Nüdlingen

Spontaner Witz mit Tiefgang

Jonas Greiner, Nachwuchs-Comedian aus Thüringen, gibt sich selbstironisch und kritisch und beweist sich in Nüdlingen im Stand-up-Kabarett.

"So viele Menschen auf engem Raum! Das bin ich aus Thüringen nicht gewohnt", Wortwitz mit ein bisschen Selbstironie, ein bisschen Satire und ein bisschen Sarkasmus waren die Ingredienzen beim gelungenen Auftritt des Stand-up-Kabarettisten Jonas Greiner in der Nüdlinger Gemeindebücherei.

Eine intime Atmosphäre, ein Stehtisch, aufgeräumte Bücherregale - das waren die Rahmenbedingungen für den sympathischen 22-jährigen Newcomer aus Lauscha in Thüringen, der mit seinem Programm "In voller Länge" die "Nüdlinger Herbstzeit 2019" eröffnete. "Bissig, hintergründig, erstklassig" - nach einer kurzer Ankündigung von Hubert Ziegler übernahm Jonas Greiner das Mikrophon und bekannte ehrfurchtsvoll: "Ich bin noch nie vor so vielen Bürgermeistern aufgetreten." Doch dann beantwortete er ob seiner Erscheinung die ungestellte Frage: "Ich bin 2,07 Meter groß", eine Vorlage, um mit einigen Kalauern zu seiner Größe seine Schlagfertigkeit zu beweisen.

Kritik an Bildungspolitik

Diese Schlagfertigkeit ist nur eine Voraussetzung für den Stand-up-Kabarettisten, der sich durch diese Bezeichnung von den Comedians distanzieren möchte - und der aber auch nicht als Kabarettist klassifiziert werden möchte. Er bevorzuge den Weg zwischen beiden Stilrichtungen, der Witziges und Spontanes zulässt, ohne den Tiefgang zu vernachlässigen. Diese Gratwanderung gelingt Jonas Greiner während seines fast zweistündigen Auftritts auch dank einer tragenden, klangvollen Stimme sehr gut, was nicht nur die Heiterkeitsanfälle beim Publikum belegten, sondern auch der begeisterte Applaus für nachdenklich-kritischen Anmerkungen zu Entwicklungen in Politik und Bildung. Dabei verfällt er nicht in destruktive Polemik. Vielmehr rüttelt er auf.

Sein Geständnis "Ich komme aus dem Osten!" - als "emotionaler Tiefpunkt des Abends" gedacht - entwickelte er zu einer ironischen Spazierfahrt durch seinen Heimatort Lauscha ("Wo liegt das?"), durch Thüringen ("Wo liegt das?") und den "drei braunen Höhepunkten des Bundeslandes": Bratwurst, Bernd Höcke und NSU-Trio. Er beweist seine Geographiekenntnisse an "den übrigen acht Bundesländern", wobei er für das Saarland eine "Wanderkarte im Maßstab 1:1" für ausreichend hält und Niedersachsen eine geringe Anziehungskraft mit einem "Meer, das nur halbtags bleibt" diagnostiziert.

Seinem Hobby "Gesetzestexte lesen" verdankt er Erkenntnisse zu Paragraph 307 Strafgesetzbuch, der "das Herbeiführen atomarer Explosionen " verbietet und dies deutlich mit "Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren" ahntet, und den er bildhaft über eine Ebay-Kleinanzeige "Dachbodenfund günstig abzugeben - Vorsicht: Explosionsgefahr" konterkariert. Geschickt greift er immer wieder auf seinen Geburtsort und dort Erlebtes zurück und lässt dadurch Alltagsszenen in den Köpfen entstehen, die dann zu einem roten Faden werden: so seine erste aktive Bundestagswahl 2017.

Er erlebt die anhand von Info-Ständen der CDU "mit Mutti im Zentrum", der Linken mit "wir fordern alles auf 47 366 Seiten Wahlprogramm", der Grünen mit "Schutz der Umwelt, wenn niemand mehr da ist" und einer "neuen Partei, die für Schwarz-Weiß-Denken steht, für die Hitler nicht das Böse war und die stolz auf die Wehrmacht ist". Nennen muss Jonas Greiner die AFD nicht und trotzdem weiß jeder, welche Partei gemeint ist und in Bezug auf Bernd Höcke gibt es ein vielfach beklatschtes Statement: "Nicht jeder, der Höcke wählt, ist ein Nazi. Aber jeder, der Höcke wählt, wählt einen Nazi."

Wer überschätzt hier wen?

Jonas Greiner widmet sich auch der Bildungspolitik und kann dabei aus dem eigenen Erfahrungsbereich schöpfen, wenn er "Ethik als Laberfach" tituliert oder über den "Abschlussball mit euphorischen Schülern, die die Zukunft überschätzen, mit euphorischen Eltern, die ihre Kinder überschätzen und mit euphorischen Lehrern, die sich selbst überschätzen" aus dem Nähkästchen plaudert. Die Bildungsmisere sieht er im Abitur ("Das Abitur in Thüringen ist das Seepferdchen in Bayern.") ebenso wie im Lehrermangel und in der baulichen Substanz der Schulen , die "nicht Paläste der Bildung sind". Symptomatisch sei die Pisa-Studie, die Estland in allen Bereichen vorne sieht und einen Vorteil aus dem skandinavischen (DDR-)Schulsystem erzielt, "möglichst lange zusammen zu unterrichten". Aus den "apokalyptischen Niederungen" des Alltäglichen, die der 22-jährige Jonas Greiner mit abschmelzenden Polkappen, der Sklavenhalterei namens "Leiharbeitsfirmen" und einer "dilettantischen Berufsberatung" garniert, entlässt er ein begeistertes Publikum in seine Zukunft: "Zusammenhalt schützt vor dem Verfall und auch in 50 Jahren soll es in meinem Dorf eine Schule geben und idealerweise drei Bäume."

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