert wurde. Dabei nutzte Moresco ihr italienisches Temperament und ihre schauspielerische Ausbildung, um mit schwäbischer, berlinerischer oder bayrischer Mundart beziehungsweise mit ausgeprägter Mimik und Körpersprache die Gäste zu begeistern. Selbst bei ihren kritischen Anmerkungen war das Sahnehäubchen ein Gag, der weniger auf die Gehirnwindungen des Publikums abzielte, sondern eher auf die Lachmuskeln des Zwerchfells - auch wenn dafür gelegentlich eine erwartungsvolle Kunstpause notwendig war.

Elite-Amöbe

In ihrem Stakkato der Stichwörter durften Donald Trump - "Der lebende Beweis, dass der Mensch auch ohne Hirn funktioniert." - und Boris Johnson als "Elite-Amöbe" ebenso wenig fehlen wie der weltweite Nationalismus . Beim deutschen Rechtsextremismus mit 30 000 Gewaltbereiten, "davon ein Drittel unter 20", stellte sie die Frage nach den Eltern und folgerte: "Der Wahnsinn fängt zu Hause an."

Im Comedy-Teil beschäftigte sie sich mit dem Vorurteil gegenüber autofahrenden Italienern - "Regeln sind nur Vorschläge" - oder den mittlerweile notwendigen Therapeuten, der fordert: "Beginne den Tag mit einem Lächeln - dann hast du es hinter dir." - konterkariert durch Rammstein-Sound, dem Moresco wie bei Liedern im Rap- oder Reggae-Stil mit kraftvollen Gesangsstimme Leben und Inhalt einhauchte. Dem Stillstand im Stau begegnet sie mit einem Hashtag "#Ich-warte-in-Eile" und einem Selfie, damit "die Welt weiß, wie schlecht es mir geht". Der Alternative Bahn kann sie wenig abgewinnen, wenn dort im Erste-Klasse-Abteil Kinder den Mittelgang zur Rennstrecke erklären, die Eltern hinter Smartphones mit Kopfhörern abtauchen und sie einfordert: "Nach dem Erzeugen kommt das Erziehen."

Eine Hass-Liebe

Mit dem mobile Kommunikationsgerät verbindet Patrizia Moresco eine Hass-Liebe, denn einerseits schmoren bei vier Stunden täglicher Nutzung die Frontallappen durch beziehungsweise entsteht ein "Daumen-Tourette-Syndrom", andererseits biete das dahinterstehende Netz multifunktionale Möglichkeiten, um auf Youtube Reparaturhinweise für die Waschmaschine zu finden oder Anleitungen für die Blinddarmoperation : "Krank auf dem Land - da freust du dich über einen Freund mit ruhiger Hand." Alltagskalauer zur Autokorrektur des Smartphones oder zur Unart "öffentlichen Telefonierens" führten zur ironischen Anmerkungen und zur apokalyptischen Hightech-Perspektive eines eingepflanzten Chips mit Kontrollfunktion: "Wenn du keine 10 000 Schritte am Tag erreichst, bleibt dir der Kühlschrank verschlossen."

Es folgten satirische Ausflüge in die Bewertungs-Manie und ihre skurrilen Folgen - "Menschen, die nach Cottbuser Tor googelten, kauften auch Messer , Dosen-Wodka und Shit" - oder nach dem Barbie-Wunsch des Patenkindes , der von ihr mit dem Teenager-Wunsch nach einer " Brustvergrößerung " und dem Berufswunsch "Influencerin" verbunden wurde: "Durchbruch mit Nichtstun", so Moresco knackige Umschreibung der Social-Media-Kompetenzen.

Mit herzhaftem Gelächter wurde der zweistündige Auftritt der Künstlerin quittiert, bei ihren satirisch-sarkastischen Anmerkungen kamen die Gäste mit dem Beifall nicht immer hinterher - aber das äußerte sich im begeisterten Schlussapplaus, der Patrizia Moresco zu einer kurzen Zugabe auf die Bühne - mit dem von einem Lächeln begleiteten Geständnis: "Ich atme durch den Hintern - deshalb rede ich so schnell."

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