Bad Kissingen

Von Havanna auf die Jazzpodien in aller Welt

Mit Marialy Pacheco wartete beim Kissinger Sommer ein absoluter Juwel des Jazz auf.
Marialy Pacheco. Foto: Gerhild Ahnert
Marialy Pacheco. Foto: Gerhild Ahnert
Jazz ist für sie "Musik, die gerade passiert". Und zum Jazz gekommen ist sie, wie so viele Jazzpianisten, über ein Studium der klassischen Musik. In ihrem Fall mit dem Abschluss einer Examensarbeit über die Sinfonien von Johannes Brahms. Marialy Pacheco ist die 1983 in Havanna/ Kuba geborene Tochter zweier klassischer Musiker (Chorleiterin und Opernsänger), die für die Tochter die beste Klavierlehrerin der Stadt anheuerten und sie auf die Musikhochschule schickten. Und dort lernte sie nicht nur drei Jahre lang klassische Komposition, sondern auch die Musik Oscar Petersons und Duke Ellingtons kennen. Sofort war sie von der Freiheit der Improvisationsmöglichkeiten und der Möglichkeit, Klassik und die Musik ihrer Insel mit den vielfältigen Formen des Jazz zu verbinden begeistert. 2012 gewann sie als erste Frau den Solistenpreis beim renommierten Jazz Festival in Montreux; seit 2013 lebt sie in Deutschland und ist auf allen wesentlichen Festivals allein oder mit wechselnden Bands präsent.
Es war also ein absoluter Juwel des Jazz, der den raumfüllenden, in diesem Jahr schon in der Stunde vorher zum Frühstück eingeladenen Zuhörern beim ersten Jazz Breakfast im diesjährigen Kissinger Sommer aufwartete. Und das tat sie auf Deutsch und plauderte nach einer fulminanten Intro zu einer kleinen klassischen Sequenz munter über ihr "30-jähriges Studium der klassischen Musik", aber auch ihre Begeisterung für ihr wunderschönes Heimatland und die kubanischen Rhythmen. Als sie dann nach einem ruhigen Blues von Duke Ellingtons Sohn Mercer "El Manisero" aus "Buena Vista Social Club" ankündigte, meinte sie aber, dass der 4/4-Takt des Originals ihr denn doch zu einfach sei und begab sich in einen rasanten und raffinierten Wechsel zwischen diesem und absolut faszinierenden Ausflügen in den 5/4- und den 7/4-Takt.


Wundern über die deutsche Ruhe

Auch ihre nächste Hommage an Kuba und dessen im Exil in Amerika gestorbene Salsadiva Celia Cruz erläuterte sie gut gelaunt: Der Titel von deren Song "Burundanga" bedeute "Restesuppe" ebenso wie "Gefühlsgewirr". Als ihr ein Handy-Jingle aus dem Publikum zwischen die Erläuterungen funkte, nahm sie das sofort am Klavier auf, bevor sie weiter erklärte, dass sie vor 15 Jahren Deutschland als genaues Gegenteil von "Burundanga" erlebt und sich sehr über die große Ruhe hier gewundert habe. Nach einem fast getragenen Beginn zeigte sie dann ihre stupende Spieltechnik in immer wilder werdenden rasanten Läufen und nebeneinander gesetzten Blockakkorden, die mit einer erneuten Aufnahme der Melodie in dieser sehr klug kalkulierten Improvisation endeten.


Reise durch Südostasien

Zu " Cambodian Smiles", einer Eigenkomposition mit Eindrücken einer Reise durch Thailand, Vietnam und Kambodscha schilderte sie die sie verstörende Diskrepanz zwischen ihrem Entsetzen über die Kinderprostituierten und ihre europäischen und amerikanischen Kunden und die dennoch allgegenwärtige Hoffnung dieser Menschen, die nichts haben. Sie feierte die Hoffnung dieser Leute mit einer ruhig-verhaltenen, sehr schönen Melodie mit großer Nachdenklichkeit. Ihre Spiel- und Tanzlust ("Ich kann kaum ruhig sitzen am Klavier!") feierte sie dann mit einem Calypso-Rhythmus, über den sie ein Melodie legte und mit harmonisch spannenden Abschattungen, Rhythmuswechseln, Synkopenfolgen auf den Höhepunkt trieb und dann langsam ausklingen ließ. Auch hier konnte man wieder nur staunen über ihre reiche Fantasie und die oft nicht nachvollziehbare Geläufigkeit ihrer Finger.
Nach einer etwas sehr detailreichen Anpreisung ihrer vielen Tonträgern zum Signieren nach dem Konzert stellte sie das Publikum vor die Entscheidung: Zum Schluss etwas Schnelles oder etwas Ruhiges? Das "Ruhige" war dann Ausdruck ihrer Liebe zu Johannes Brahms, eine ruhige, das berühmte Lied nach allen Regeln der Improvisationskunst umspielende Jazzversion von "Guten Abend, gut Nacht".

Schlagworte

  • Bad Kissingen
  • Duke Ellington
  • Havanna
  • Jazz
  • Johannes Brahms
  • Juwelen
  • Kissinger Sommer
  • Klassische Musik
  • Melodien
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!