Bad Kissingen

Über den Verlust von Heimat

Seminar und Vortrag an der Bildungsstätte Heiligenhof. Gast war Sandra Brökel, die aus ihrer Romanbiographie "Das hungrige Krokodil" vorlas.
Autorin Sandra Brökel beim Signieren ihres Buches "Das hungrige Krokodil" . Foto: Sigismund von Dobschütz
Autorin Sandra Brökel beim Signieren ihres Buches "Das hungrige Krokodil" . Foto: Sigismund von Dobschütz

Passend zur Leipziger Buchmesse, die am Donnerstag mit Tschechien als Gastland eröffnet wird, hatte die Bildungsstätte Heiligenhof zum Seminar über "Geteilte Erinnerungen " eingeladen. Sechzig Teilnehmer, jeweils zur Hälfte Sudetendeutsche und Tschechen, darunter auch Angehörige der deutschstämmigen Minderheit, diskutierten über den Verlust von Heimat und unterschiedlich geprägte Erinnerungen - aus Sicht der Vertriebenen und der in Tschechien Verbliebenen. Emotionaler Höhepunkt der viertägigen Tagung war am Montag der Vortrag von Sandra Brökel (46) mit Lesungen aus ihrer Romanbiographie "Das hungrige Krokodil".

"Mein Buch dient der deutsch-tschechischen Verständigung", hob Brökel zur Einführung hervor. Ihr 2018 erschienenes und bereits in dritter Auflage vorliegendes Buch beschreibt das von politischen Systemwechseln geprägte Leben des 1920 in Prag als Sohn eines Tschechen und einer Deutschen geborenen Psychiaters Pavel Vodák (1920-2002).

Hatte Vodák als Jugendlicher noch das harmonische Zusammenleben von Tschechen und Deutschen in Prag erlebt, änderte sich dies abrupt mit dem Einmarsch der Wehrmacht im März 1939.

Machtmissbrauch

Als "hungriges Krokodil" bezeichnete Vodák in seinen Aufzeichnungen, auf denen Brökels gleichnamiges Buch basiert, den überall und jederzeit drohenden Machtmissbrauch politischer Gewalt, der sich in der deutschen Besetzung, den nachfolgenden Racheakten der Tschechen an Deutschen mit Mord und Vertreibung bis hin zum Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes zur Niederschlagung des Prager Frühlings im Jahr 1968 zeigte.

"Das Krokodil, das noch heute jederzeit zuschnappen kann, hat keine Nationalität. In Vodáks Leben war es erst deutsch, dann tschechisch, zuletzt russisch", machte Brökel in ihrem dreistündigen Vortrag deutlich. Als aktiver Widerständler während des Prager Frühlings sah sich der auch außerhalb Tschechien anerkannte Kinderpsychiater Pavel Vodák schließlich 1970 gezwungen, vor der Verfolgung der Staatssicherheit mit seiner Familie in die Bundesrepublik zu fliehen - zum Entsetzen seiner tschechischen Ehefrau Vera, die Deutschland noch immer als Feindesland sah.

Zwar hätten auch zwei andere Länder die Flüchtlinge aufgenommen, aber nur Deutschland akzeptierte die Universitätsabschlüsse des inzwischen 50-jährigen Psychiaters. Brökel: "Für Vodák war aus dem einstigen Volk der Täter nun das Volk der Retter geworden."

Doch noch Jahre später plagte den im Westen zu Wohlstand gekommenen Arzt das Gefühl des Verrats gegenüber seinen im Osten verbliebenen Landsleuten.

Nicht nur die Lesung aus ihrem Buch, sondern Brökels Vortrag über die mit Vodáks Tochter Pavla unternommenen Recherchen in deren Geburtsstadt Prag, die Konfrontation von Gegenwart und Vergangenheit, beeindruckten die jungen wie alten Zuhörer im Heiligenhof.

Aus drei Stunden wurden sechs

Wenn zum Beispiel bei einem Ortsbesuch im Elternhaus Pavla erfahren musste, dass ausgerechnet jener Geheimdienstagent, der ihren Vater 1968 ausspioniert hatte, sich nach dessen Flucht sowohl die Wohnung als auch das Ferienhaus angeeignet hatte. Für die Tochter stellte sich die Frage: "Kann ich irgendwann denen verzeihen, die mich meiner Heimat beraubt haben?"

Manche älteren Tagungsteilnehmer hatten als Kind ähnliche Erfahrungen gemacht oder wussten aus Erzählungen in der Familie davon, weshalb solche Schilderungen Brökels ihnen besonders nahegingen. Statt wie vorgesehen nach drei Stunden wurde die Autorin deshalb erst nach sechs Stunden aus nachfolgenden Gesprächsrunden entlassen.

Lebensbilder

Wie bei dieser Autorenlesung ging es an allen vier Tagen des Seminars mit drei tschechischen und fünf deutschen Referenten um "geteilte Erinnerungen ", um Lebensbilder heimatvertriebener Sudetendeutscher sowie Erinnerungen diesseits und jenseits der Grenze.

Man sprach über die deutsche Protektoratszeit ebenso wie über die Aufnahme von Vertriebenen in Westdeutschland. Viele Sudetendeutsche waren damals direkt nach dem Krieg nicht so willkommen in Westdeutschland gewesen wie 25 Jahre später der Tscheche Pavel Vodák.

Das Buch: Sandra Brökel: "Das hungrige Krokodil", Pendragon-Verlag, Taschenbuch, 320 Seiten, Preis: 17 Euro, ISBN 978-3865326089.

Schlagworte

  • Bad Kissingen
  • Erinnerungen
  • Frühling
  • Heimat
  • Krokodile
  • Prager Frühling
  • Psychiater
  • Seminare
  • Sudetendeutsche
  • Vertriebene
  • Vorträge
  • Wehrmacht
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!