LKR Bad Kissingen

Selbstständige aus der Bad Kissinger Veranstaltungsbranche berichten über ihre Lage

Die Ersten, die kommen, die Letzten, die gehen: Was in der Branche das Motto des Arbeitsalltags ist, ist während der Coronakrise genau andersherum. Es ist nicht absehbar, wann sie weiterarbeiten werden. Zwei Betroffene geben Einblick.
Die Veranstaltungsbranche hat mit der Absage von Großevents im März als eine der ersten Branchen die Beschränkungen  zu spüren bekommen.  Noch ist unklar, wann diese Menschen wieder normal arbeiten können.  Foto: Marijan Murat/dpa       -  Die Veranstaltungsbranche hat mit der Absage von Großevents im März als eine der ersten Branchen die Beschränkungen  zu spüren bekommen.  Noch ist unklar, wann diese Menschen wieder normal arbeiten können.  Foto: Marijan Murat/dpa
| Die Veranstaltungsbranche hat mit der Absage von Großevents im März als eine der ersten Branchen die Beschränkungen zu spüren bekommen. Noch ist unklar, wann diese Menschen wieder normal arbeiten können.

Arbeitsbeginn frühmorgens, den ganzen Tag aufbauen. Abends die Veranstaltung begleiten. Danach alles abbauen und nach Mitternacht ins Bett fallen. So schaut der Arbeitsalltag in der Veranstaltungsbranche aus - zumindest bei kleineren Events. Doch mit der Coronapandemie hat sich das schlagartig geändert. Jetzt steht seit Monaten alles still.

Statt zehn Wochen am Stück nicht zu Hause zu sein, hat er bisher 23 Wochen nur zu Hause verbracht: Der Fuchsstädter Marcus Karrlein, in der Veranstalterszene als Mac bekannt, kümmert sich normalerweise als Solo-Selbstständiger um Planung, Aufbau, Betreuung und Abbau von Veranstaltungen.

Grundsicherung beantragt

Als sogenannter Trouble Shooter hilft er spontan bei Veranstaltungen aus, seit Herbst 2018 im Vollerwerb. Anderthalb Jahre später kommen die Coronabeschränkungen. Und ohne die Events verdient er kein Geld.

Er hat für seine privaten Nebenkosten die vereinfachte Grundsicherung beim Arbeitsamt beantragt. "Viele haben die Gelder noch nicht mal abgerufen und sind gleich in die Insolvenz gegangen", berichtet der Veranstaltungstechniker aus seinem Umfeld. Die Ursache: Der Antrag sei zu bürokratisch.

"Ich komme einfach mit den Nachweisen nicht hinterher. Das Amt fragt 100 Sachen an." Und er hat das Gefühl, dass das Amt eingereichte Dokumente doppelt anfragt.

Probleme in der Umsetzung

"Eine Frage des Arbeitsamtes war, ob ich offene Forderungen habe. Da habe ich eine Firma mit reingeschrieben, die mich öfter mal bucht." Es habe geheißen, er solle diese Forderung eintreiben. So die Theorie. Die Praxis: "Mit denen verdiene ich viel Geld, wenn ich denen wegen einem kleinen Betrag ein Verfahren an den Hals hetze, hab ich das nächstes Jahr nicht mehr."

Zurückzahlen könne die Veranstaltungsfirma in nächster Zeit sowieso nicht. Sie sei in derselben Lage wie Mac. Am liebsten wäre ihm, sein Steuerberater würde den Antrag und die folgende Korrespondenz mit dem Jobcenter übernehmen.

"Das Arbeitsamt lässt das nicht zu. Wenn ich als Laie mich damit auseinandersetzen muss, dauert es erstens länger und zweitens werden Fehler provoziert", findet Mac. Zwar ist sein Antrag mittlerweile bewilligt, glücklich ist er damit aber nicht.

Geld reicht nicht aus

Mit 432 Euro soll er Krankenversicherung, Kreditraten für das Haus, sein Auto und weiteres zahlen. Alleine die Kreditraten liegen bei 450 Euro monatlich. "Einen Kredit aufzunehmen, würde sich nicht lohnen. Ich weiß nicht, in was ich das investieren sollte. Ich muss ja eher davon leben. Und wovon soll ich den zurückbezahlen?", erläutert der Fuchsstädter.

Die Soforthilfen, die einige zu Beginn der Krise abriefen, kann der Selbstständige kaum für etwas einsetzen: "Mit den Soforthilfen könnte ich zum Beispiel Miete für ein Lager, eine Garage oder ein Büro decken. Ich habe aber alles bei mir zu Hause." Einen Unternehmerlohn könne Mac sich von dem Geld auch nicht zahlen, weil er den auch vorher schon nicht hatte.

"Die Lage ist bescheiden"

Derzeit sucht Mac nach einem lukrativen Job. Die bisherigen Arbeitgeber hätten ihm keinen angemessenen Lohn zahlen können oder wollen. "Ich habe meinen Lebensstandard schon heruntergeschraubt, weiter runter möchte ich wirklich nicht gehen", meint Mac. Für die Übergangszeit hat er eine Lebensversicherung aufgelöst.

Ähnlich geht es Jürgen Wehner. Seine Firma Top Eventservice hat zwölf Angestellte und stattet Veranstaltungen und Messen aus: "Schönreden brauchen wir es nicht. Die Lage ist bescheiden. Wir sind derzeit bei einem Einbruch von 90 Prozent, vorher waren wir bei 100 Prozent", so der Messe- und Eventmanager .

Alle Mitarbeiter in Kurzarbeit

Das Unternehmen lebt von Firmenfeiern, die aber derzeit nicht stattfinden. An Jubiläen oder Weihnachtsfeiern traue sich derzeit kein Unternehmen ran. Lediglich ein paar Aufträge für Hochzeiten gäbe es wieder. Die Soforthilfen seien ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen.

Derzeit seien alle in Kurzarbeit . Aber: "Es ist in meinen Augen nicht rechtens, dass nur 60 Prozent gezahlt werden, weil wir das nicht zu verschulden haben", sagt Wehner. "Jemand, der mir das Arbeiten verbietet, muss es bezahlen. Der muss für die Kosten aufkommen. Eigentlich müssten die die Zahlen der vergangenen Jahre anschauen und berechnen, wie viel uns jetzt zusteht."

Durchhalten bis zum nächsten Jahr

Zu Beginn der Krise habe der Eventmanager Desinfektionsmittel verkauft. "Ich habe zwar wahnsinnig viel dabei gelernt, aber nichts verdient", bilanziert er. Grundsicherung könne er trotz der misslichen Lage nicht beantragen, da seine Frau arbeiten gehe.

Nun soll es für die Firma über drei Monate verteilt weitere 15 000 Euro Förderungen geben. "Eigentlich habe ich die schon ausgegeben, obwohl wir die noch nicht mal bekommen haben." Er hofft, sein Personal noch eine Weile bei Laune halten zu können. Und wirtschaftlich durchzuhalten. "Wir sind für nächstes Jahr gut gebucht, wir hoffen nur, dahinzukommen."

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