Bad Kissingen

Viel los unterm Cord-Hüdli: Pelzig in Bad Kissingen

Frank-Markus Barwasser trat im vollen Regentenbau mit seinem Programm "Pelzig stellt sich" auf. Ziel seines Spotts waren Schönredner aus Politik und Wirtschaft.
Es gibt viele Eigenschaften, die die Figur Erwin Pelzig ausmachen. Und damit sind nicht nur das rotkarierte Hemd, das Cord-Hüdli und das Herren-Handtäschle gemeint. Erwin Pelzig schaut zwar aus wie ein aus der Zeit gefallener Spießer, ist aber ein scharfer politischer Kopf mit wachem Gerechtigkeitssinn. Pelzig ist einer, der die Mächtigen in Politik, Wirtschaft und der Finanzwelt mit Unbehagen beobachtet. Er ist einer, der anschließend Fragen stellt. Viele Fragen. "Ich habe nur Fragen, nie Antworten", ruft er den 1100 Zuschauern am Ende seines dreistündigen Auftritts im Regentenbau zu.

Einfachheit in der Finanzkrise

Möglichst banale Fragen nimmt Pelzig zum Anlass, um komplexe Themen zu durchdenken. Ein Beispiel: Pelzig fragt sich, wie sich wohl Aldi-Gründer und Multi-Milliardär Karl Hans Albrecht fühlt, wenn der eines morgens mitbekommt, dass er im Zuge der Finanzkrise eine Milliarde Euro verloren hat. Merkt der das überhaupt? Ist er am Boden zerstört? Leidet er an Zukunftsängsten und erwägt vielleicht den eigenen Suizid? Genüsslich und mit tiefschwarzen Humor legt Pelzig das Abstruse frei: Er persönlich halte ja nicht viel von Selbstmord. "Warum sich schon heute aufhängen, wenn es nächstes Jahr noch viel bessere Gründe gibt?"
Pelzig hat aber nicht nur seinen unbequemen Wissensdurst, mit dem er Angela Merkel, der Deutschen Bank und dem Kapitalismus zu Leibe rückt. Sein Motto des Abends lautet: "Kog nitive Dissonanz". Der Mensch habe in Wahrheit eine schiefe Wahrnehmung. Er neige dazu, sich alles schön zu reden. Er verdrehe die Realität, nur um selbst Recht zu behalten.
Mit dieser These seziert Pelzig beispielsweise das Totschlagargument von Finanzminister Wolfgang Schäuble, die Finanzkrise sei beherrschbar. "Das ist kognitive Dissonanz", erklärt Pelzig. "Schäuble lügt nicht. Der glaubt den Scheiß selbst, den er verbreitet." Das Spielchen mit der wahrnehmungsgestörten Gesellschaft treibt Pelzig immer wieder auf die Spitze, indem er Paradoxes entdeckt. Pelzig zitiert den Psychoanalytiker Erich Fromm: "Eine gesunde Wirtschaft braucht kranke Menschen."
Damit bewaffnet zieht er los. Er beobachtet beispielsweise I-Phone-Jünger, die tagelang vor Apple-Stores campieren, nur um als erste das neueste Produkt zu kaufen. Er kennt umweltbewusste Bürgerliche, die mit SUV-Benzinfressern zum Einkaufen in den nächsten Bioladen fahren. Er sieht Menschen, die einer Arbeit nachgehen, die sie hassen, um mit dem verdienten Geld Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen. "Es ist doch beruhigend, wie gesund unsere Wirtschaft ist", meint Pelzig spöttisch.
Seine stärksten Momente hat Pelzig dann, wenn er sich über die "Scheißdrecks Welt" aufregt. Etwa, dass die Politik Hartz-IV-Empfänger als bloße Verfügungsmasse sieht, die, je nachdem wo Personal knapp ist, entweder Müll von der Straße sammeln oder in Altenheimen Hintern abwischen sollen.
Trotz aller Tricks, mit denen Erwin Pelzig versucht, der Wirklichkeit Antworten abzuringen: Am Ende bleibt er mit einer Frage stehen, die er laut hinaus ruft: "Warum lässt sich das Leben immer so viel Zeit mit der Antwort?"

Leben Frank-Markus Barwasser wurde 1960 in Würzburg geboren. Der gelernte Zeitungsredakteur wurde deutschlandweit als Erwin Pelzig bekannt.

Karriere Anfang der 1990er Jahre arbeitete Barwasser als Radio-Reporter beim Bayerischen Rundfunk und veröffentlichte erste Glossen. Im Oktober 2010 stieg Barwasser in die Satire-Sendung "Neues aus der Anstalt" (ZDF) ein. Mit Urban Priol verließ er die Anstalt am 1. Oktober 2013. Seit Februar 2011 ist Barwasser Gastgeber der Sendung Pelzig hält sich. Außerdem wird Barwasser Ende 2014 im Frankentatort zu sehen sein.

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