Bad Kissingen

Seit 100 Jahren gibt es hier Süßes

2004 erwarben Nadja Schuler (rechts) und ihr Mann Rainer die Schokoladenecke Jung, weil sie ihnen eine gute Möglichkeit zur Erweiterung ihres Tortenservices in Waigolshausen brachte. Links Sigrid Stöhling, die für ein Jahr als Geschäftsführerin einsprang, bevor der Betrieb 1978 von der Familie verkauft wurde.  Foto: Thomas Ahnert       -  2004 erwarben Nadja Schuler (rechts) und ihr Mann Rainer die Schokoladenecke Jung, weil sie ihnen eine gute Möglichkeit zur Erweiterung ihres Tortenservices in Waigolshausen brachte. Links Sigrid Stöhling, die für ein Jahr als Geschäftsführerin einsprang, bevor der Betrieb 1978 von der Familie verkauft wurde.  Foto: Thomas Ahnert
| 2004 erwarben Nadja Schuler (rechts) und ihr Mann Rainer die Schokoladenecke Jung, weil sie ihnen eine gute Möglichkeit zur Erweiterung ihres Tortenservices in Waigolshausen brachte.

Es war ein absolut mutiger und riskanter Schritt, den Emma Jung (36) und ihre fünf Jahre jüngere Schwester Maria da machten: im Mai 1920 - der Erste Weltkrieg war gerade mal eineinhalb Jahre vorbei und die politische und auch wirtschaftliche Lage nicht nur in Deutschland war alles andere als stabil und berechenbar - eröffneten die beiden Frauen ein Geschäft. Und nicht nur das: Es war ein Geschäft, das so gar nicht in die damalige Zeit der großen Nöte passte: die "Schokoladenecke" - da, wo die Theresienstraße auf die Ludwigstraße stößt.

Sie konnten das tun, weil sie keine Männer hatten, die ihnen dringend abgeraten oder es ihnen sogar verboten hätten - damals konnten das die Männer noch. Dafür hatten sie einen starken Willen, gemeinsam etwas zu erreichen, und ein tragfähiges Konzept. Und so kann die "Schokoladenecke Jung" in diesem Jahr ihr 100. Geschäftsjubiläum feiern.

Ansprüche waren hoch

Bad Kissingen war damals noch ein Weltbad, das nicht nur im Kur- und Hotelgewerbe ein angemessenes Angebot bereithalten musste, sondern auch im Einzelhandel. Für die Jung-Schwestern war klar, dass sie nur die feinsten Erzeugnisse anbieten konnten, denn die Ansprüche der Kunden waren hoch in einer Zeit, in der die Kekse von Bahlsen noch Cakes hießen, in der es Schokolade noch nicht beim Discounter gab und die Schoko-Weihnachtsmänner noch nicht im September aus den Regalen grinsten.

Lübecker Marzipan von Niederegger, Mozartkugeln von Reber, Kleingebäck von Bahlsen , feinste Pralinen von Lindt - das waren Verführungen, mit denen die Jung-Schwestern sich sehr schnell eine große Stammkundschaft aus nah und fern heranzogen. Aber auch mit der Art, wie auch die kleinste Tafel Schokolade liebevoll verpackt und dekoriert wurde.

Süßes scheint zeitlos zu sein, denn die Schokoladenecke überstand nicht nur die Weltwirtschaftskrise, sondern auch das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg . Aber dann verweigerte sich das Glück. Denn eigentlich hatten die beiden Schwestern geplant, ihren Neffen Kurt Stöhling nach dem Krieg mit ins Geschäft zu nehmen, damit der Fortbestand gesichert werden könnte. Denn er hatte den Beruf des Konditors und Confiseurs erlernt und hätte natürlich den Betrieb nicht nur weiterführen, sondern auch von den Lieferanten unabhängiger machen können. Aber er kam nicht zurück. Er war in den letzten Tagen des Krieges gefallen. So mussten die beiden Frauen alleine weitermachen.

Und sie fanden eine Möglichkeit, das Angebot ihres Geschäfts auf eine breitere Basis zu stellen. Sie nahmen Brot und Brötchen des Reiterswiesener Bäckermeisters Willi Trapp in ihr Sortiment und schufen damit eine "Win-win-Situation". Für Bäcker Trapp war die "Schokoladenecke" der größte und berechenbarste Abnehmer. Und die "Damen Jung", wie sie im Laden genannt wurden, hatten nicht geringe Zusatzeinnahmen. "Das Nassgelaibte ging weg wie ... ja, wie warme Semmeln", erinnert sich Sigrid Stöhling, die in späteren Jahren vorübergehend das Geschäft führte.

Besondere Atmosphäre

In dem Laden muss immer eine besondere Atmosphäre geherrscht haben, was sich schon darin zeigte, dass die beiden Inhaberinnen alle Kunden mit Namen angesprochen haben. Nach dem Krieg lief der Betrieb schon bald wieder auf Hochtouren, denn es kamen auch immer mehr Bestellungen von auswärts. Zweimal pro Tag mussten die Päckchen zur Post gebracht werden. Was besonders beliebt war, war im Herbst das traditionelle "Schlachtfest". Dazu lieferte die Firma Niederegger eigens ein wirklich großes Marzipanschwein, von dem sich die Kunden Scheiben abschneiden konnten. Dazu gab es Kartoffeln, Brot , Karotten, Gurken - alles natürlich auch aus Marzipan .

1957 war das Geschäft für ein paar Wochen geschlossen. Da wurde es grundlegend umgebaut und renoviert und erhielt sein heutiges Aussehen. Dazu kam ein Keller für die Lagerung der Waren. Er lief nur einmal bei Hochwasser voll; dann wirkte sich der Hochwasserschutz positiv aus. Im Sommer 1960 zogen sich Emma und Maria Jung aus dem Geschäftsbetrieb zurück. 13 Jahre konnten sie ihren Ruhestand noch genießen, dann starben sie kurz hintereinander im Herbst 1973. Sie wurden 89 und 84 Jahre alt.

Die Geschäftsführung übernahm Paula Stöhling, die schon 1949 in den Betrieb gekommen war. Als sie 1977 im Alter von 61 Jahren plötzlich starb, sprang Sigrid Stöhling für ein Jahr ein. 1978 wurde das Geschäft von Christine Borodenko gekauft und weitergeführt. Damit endeten 58 Jahre in Familienbesitz. Dass 2004 die Firma Tortenservice Schuler aus Waigolshausen die "Schokoladenecke" kaufte, war eigentlich einem Zufall geschuldet: "Ich habe damals in der Zeitung eine Chiffre-Anzeige gesehen, dass eine Nachfolge gesucht wird", sagt Nadja Schuler. Für sie und ihren Mann Rainer war das eine gewünschte und willkommene Erweiterung der Angebots- und Absatzmöglichkeiten, denn so hat die Bäckerei und Konditorei über Waigolshausen hinaus ein weiteres Standbein in Bad Kissingen gefunden. So kann sie hier ihr Gebäck und ihre eigenen Pralinen verkaufen und gleichzeitig Bestellungen für Torten aufnehmen - und das mit zusätzlichen Öffnungszeiten zu denen des Stammbetriebes.

Alles selber machen geht nicht

An dem Qualitätsanspruch der beiden Gründerinnen haben die Schulers nichts geändert. Und der gilt auch bei zugekauften Produkten, denn "alles selber machen geht nicht." Die Spezialitäten, das sei wichtig, sind allerdings selbst gemacht. Und ein Augenmerk wird auch auf laktose- und glutenfreie Süßigkeiten gelegt. Nicht wirklich zu schaffen machen den Schulers immer wider aufflammende Diskussionen um den "Dickmacher Schokolade " - zum einen, weil verdammen und essen zwei Dinge sind, und auch, weil in der Konditorei und Confiserie der Trend zu immer weniger Zucker geht.

Was sich allerdings bemerkbar macht, ist der Umstand, dass die großen Firmen immer mehr in die Großmärkte drängen und sie überfluten. Aber Nadja Schuler sieht das relativ gelassen. Zum einen tendiert das Kaufverhalten zunehmend zum Regionalen, mit Naturprodukten und ohne künstliche Zusätze Produzierten. Und das ist das, was sie anbietet. Zum anderen ist es die Situation in Bad Kissingen : ein Geschäft mitten in der Stadt und ein Kundenkreis aus Einwohnern und Reha-Patienten, der keine Lust auf Großmarkt hat oder gar nicht dort hinkommt, weil das Auto fehlt. Und so kann die "Schokoladenecke Jung" am Freitag, 9. Oktober, um 11 Uhr auf jeden Fall ihren 100. Geburtstag feiern. Da gibt's dann auch die Jubiläumsurkunde der IHK.

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