Bad Kissingen

Über 600 Biografien der Juden Bad Kissingens in der NS-Zeit übersetzt

Gerhild Ahnert hat eine Herausforderung angenommen, die unter die Haut geht. Die Bad Kissingerin begibt sich in die 30er und 40er Jahre und taucht ein in die Welt des damaligen jüdischen Lebens in der Kurstadt.
Auf der Internetseite 'Biografisches Gedenkbuch der Bad Kissinger Juden während der NS-Zeit' finden sich neben den Kurzbiografien auch Bilder von ehemaligen Häusern und Läden der jüdischen Familien, überlieferte Dokumente und alte Familienfotos. Foto: Ellen Mützel       -  Auf der Internetseite 'Biografisches Gedenkbuch der Bad Kissinger Juden während der NS-Zeit' finden sich neben den Kurzbiografien auch Bilder von ehemaligen Häusern und Läden der jüdischen Familien, überlieferte Dokumente und alte Familienfotos. Foto: Ellen Mützel
Auf der Internetseite 'Biografisches Gedenkbuch der Bad Kissinger Juden während der NS-Zeit' finden sich neben den Kurzbiografien auch Bilder von ehemaligen Häusern und Läden der jüdischen Familien, überlieferte Dokumente und alte Familienfotos. Foto: Ellen Mützel

Manchen gelingt die Flucht, andere kommen im Konzentrationslager um. Solchen unterschiedlichen Geschichten begegnet Gerhild Ahnert bei der Übersetzung der Internetseite 'Biografisches Gedenkbuch der Bad Kissinger Juden während der NS-Zeit' ins Englische. Eine Website, die Rudolf und Marlies Walter nach jahrelanger Arbeit ins Leben gerufen und am 23. Januar dieses Jahres vorgestellt haben.

Dort können Interessierte die Einzelschicksale von 627 Juden nachlesen, die in der Kurstadt geboren sind oder sich eine Weile dort aufhielten. Bei manchen Familien reichen die Kissinger Wurzeln bis ins Mittelalter. Zu den Quellen des Ehepaars gehört auch Gerhild Ahnerts Auflistung jüdischer Schüler .

Schon länger beschäftigt sich die ehemalige stellvertretende Schulleiterin des Jack-Steinberger-Gymnasiums mit jüdischem Leben in Bad Kissingen . Als sie für das 125-jährige Jubiläum des Bad Kissinger Gymnasiums im Jahr 1996 eine Festschrift erstellte, bemerkte sie: Es gab Klassen, in denen zehn Prozent jüdisch waren. "Ich bin daher ins Archiv gegangen und habe dann eine Auflistung der jüdischen Schüler gemacht", sagt Gerhild Ahnert . "Sie sind 1937 von der Schule verwiesen worden."

Auf eigene Faust

Viele an der Website Interessierte sind Nachkommen der jüdischen Bürger: "Ich habe mir gedacht, mein Gott - die sind doch alle ins Ausland geflohen", sagt Gerhild Ahnert . Eine englische Übersetzung der Website stieß auf Interesse, wäre jedoch teuer gewesen.

Also begann die ehemalige Englischlehrerin, das Vorwort zu übersetzen. Sie schickte dieses als Probe an Peter Weidisch, der sich als Kulturreferent der Stadt um die Seite kümmert. Sie habe dabei mit dem Grundsatz der Übersetzungstätigkeit gebrochen, nur in die Muttersprache zu übersetzen: "Es gab eben keinen, der es machen würde und ich hatte am Anfang gedacht, dass es nicht so viel wird", sagt sie schmunzelnd.

Peter Weidisch gab grünes Licht. "Und dann kam Corona: Man konnte nicht in Konzerte gehen, nicht ins Theater, nicht ins Kino", erzählt sie. Daher fiel auch ihr Engagement für den Theaterring weg, ebenso wie der Deutschkurs, den sie in der Volkshochschule gab. Also widmete sich Gerhild Ahnert der Übersetzung der Kurzbiografien.

Dann bekam das Ehepaar Ahnert aus Italien einen Anruf. Von einem Herrn Kallenbach. Er sei der Urenkel des ehemaligen jüdischen Juweliers Simon Hermann und dessen Frau Paula Rosenau. Kallenbach wollte sich dafür bedanken, dass die Ahnerts seinen Vorfahren im Jahr 2009 die zwei Stolpersteine gestiftet haben. Dadurch wurde die engagierte Bad Kissingerin endgültig in ihrem Tun bestärkt: "Der Anruf von Herrn Kallenbach kam genau richtig, damit ich weiß, wie viel Interesse es dafür noch heute gibt", sagt Gerhild Ahnert . Also ging sie der Übersetzung weiter nach - und nun mit viel mehr Motivation.

Hunderte Lebensverläufe

"Im Laufe der Zeit hat sich das interessante Gefühl breitgemacht, dass ich eine ganz neue Seite von Bad Kissingen kennen lerne." Sie erfahre, in welchen Häusern in ihrer Umgebung früher jüdische Familien wohnten und welche Läden sie besaßen. "Alle möglichen Berufe kommen vor", bemerkt Ahnert. Vom Lehrer über den Viehhändler bis zum Kaumann.

Beim Übersetzen stieß Gerhild Ahnert auf unterschiedlichste Lebensverläufe. Manchen gelang damals die Flucht, einige davon erreichten später in ihrem Leben noch Großes. Wie der in Bad Kissingen geborene Hans Jakob (Jack) Steinberger, der 1988 den Physiknobelpreis erlangte und am 25. Mai seinen 99. Geburtstag feierte. Oder Hans Josef Ehrlich (später Joske Ereli), der sich sehr für den deutsch-israelischen Austausch einsetzte. Daraus entwickelte sich die Landkreispartnerschaft zwischen Bad Kissingen und Tamar. Gerhild Ahnert nennt auch Herbert Kugelmann (später Cordier): Er war einer der von Jaqueline Kennedy ausgewählten Innenarchitekten, die den Diplomaten-Empfangsraum im Weißen Haus renovierten.

Jedoch las Gerhild Ahnert auch von denen, die in den Lagern umkamen. Wie der Juwelier Simon Rosenau, der die noch jetzt existierende Amtskette des Bürgermeisters herstellte und später in Auschwitz ermordet wurde. Otto Goldstein war Stadtrat, ihn trieb die NS-Ausgrenzungspolitik in den Freitod.

Nicht zu vergessen der Arzt Sally Mayer, der mit seiner Frau Irma eine Gruppe alter und kranker Menschen ins Konzentrationslager Theresienstadt begleitete. Nach zwei Jahren wurde er nach Auschwitz deportiert, wo er zu Tode kam. "Nach dem müsste man eine Straße benennen", bemerkt ihr Mann Tom Ahnert. "Da gäbe es wohl einige", fügt Gerhild Ahnert hinzu.

Keine leichte Lektüre

Wer sich in ein paar Biografien einliest, bekommt ein beklemmendes Gefühl. Jede Seite geht um einer Person. Der Leser erfährt, wie sie heißt, wer Eltern, Partner und Kinder waren, welchen Beruf sie hatte. Oft ist ein Bild beigefügt, manchmal eines mit Familie , eines von der Hochzeit , eines vom ehemaligen Haus in der Kurstadt. Viele Leben enden im Konzentrationslager .

"Es ist schon ziemlich anstrengend, wenn fünf Leute hintereinander beispielsweise in Sobibor verenden. Ich lese seitdem keine Romane mehr, weil diese Biografien mich sehr ausfüllen. Sie erschöpfen so sehr, dass ich abends keine Lebensgeschichten mehr brauche", sagt Gerhild Ahnert . Aber sie habe nur noch 38 Biografien vor sich.

Für die Korrektur der Übersetzungen freut Gerhild Ahnert sich über die Hilfe ihres Mannes Tom. Im Großen und Ganzen ist Gerhild Ahnert angetan, dass die Nachfahren sich noch damit beschäftigen. Auch wenn die Arbeit teilweise hart sei, wisse sie, wozu sie das mache: "Ich finde die Beschäftigung lohnend und immer noch wichtig"

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