Volkersberg

Volkersberg: Junge Leute reden Klartext

Schule zuhause und Vorbereitung aufs Abitur per Videokonferenz? Beim Sommergespräch "Bildung ist mehr als Schule" kritisieren Jugendliche das Schulsystem. Auch zwei Mütter finden deutliche Worte.
Sie würden das Bildungssystem gerne umkrempeln, nehmen ihre Lehrer aber auch in Schutz: Edwin Eirich (links) und Marlon Benkert berichten vom Schulalltag in Corona-Zeiten. Foto: Ulrike Müller       -  Sie würden das Bildungssystem gerne umkrempeln, nehmen ihre Lehrer aber auch in Schutz: Edwin Eirich (links) und Marlon Benkert berichten vom Schulalltag in Corona-Zeiten. Foto: Ulrike Müller
| Sie würden das Bildungssystem gerne umkrempeln, nehmen ihre Lehrer aber auch in Schutz: Edwin Eirich (links) und Marlon Benkert berichten vom Schulalltag in Corona-Zeiten. Foto: Ulrike Müller

Es ist eine ungewöhnliche Runde, die sich da versammelt hat. Mit Abstand und ohne Publikum sprachen Jugendliche, Eltern, Lehrer und Erzieher über die Auswirkungen der Corona-Pandemie. Eingeladen hatten die Jugendbildungsstätte Volkersberg , der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) in der Diözese Würzburg und die Regionalstelle Bad Kissingen der katholischen Jugendarbeit . Das Sommergespräch stand unter dem Motto "Bildung ist mehr als Schule ".

Gleich zu Beginn fiel die kritische Bemerkung, dass kein Politiker der Einladung auf den Volkersberg gefolgt sei. Die Jugendlichen ließen sich davon nicht beirren und schilderten ihren Schulalltag der vergangenen Monate. "Mein Deutschlehrer ist über 60. Der durfte jetzt 14 Wochen zuhause bleiben", erzählte Lisa Bühner, Schülerin und Gruppenleiterin der katholischen Jugendarbeit in Oberbach und Bad Kissingen. Erst recht spät habe die Klasse Aufgaben erhalten.

Unterricht nicht mehr zeitgemäß

In Mathematik sei genau das Gegenteil der Fall gewesen. Die Hälfte der Schüler sei in der Schule unterrichtet worden, die andere habe die Stunde online zuhause verfolgt. "In Mathe sind wir gleichauf mit dem Stoff wie im Vorjahr", sagte sie. Edwin Eirich, Corona-Abiturient am Bad Brückenauer Franz-Miltenberger-Gymnasium (FMG), berichtete von Abitur-Vorbereitungen mittels Videokonferenz. Allerdings hätten die Schüler keine Möglichkeit gehabt, Fragen zu stellen. "Das war ungenügend", stellte er fest.

Marlon Benkert, FMG-Schülersprecher, nahm die Lehrer hingegen in Schutz: "Da fehlt es vielleicht an Fortbildung." Dem Schulsystem bescheinigte er viele Mängel: "Ein Lehrer steht vorne und die Schüler sitzen und hören zu." Die Ministerialbeauftragte hätte er gerne gefragt, woran sie sich aus ihrer Schulzeit noch erinnere. "Ist es wirklich die Mathe-Stunde am Montagmorgen, oder nicht doch eine Klassenfahrt?"

Klassenfahrten fallen aus

Das ist nicht ganz uneigennützig, denn seit dem Verbot von Schüleraustauschen und Klassenfahrten durch das Bayerische Kultusministerium bis Ende Januar 2021 fürchten Träger der Jugendarbeit um ihre Existenz. Allein für die Jugendbildungsstätte auf dem Volkersberg ist seit Beginn der Pandemie ein Defizit von 1,7 Millionen Euro aufgelaufen, berichtet der stellvertretende Leiter Ralf Sauer auf Nachfrage. Klassenfahrten machten ungefähr 70 Prozent des Programmes aus. "Wir sind überzeugt, dass die außerschulischen Angebote enorm wichtig sind", betonte er.

Deutliche Worte wählten zwei Mütter. "Ich habe mich wirklich gefragt, ob wir nicht andere Probleme haben, als Kinder mit Lernstoff vollzupumpen", sagte Valerie Diemer, Ausbildungsreferentin des Bistums Würzburg. Ihre beiden Söhne beispielsweise hätte während der Corona-Zeit Kochen gelernt. Sie forderte neue Bildungsansätze, die als Absolventen eigenverantwortliche Menschen hervorbringen.

Den klassischen Frontalunterricht sieht auch Petra Wiesner-Molitor, Elternbeirätin des FMG und selbstständige Architektin, kritisch: "Lernen durch soziales Interagieren fehlt mir." Den Alltag vieler Schüler bezeichnete sie als "Bulimie-Lernen". "Vom Leben an sich wissen die Kinder nichts." Das merke inzwischen auch die Wirtschaft. Die Krise erachtet sie als Chance, diesen Schwachpunkt offensiv anzugehen.

Petition angeregt

Einen positiven Aspekt durch Corona sieht auch Stephan Heil, Erziehungsleiter im Kinder- und Jugenddorf St. Anton in Riedenberg. Viele der etwa 70 Kinder und Jugendlichen, die dort leben, gingen ins Förderzentrum St. Martin, ebenfalls in Riedenberg. "Das Förderzentrum ist besser durch die Corona-Zeit gekommen, weil dort anders unterrichtet wird", sagte er.

Roland Heß, Elternbeirat der Realschule Bad Brückenau, stellte die Behauptung auf, es gebe in einzelnen Studiengängen politische Vorgaben, wie viele Absolventen ihren Abschluss schaffen müssten. Er verlieh seiner Sorge Ausdruck, dass sich die Bildungsvermittlung immer weniger an unverrückbaren Inhalten orientiere. Vielmehr werde das Niveau gedrückt und dem Lernvermögen einer Mehrheit der Studierenden angepasst.

Moderatorin Tina Muck, Geschäftsführerin des Bezirkjugendrings Unterfranken, lenkte die grundsätzliche Kritik am Bildungssystem hin zur Frage, was für konkrete Impulse vom Sommergespräch ausgehen könnten. Margareta Weiß, die vor ihrer Pensionierung als Lehrerin an der Bad Brückenauer Realschule unterrichtete, regte eine Petition an.

Darin sollte die wichtige Bedeutung von Klassenfahrten für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen begründet werden. Sebastian Dietz, Vorsitzender des BDKJ in der Diözese Würzburg kündigte an, erneut einen Versuch zu unternehmen, um politische Vertreter zu einer Podiumsdiskussion zum genannten Thema zu bewegen.

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