Ebenhausen

Wie erleben Flüchtlinge Weihnachten?

Wie erleben Flüchtlinge die Weihnachtszeit, während wir Glühwein schlürfen und die Deko vom Dachboden wuchten? Wir haben in Ebenhausen nachgefragt.
Maria Wahler engagiert sich seit Beginn im Helferkreis der Asyl-Unterkunft in Ebenhausen und erklärt manchmal, was es mit unseren Bräuchen und Traditionen rund um Weihnachten auf sich hat. Fotos: Carmen Schmitt
Maria Wahler engagiert sich seit Beginn im Helferkreis der Asyl-Unterkunft in Ebenhausen und erklärt manchmal, was es mit unseren Bräuchen und Traditionen rund um Weihnachten auf sich hat. Fotos: Carmen Schmitt

Das Gesteck auf dem Esstisch duftet nach Tannennadeln. Vier weiße Kerzen stecken obendrauf. Glitzer, Sterne, daneben ein Stapel mit Weihnachtspost und die Etagere mit den selbstgebackenen Vanille-Kiperln und Kokosmakronen - Familie Wahler ist in Adventsstimmung . Maria Wahler ist Mama, Oma und Ehrenamtliche im örtlichen Asyl-Helferkreis. Drei Dutzend Flüchtlinge und Asyl-Bewerber sind in dem Haus untergekommen. Während wir auf der Suche sind nach dem schönsten Baum, die Fenster mit bunten Lichtern rahmen und dicke Stücke vom Stollen sägen - wie erleben sie die Tage vor Weihnachten? Was verbinden sie mit dem Fest?

Es ist fünf Jahren her als die ersten Flüchtlinge in das Haus in der Bahnhofstraße in Ebenhausen eingezogen sind. Familien mit Kindern , alleinstehende Männer und Frauen. Jasmin Abdullahi ist eine von ihnen. Letztes Jahr um diese Zeit war die junge Frau aus Somalia gerade in einem Krankenhaus im Nachbarlandkreis. Jasmin Abdullahi ist 23 Jahre alt, trägt ein grünes Kopftuch und tastet sich noch immer an die fremde Sprache heran. Im Deutsch-Unterricht hat sie gelernt, dass es an Weihnachten um die Geschichte von Jesus geht, erzählt sie. Die 23-Jährige ist Moslem. Im Islam ist Jesus einer von vielen Propheten. Heiligabend mit Krippenspiel, Kugeln und Christmette? Sie schüttelt den Kopf. Diese Bräuche der meisten deutschen Familien kennt Jasmin Abdullahi nicht. In der somalischen Heimat der jungen Frau sei Neujahr stattdessen etwas, das gefeiert werde. Und zwar schon zwei Tage bevor wir hierzulande Canapes garnieren und Sektkorken knallen lassen.

In eine der Wohnungen über ihr ist vor ein paar Tagen Imtiaz Masik Khokhar eingezogen. Vorher hatte er in einer Gemeinschaft in Würzburg gelebt, wo er im vergangenen Jahr auch Weihnachten gefeiert hatte. Der 39-Jährige aus Pakistan erzählt von einer "großen Party" zusammen mit alten Menschen und jungen Leuten. Mit seiner Gruppe war er an Heiligabend in der Kirche zum Beten. Zu Hause in seinem Heimat-Dorf lebte er als katholischer Christ in der Minderheit. "25 Häuser Christen, 400 Häuser Moslems", sagt Imtiaz Masik Khokhar in gebrochenem Deutsch mit Akzent. Zu Weihnachten hat seine Familie immer einen Stern im Haus aufgehängt, erzählt er, und einen kleinen Baum gab es auch.

Weihnachten: Rand-Erscheinung

Wichtel, Weihnachtsmänner; Leuchten, Lametta - Fehlanzeige in der Bahnhofstraße. Freilich, man könnte mehr machen, sagt Maria Wahler vom Helferkreis. Aber wer? Die paar Betreuer seien mit dem Asyl-Alltag schon reichlich beschäftigt, erzählt sie. Zeit zum Schmücken und Dekorieren? Vielen stehe der Sinn sowieso anderswo: "Die meisten sind so in ihren Problemen verstrickt, dass Weihnachten total an ihnen vorbeigeht."

Daran kommt keiner vorbei

Ob sich einer mit den Festtagen hierzulande beschäftigt oder nicht, sei ganz unterschiedlich, meint Maria Wahler. "Manche stellen ganz interessiert Fragen. Manche sind einfach froh, dass sie hier sind." In der Bahnhofstraße bündeln sich verschiedene Kulturen und Religionen. Maria Wahler erklärt Hintergründe, wenn sie danach gefragt wird. Wie damals bei der Frage eines Kindes: "Was hatte Nikolaus für einen Beruf?" Überstülpen und aufschwatzen will sie nicht, meint aber: "Es macht in jedem Fall Sinn, sich mit unseren Traditionen hier auseinanderzusetzen. An Weihnachten kommt in unserer Kultur keiner vorbei."

Familien mit Kindern werden ganz automatisch mit Weihnachtsbräuchen berieselt - wie die vierköpfige Familie Nabizada aus dem Erdgeschoss. Sie kam vor fünf Jahren aus Afghanistan. In Zahras Säckchen war ein Stempel, Mandarinen und Nüsse. Jeder in ihrer Klasse hat so ein Säckchen bekommen, erzählt das siebenjährige Mädchen. Ihr Bruder Nusrat ist drei Klassen über ihr. Er und seine Mitschüler haben Wichtelgeschenke ausgetauscht. "Das sollte geheim bleiben", sagt er. Seine Mama Suhila Nazari sieht es gern, wenn draußen alles schön geschmückt und beleuchtet ist. Ihr Mann Gulam Yahya würde sogar einen Baum in der Wohnung aufstellen, wenn er könnte, meint er. Dafür reiche aber das Geld nicht.

Ein eigenes Bäumchen wird auch Imtiaz Masik Khokhar in diesem Jahr in der Wohnung in der Gemeinschaftsunterkunft nicht haben, sagt er. Aber der 39-Jährige aus Pakistan will demnächst den großen Baum in der Gemeinde suchen, von dem ihm Maria Wahler erzählt hat, sagt er. Die packt derweil die Tütchen für die Frauen und Männer und Kinder aus der Unterkunft.

Plätzchen, Äpfel, Orangen und einen Kalender fürs neue Jahr sollen sie kurz vor Weihnachten auspacken können. Eine Einladung zu einer Weihnachtsfeier gibt´s obendrauf. Vor zwei Jahren wurde die Weihnachtsgeschichte aus dem Evangelium vorgelesen - in einem halben Dutzend Sprachen. In einem anderen Jahr ist ein Nikolaus in der Unterkunft herumgegangen, erzählt die Betreuerin. Heuer wollen alle gemeinsam kochen. "Und dazu erklären wir, was wir feiern."

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