Bad Kissingen

Tiere spiegeln die menschliche Seele

Seit einem reichlichen Jahr betreibt die Parkklinik Heiligenfeld das Zentrum für tierbegleitete Therapie. Dabei spielt der beste Freund des Menschen eine tragende Rolle.
Über ihr Verhalten zeigen Tiere, wie es im Seelenleben ihrer Besitzer aussieht. Das macht sich die Parkklinik Heiligenfeld bei ihrer tierbegleiteten Therapie zunutze. Foto: Kerstin Junker
Über ihr Verhalten zeigen Tiere, wie es im Seelenleben ihrer Besitzer aussieht. Das macht sich die Parkklinik Heiligenfeld bei ihrer tierbegleiteten Therapie zunutze. Foto: Kerstin Junker

Da wirkte Elisabeth Weber (Name geändert) doch etwas ratlos. Immer wieder hatte sie versucht, ihren Hund Micky aus der Wohnung nach draußen zu bewegen - obwohl er ihr ansonsten zugänglich und fröhlich begegnete. Und jetzt, nach zwei Wochen in der Parkklinik Heiligenfeld, ging er - mir nichts, dir nichts - mit Projektleiterin Bianca Reiß spazieren. Weber nimmt an einer tierbegleiteten Therapie teil. Und dabei spielt ihr Hund eine bedeutende Rolle.

Dass Tiere aktivierend auf meist ältere, demente Menschen wirken können, ist bekannt. In vielen Seniorenheimen werden sogenannte Therapiehunde eingesetzt. Aber ein Tier als Mitbewohner in einer therapeutischen Einrichtung für psychosomatische Erkrankungen wie Heiligenfeld - das klingt ungewöhnlich. Tatsächlich wird die tierbegleitete Therapie dort schon seit 2014 angewandt. Und seit dem vergangenen Jahr existiert ein eigenes Zentrum dafür.

Die Idee dahinter: Tiere spiegeln die Seele der Menschen. Und schaffen dadurch leichter Zugang zu Gefühlen, Sorgen und Ängsten ihrer Besitzer. "Vieles wird leichter deutlich. Ein Tier ist, wie es ist. Es verstellt sich nicht." Manche Tiere zeigen Auffälligkeiten im Verhalten ihrer Besitzer. So kann ein besonderes zappeliges Tier auf einen aufbrausenden, aufgeregten, ja sogar wütenden Menschen hinweisen. Und wenn ein kleiner Hund sein Frauchen beißt, tut er das vielleicht nicht aus Bosheit, sondern weil er eine gewisse Hilflosigkeit empfindet.

"Den meisten ist ihr Tier unheimlich wichtig. Es ist ein sozialer Partner, den sie nicht missen wollen", sagt Bianca Reiß. "Wir können viel von Tieren lernen: Dankbarkeit, Gelassenheit, Ruhe, Liebe, Treue, Authentizität. Aber auch das Ignorieren von Dingen, wie Katzen es tun." Menschen, die ihrem Tier schlecht Grenzen setzen, können das womöglich auch bei anderen Menschen nicht. "Sie tun sich schwer, Nein zu sagen."

Tiere gelten aber nicht nur als Konfliktlöser; sie können Teil des Problems sein. Zum Beispiel, wenn sie in einer Beziehung höher als der Partner stehen, die Tierliebe also übertrieben wird. Vielfach dienen Tiere als Kinderersatz. Auch darunter kann eine Beziehung leiden, sagt Reiß. Welchen Stellenwert ein Tier im Familiensystem besitzt, lässt sich während der Therapie ergründen.

Dass man diese und ähnliche Erkenntnisse nutzen kann, ahnte die seit 19 Jahren bei Heiligenfeld tätige Fachwirtin im Sozial- und Gesundheitswesen früh. Im Aufnahmemanagement der Klinik erkundigten sich mehrere ankommende seelisch und körperlich Erkrankte, ob sie ihre Tiere mitbringen könnten. Eine drängende Frage. Wussten doch viele nicht, an welchem Ort sie ihre Lieblinge während der sechs- bis zwölfwöchigen Therapie unterbringen sollten. Aber auch der wochenlange emotionale Abschied spielte eine große Rolle.

2010 richtete Heiligenfeld nach Reiß' Worten "zwei oder drei Zimmer für Menschen ein, in denen ihr Tier dabeisein konnte. Das gab es meines Wissens damals in psychosomatischen Kliniken noch nicht." Inzwischen gebe es auch andere Kliniken, wo die Aufnahme mit Tier möglich ist. Die Zimmer waren schnell belegt; die Zahl der Anfragen stieg weiter an. So wurden immer mehr Räume für Mensch und Tier bereitgestellt.

Vier Jahre später entwickelte Bianca Reiß die tierbegleitete Therapie. Dafür eignen sich nach ihren Worten Hunde besonders, vereinzelt auch Katzen. "Mit Pferden kann man auch sehr gut arbeiten."

Im September 2018 eröffnete schließlich wegen der großen Nachfrage das Zentrum für tierbegleitete Therapie mit rund 40 Betreuungsplätzen. Neben Ärzten und Psychologen stehen dort eine Hundetrainerin, eine Tierheilpraktikerin und eine Tierkommunikatorin für die Patienten bereit. Fürs Zubereiten der Tiernahrung steht eine Futterküche zur Verfügung, ebenso eine Hundedusche. Ein separater Indoor-Spielplatz wurde eingerichtet - für Trainingsangebote, die die Tierhalter wahrnehmen. "Das Zentrum ist sehr gut ausgelastet", sagt Reiß.

Dass keine Missverständnisse entstehen: Das Tier darf sein Herrchen oder Frauchen nicht bei jeder Therapiestunde begleiten. Genau genommen machen die tierbegleiteten Angebote nur einen gewissen Teil des ganzen Programms aus. So lässt sich unter dem Motto "Achtsamkeit mit dem Tier" die Natur bewusst gemeinsam erleben oder beim Schlendern entschleunigen. Zwei Mal pro Woche gibt es ein "aktives Tierangebot", zum Beispiel das Apportieren eines Wildersatzes (Dummytraining) oder das Ausführen von Befehlen des Menschen durch den Hund (Basis-Unterordnung). Einmal die Woche findet die Tiersprechstunde statt.

Und was bedeutet nun die Weigerung von Hund Micky, mit Besitzerin Elisabeth Weber rauszugehen? Ganz einfach: Der Hund traute seinem psychisch angeschlagenen Frauchen nicht zu, diese Aufgabe zu lösen. Anders als der Projektleiterin.

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