Bad Kissingen

Virtuoses Quartett zur Eröffnung

Kissinger Spätsommer: Zum 250. Geburtstag gab es "Originale und Fälschungen von und über Ludwig van Beethoven". Aber "Uwaga! (Achtung!): Es gab weder das eine, noch das andere und doch war es ein besonderer Abend
Sie heißen 'Uwaga!' (Christoph König, Mathias Hacker, Maurice Maurer und Miroslav Nisic) und machen ihrem Namen alle Ehre. Gerhild Ahnert       -  Sie heißen 'Uwaga!' (Christoph König, Mathias Hacker, Maurice Maurer und Miroslav Nisic) und machen ihrem Namen alle Ehre. Gerhild Ahnert
| Sie heißen "Uwaga!" (Christoph König, Mathias Hacker, Maurice Maurer und Miroslav Nisic) und machen ihrem Namen alle Ehre. Gerhild Ahnert

Jetzt hat der Kissinger Sommer doch noch ein paar Spätblüher aus dem ausgetrockneten Boden des Kulturbetriebs ausgetrieben: Am Donnerstagabend eröffneten Oberbürgermeister Dr. Dirk Vogel und Fördervereinsvorsitzender Anton Schick im Max-Littmann-Saal das zarte Pflänzchen "Kissinger Spätsommer". Zu Gast bei der musikalischen Vernissage war ein "Männerquartett in einer vom Üblichen abweichenden Besetzung: Christoph König. Violine und Viola), Maurice Maurer (Violine), Miroslav Nisic (Akkordeon) und Matthias Hacker (Kontrabass).

Als sie sich vor zwölf Jahren zusammenschlossen, gaben sie sich den etwas rätselhaften Namen "Uwaga!" Das ist polnisch und bedeutet "Achtung! Vorsicht!". Für Konzertreisen in Polen ist das praktisch, da können sie sich die Werbung sparen. Denn "Uwaga!" steht schon auf jedem dritten Verkehrszeichen. Aber in Deutschland? Abgesehen davon, dass es auch für Musiker vielleicht nicht ganz geschickt ist, vor sich selbst zu warnen, können sie von Glück reden, dass in Bad Kissingen nicht jeder die Sprache des Nachbarlandes beherrscht und kommenderweise die Warnung missachtete.

Natürlich konnten sich auch die vier Herren dem Hauptgesprächsthema des Jahres - abgesehen von Corona - nicht entziehen: 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven . Und so hieß denn auch ihr Programm: "Originale und Fälschungen von und über Ludwig van Beethoven ". Nur, was soll man von Beethoven spielen, wenn der für die Uwaga-Besetzung nicht eine einzige Note komponiert hat? Bei der Besetzung, die das Melodische genauso bedient, wie das Rhythmisch-Perkussive, gibt es nur eine Antwort: Jazz! Themen zum Improvisieren hat Beethoven ja zur Genüge geliefert.

Und natürlich starteten sie mit einem Ohrwurm, den wirklich jeder kennt: "Für Elise", arrangiert von Christoph König, zunächst ganz dicht am Thema. Aber dann legten sie los. Bei "Elise" blieben sie noch relativ dicht am Thema, aber bei den Sätzen aus der Mondscheinsonate, der Pathétique und der 7. Sinfonie brach sehr schnell die "musizierende Wildsau" durch.

Natürlich war es schon spannend, wie sie die Themen angehen, ob sie überhaupt irgendwann zu erkennen waren. Aber sehr schnell siegte die Neugier auf die technische Raffinesse und enorme Virtuosität der vier Herren. Dass Streicher schnell und stark verdichtend spielen können, dass auch sie Möglichkeiten haben, prägnante Rhythmen, sei's gestrichen, gezupft oder geschlagen, zu entfalten, ist ja an sich nichts Neues. Aber die Herren König, Mauer und Hacker machten das in ihren eigenen Arrangements wirklich perfekt und absolut abwechslungsreich.

Erstaunliche Virtuosität

Auch weiß man, dass es wirklich gute Akkordeonisten gibt. Aber bei Miroslav Nisic konnte man noch ein bisschen mehr staunen über seine Virtuosität, seine Rhythmusgestaltung und seine erstaunlich reichen Klangfarben in seinen Soli. Nein, man konnte sich von "Uwaga!" wirklich einfangen und mitnehmen lassen. Dass die Moderation im Bereich des Humorvoll-Konventionellen blieb, konnte man ihnen verzeihen.

Freilich gab es nicht nur Beethoven-Improvisationen. Ein Song von Charlie Puth von 2018 bot sich schon deshalb an, weil er den Namen "Attention" - also "Uwaga" - trägt. Dazu Astor Piazzollas vollgriffiger "Escualo" ("Haifisch" in Kombination mit einem wunderbar meditativen Akkordeon-Solosatz. Und schließlich eine Eigenkomposition von Maurice Mauer: "Puls". Woher der Titel kommt? "Das ist mir eingefallen, als ich mal überlegt habe, wofür ich an diesem Tag dankbar bin." Ob da das ganze Publikum auch ins Grübeln kam, ist fraglich, denn man konnte dieser Musik auch sehr gut ganz einfach zuhören.

Und doch mischten sich skeptische Gedanken in die Musik. Zum einen war es der Titel des Konzerts. Denn Originale gab es nicht, und eine "Verjazzisierung" eines Werkes ist keine Fälschung, sondern eine Erweiterung. Da hätte man das Programm vielleicht etwas anders angehen sollen. Zum anderen waren es die Umstände: "Uwagas!" an einem warmen Sommerabend in einer Ecke des Luitpoldbad-Innenhofes wäre sicher eine stimmungsvolle Angelegenheit gewesen. Aber ein Open-air-Konzert Mitte Oktober anzusetzen war schon mutig. Natürlich war es richtig, unters Dach zu ziehen. Aber in den unbesetzten Weiten des Max-Littmann-Saales und des Podiums verlor sich die Stimmung.

Nicht massentauglich?

Und schließlich: Vielleicht was das Quartett mit dem rätselhaften Namen und dem ebenso rätselhaften Programm nicht unbedingt der massentaugliche Magnet, um ein Festival zu eröffnen. Als Auftakt der im Sommer geplanten "Metamorphosen"-Reihe wäre es optimal gewesen. Vielleicht, aber das sagt und schreibt sich so einfach, wäre es spannender und auffälliger gewesen, wenn das Quartett zusammen mit dem Folkwang-Kammerorchester Essen gekommen wäre, mit dem es seit einiger Zeit eng zusammenarbeitet. Aber zurzeit muss halt vieles Wunsch bleiben.

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