LKR Bad Kissingen

Wann fliegen die Saisonarbeiter ein?

Viele Wochen war wegen Corona unklar, ob und wie viele Saisonarbeiter nach Deutschland einreisen dürfen. Diese Unsicherheit traf auch Betriebe im Landkreis Bad Kissingen.
Vergangenes Jahr halfen Adrijana und Radu-Petru Jeflea fleißig bei der Ernte auf den Feldern des Obsthofs Müller in Modlos. Das tun sie auch heer wieder. Aber es kann sein, dass viele ihrer Landsleute wegen des Corona-Virus wegbleiben. Foto: Kerstin Junker       -  Vergangenes Jahr halfen Adrijana und Radu-Petru Jeflea fleißig bei der Ernte auf den Feldern des Obsthofs Müller in Modlos. Das tun sie auch heer wieder. Aber es kann sein, dass viele ihrer Landsleute wegen des Corona-Virus wegbleiben. Foto: Kerstin Junker
Vergangenes Jahr halfen Adrijana und Radu-Petru Jeflea fleißig bei der Ernte auf den Feldern des Obsthofs Müller in Modlos. Das tun sie auch heer wieder. Aber es kann sein, dass viele ihrer Landsleute wegen des Corona-Virus wegbleiben. Foto: Kerstin Junker

Drei Wochen noch, vielleicht vier - dann beginnt beim Obsthof Müller in Modlos die Erdbeerernte. Spätestens dann braucht Inhaber Jochen Müller viele Arbeitskräfte aus Osteuropa, die im Betrieb mit anpacken. Wegen der Corona-Krise wissen er und andere Obstbauern im Landkreis nicht, ob und wieviele kommen. Auch wenn seit kurzem Grund zu großer Hoffnung besteht.

In den vergangenen Tagen war Katharina Müller viele Stunden an den Computer gefesselt. Während ihr Mann Jochen draußen erste Saisonarbeiten koordinierte, schaute sie emsig nach Fliegern, die irgendwann im Mai abheben. Die Maschinen sollen Menschen ins Land bringen - dringend benötigte Saisonarbeiter aus Rumänien. Katharina Müller versuchte, Plätze zu buchen. Derzeit scheinbar der einzige Weg.

Die Lage auf dem Markt für Saisonkräfte zeigt sich - positiv gesprochen - unübersichtlich. Im Januar planten die Müllers ruhig mit gut 20 rumänischen Saisonarbeitern, die größtenteils schon mal auf dem Hof arbeiteten. Ende Februar reiste das Ehepaar Radu-Petru und Adrijana Jeflea "ganz normal" ein, ohne an den Grenzen aufgehalten zu werden. Sie helfen jedes Jahr, die Saison vor- und nachzubereiten, bleiben stets über den Sommer bis Oktober in Modlos.

Mit der Verschärfung der Corona-Krise ab Mitte März mussten Jochen und Katharina Müller zusehen, wie ein Durchreiseland nach dem anderen die Grenzen dichtmachte: Österreich, Ungarn, Tschechien und Polen. Anfang April der "Shutdown" - das komplette Einreiseverbot für Saisonkräfte nach Deutschland. Vor wenigen Tagen dann die Umkehr: 40000 Arbeiter dürfen ins Land. In Gruppen und nur per Flieger. Sie müssen vom Arbeitgeber abgeholt und gruppenweise untergebracht werden.

Selbst ein Flugzeug zu chartern, wäre für den Familienbetrieb illusorisch. Dazu ist er viel zu klein. Doch der Deutsche Bauernverband und der Verband süddeutscher Spargel- und Erdbeererzeuger helfen ihren Mitgliedern, versuchen, Flüge mit den begehrten Plätzen zu organisieren.

Im Wesentlichen wissen Katharina und Jochen Müller , welche Arbeiter im Sommerhalbjahr zu ihnen kommen. Auch wenn ein gewisser Anteil immer wechselt. "Bis jetzt haben wir keine definitiven Absagen", sagt Jochen Müller . Einige hätten per Email oder WhatsApp zugesagt, wenn sich ein Reiseweg ergibt; andere wollten kommen, wenn sich die Corona-Lage beruhigt. Nur bei zwei Mitarbeitern sieht es eher schlecht aus. Sie kommen nicht aus der Abschottung in ihren Städten raus.

Radu-Petru Jeflea und seine Frau Adrijana hatten großes Glück, so früh nach Deutschland eingereist zu sein. Beide leben im Winter in einem Dorf bei Alba Iulia, im Westen Rumäniens. Auch im Südosten Europas wütet Corona; ihre Landsleute dürfen Städte, Dörfer, Häuser nicht verlassen. Außer, wenn es zur Arbeit geht. Doch wären sie in der Heimat geblieben, stünden sie eh ohne Beschäftigung da, glaubt Jeflea. "Ich hoffe, dass es im Oktober keine Probleme mehr gibt, wenn wir heimkehren."

Jochen Müller bleibt "sehr optimistisch, dass alles so normal über die Bühne geht, wie es immer war". Aber er weiß, dass sich bei den Saisonarbeitern "ein komisches Gefühl" breitgemacht hat: Es sei etwas Gefährliches unterwegs. Sollten sie da wirklich Angehörige und Freunde zurücklassen? "Nicht alle sind bereit, für acht Wochen zu kommen." Gesundheit und Familie gingen doch vor.

Andererseits: Viele der Rumänen sind auf den Verdienst vom Obsthof angewiesen. Müller will die Saisonarbeiter motivieren, in den Flieger zu steigen, ihnen die Angst nehmen, Zuversicht verbreiten. "Ohne sie wird es für einen so kleinen Betrieb wie uns schwierig. Sie sind eine große Unterstützung."

Wirtschaftlich trifft die Corona-Krise den Obsthof Müller noch nicht. Aber der Inhaber rätselt schon, wie es im Mai mit dem Abstandhalten beim Selbstpflücken auf den Erdbeerfeldern bei Modlos und Elfershausen klappen soll. Kalte Nächte, die das Pflanzenwachstum zuletzt verzögerten, spielen ihm bis jetzt in die Karten. "Unter normalen Umständen will ein Anbauer seine Erdbeeren so früh wie möglich anbieten. Dieses Jahr nehmen wir es lockerer, dass der Erntebeginn nach hinten rutscht."

Schmitt's Hofgarten in Reichenbach setzt mehr auf den Anbau von Äpfel und Birnen, bietet Erdbeeren nur begrenzt an. Die Haupternte läuft erst Richtung Herbst an. So sorgt sich Chef Clemens Schmitt noch nicht um Saisonarbeiter aus dem Ausland. Zumal er wahrscheinlich nur zwei oder drei bräuchte.

Gedanken macht er sich aber schon. Auch wenn die Obstbau-Familie mehr auf einheimische Helfer setzt, ist nicht gesagt, dass sie genügend findet. "Viele wollen die schwere Arbeit nicht machen." Zehn zusätzliche Pflücker aus Ort oder Umgebung braucht Schmitt für die Haupternte. Ließe er zusätzlich zwei oder drei Saisonarbeiter zu den jetzigen Bedingungen einfliegen, wäre das ein kaum zu rechtfertigender Aufwand.

Beim Weinbau im Landkreis scheinen ausländische Saisonkräfte nicht so zahlreich zu sein. Die Ernte startet dort erst Ende August/Anfang September. Gleichwohl beschäftigt das Weingut Lange Schloss Saaleck zwei Ungarn mit rumänischer Staatsbürgerschaft - in Festanstellung. Ihr großes Plus: lange Erfahrung im Weinbau . Das berichtet Winzerin Ulrike Lange auf Anfrage.

Die Hammelburgerin ergänzt, dass das Weingut Glück hatte. Die beiden Mitarbeiter stießen am 4. und 5. März neu zum Betrieb. So ersetzten sie kurz vor der Corona-Krise ein Pärchen, das fünf Jahre im Weingut geschafft hatte, aber aus privaten Gründen in die Heimat zurückgekehrt war.

"Die Winzer hier sind vom Saisonarbeiter-Problem nicht betroffen", glaubt Ulrike Lange. In und um Hammelburg stünden genug Einheimische bereit, die im Weinberg helfen könnten. An der Mainschleife, wo viel mehr Winzer ihr Handwerk ausübten, sei der Arbeitskräftemangel viel akuter. Im Raum Würzburg und Kitzingen benötigt zudem der Spargelanbau viele Saisonarbeiter . Im Landkreis Bad Kissingen sind die Böden dafür zu schwer. Dazu kommen Trockenheit und späte Fröste.

Das Weingut Baldauf in Ramsthal beschäftigt nach eigenen Angaben keine ausländischen Saisonkräfte. Beim Weingut Müller in Hammelburg arbeiteten bis Ende März zwei Rumänen im Weinberg mit, sagt Antonia Müller vom Familienbetrieb, der am Marktplatz auch ein Hotel betreibt. "Für die nächsten vier Wochen wären sie eigentlich heimgefahren. Das ging aber nicht. So haben sie sich Arbeit beim Spargelstechen gesucht." Im Mai sollen die Saisonarbeiter nach Hammelburg zurückkehren, so Müller. Eigentlich. Ob das klappe, wisse man nicht.

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