Bad Kissingen

Von der DDR über Ungarn nach Oerlenbach

Vor dreißig Jahren zerriss es den Eisernen Vorhang, der den Ost- vom Westblock trennte. Die Auswirkungen waren auch in Oerlenbach zu spüren.
Die Ankunft im Westen. Foto: Angelika Braun
Die Ankunft im Westen. Foto: Angelika Braun

Erkältungen, eine Lungenentzündung und brennende Ostmark - davon berichtet die Saale-Zeitung am 3. Oktober 1989. Die Ursache: DDR-Bürger waren über die Tschechoslowakei in den Westen geflohen. In mehreren Wellen schwappten weit über zehntausend Flüchtlinge in die Bundesrepublik. Ein Teil von ihnen spülte das Schicksal auch nach Oerlenbach und Hammelburg .

Über 1000 DDR-Bürger erreichten mit zwei Zügen am 1. Oktober Hammelburg . 135 davon leiteten die Behörden mit Bussen nach Oerlenbach weiter. Bei etwa einem Sechstel handelte es sich um Kleinkinder, für die sogar Wickeltische bereit standen.

Redakteur Thomas Ahnert merkte damals an, dass nun "die Stunde der Praktiker" geschlagen habe. In Hammelburg halfen beispielsweise 134 Rotkreuz-Helfer mit. Die Vorbereitungen für die Unterbringung und die Versorgung hatten Politik und Behörden getroffen. Denn Klarheit, dass sich eine größere Fluchtwelle aufbaute, herrschte bei den Bundesbehörden schon länger. Der Eiserne Vorhang, der den Osten vom Westen trennte, hatte im Frühjahr 1989 in Ungarn erste Löcher bekommen. Dadurch hatten DDR-Bürger die Möglichkeit, über Österreich nach Westdeutschland auszureisen.

Die Möglichkeit nutzten tausende DDR-Bürger. "Mitte August gab es in Budapest und am Plattensee drei Lager mit DDR-Bürgern. Seitens der ungarischen Behörden schätzte man die Zahl auf circa 60 000 Personen", sagt Erwin Ritter rückblickend. Der 58-Jährige arbeitet seit seinem 16. Lebensjahr bei der Bundespolizei , die damals noch Bundesgrenzschutz hieß.

Schon gegen Ende August 1989 hatte sich auf Anlass des Bundesministeriums des Inneren (BMI) eine Führungsorganisation für den Ernstfall gebildet. Vertreten waren darin unter anderem die Botschaften in Wien, Budapest und Prag, das Bayerisches Staatsministerium, das Deutsche und Bayerische Rote Kreuz, die Deutsche Bahn, die Polizei Bayern und sogar die Bundesaufnahmestelle in Gießen.

Mit der Grenzöffnung in Ungarn am 11. September 1989 um Mitternacht musste die neue Führungsstruktur ihre Effizienz erstmals unter Beweis stellen. Schon um 3:07 Uhr erreichte der erste DDR-Bürger mit seiner Familie im Auto die Grenze bei Passau - weitere sollten folgen. Die Generalprobe auf das kommende Ereignis, die Ankunft der DDR-Bürger die sich auf das Gelände der Prager-Botschaft geflüchtet hatten, gelang.

Trotzdem standen die Behörden Anfang Oktober vor Hürden. "Binnen kürzester Zeit mussten Unterbringungskapazitäten organisiert werden", sagt Ritter. Kenntnis darüber, dass die Prager Botschaftsflüchtlinge ausreisen dürfen, erhielten die Behörden am 30. September gegen 13 Uhr. Die ersten Züge trafen bereits in den frühen Morgenstunden des 1. Oktobers am Grenzbahnhof Hof ein. Von dort aus gingen Sonderzüge in die Erstaufnahmelager wie Hammelburg .

Dort trafen am 1. Oktober zwei Züge mit 1340 Personen ein. 135 davon brachten Busse nach Oerlenbach . Dort wurden sie zunächst registriert, erhielten eine Suppe, das Begrüßungsgeld und Hygieneartikel. Alles weitere war am nächsten Tag Sache der Verantwortlichen in der Hammelburger Kaserne. Dort wickelten die Behörden das Notaufnahmeverfahren für die Flüchtlinge in der Region zentral ab. In den folgenden Oktobertagen sollten weitere DDR-Flüchtlinge folgen. Um der Lage Herr zu werden zog der BGS alle verfügbaren Kräfte heran. "Man ging körperlich an seine Grenzen", sagt Ritter rückblickend. Denn neben der besonderen Belastung mussten die Beamten noch ihren Regeldienst wie die Standortwache versehen.

Lange blieben die Flüchtlinge nicht in den Unterkünften. "Die Verweildauer lag in etwa zwischen einem und vier Tagen", sagt Ritter. Danach wurden die Neubürger in verschiedene Bundesländer weitergeleitet. Dafür hatte man Schlüsselzahlen festgelegt. Andere zog es schließlich zu Verwandten oder Freunden.

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