Wildflecken

Wildflecken: Das Berlin der Rhön?

Wildflecken erlebte vor 26 Jahren eine Zäsur, wie kein anderer Ort der Rhön. Noch heute treiben den Ort die wirtschaftlichen Folgen des Abzugs der Amerikaner um. Es ist ein Kampf der kleinen Schritte.
Blick auf Wildflecken. Der Abzug der US-Army 1994 hat selbst heute noch Auswirkungen auf den Ort. Foto: Johannes Schlereth       -  Blick auf Wildflecken. Der Abzug der US-Army 1994 hat selbst heute noch Auswirkungen auf den Ort. Foto: Johannes Schlereth
Blick auf Wildflecken. Der Abzug der US-Army 1994 hat selbst heute noch Auswirkungen auf den Ort. Foto: Johannes Schlereth

Von der Bundeshauptstadt Berlin heißt es, sie sei arm, aber sexy. Geht es nach Gerd Kleinhenz (PWW), dem Bürgermeister des Marktes Wildflecken , trifft das auch für seine Kommune zu. Mit Zusammenhalt und Findigkeit kämpfen die Einwohner gegen die Strukturschwäche der Region an.

Unternehmen in Wildflecken hatten Hochkonjunktur

Darunter etwa Christoph Beck, Inhaber des Autohauses Franz Beck . Das Unternehmen gründete sein Großvater im Jahr 1936. Damals waren Fahr- und Motorräder das Hauptstandbein der Firma. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Aufschwung für den Ort. Grund dafür war die US-Army, die in Wildflecken die ehemalige Kaserne der Wehrmacht übernommen hatte. "In den 1950er Jahren kamen bei uns dann die Autowerkstatt , eine Tankstelle und die Wagenpflege dazu", sagt Beck. "Das war wie bei den Kneipen - die Nachfrage war da." 1966 vergrößerte sich das Autohaus deshalb nochmals und zog an seinen jetzigen Standort in der Bischofsheimer Straße.

Großstadtflair in der Rhön

"Es war fast großstädtisch", sagt Kleinhenz. " Wildflecken war international." Der Ort hatte damals über 3000 Einwohner. "Die Infrastruktur war jedoch für etwa 10 000 Leute ausgelegt." Denn: In Wildflecken waren noch weitere sieben bis achttausend Menschen - Soldaten und deren Angehörige. Die wollten unterhalten werden. "Es gab um die 17 Gaststätten , Bars und Kneipen", sagt Kleinhenz. "Aber es gab eben auch negative Begleiterscheinungen wie Kriminalität." Der Rathauschef fasst zusammen: "Das Leben florierte. Wildflecken war weit über die Grenzen der Rhön hinaus bekannt." Der Boom wirkte sich ebenfalls auf die ansässigen Unternehmen aus.

Die Zeichen der Zeit richtig lesen

Doch 1994 dann die Zäsur: Die US-Army zog ihre Truppen aus Wildflecken ab. "8000 Menschen haben Wildflecken verlassen", sagt Kleinhenz. Zurück blieb damals vor allem eine ungewisse Zukunft. "Man wusste zuvor, dass etwas kommt", sagt Beck rückblickend. "Wir haben deshalb damals rechtzeitig begonnen, uns ein zweites Standbein aufzubauen." Beck bildete sich weiter und besuchte Fortbildungen. Sein Instinkt erwies sich als richtig: Mittlerweile ist er einer von zehn autorisierten Händlern in Deutschland für US-Fahrzeuge von Ford. "1994 hat uns so arg nicht getroffen", sagt er. "Unser Einzugsgebiet ist mittlerweile nicht nur Wildflecken oder die Umgebung. Wir haben Kunden aus Hamburg oder aber aus Luxemburg", sagt Beck. Einen Großteil des Geschäfts würden Reparaturen und Ersatzteilversorgung ausmachen. "Damit und durch unser Einzugsgebiet halten wir uns gut."

Kämpfe in kleinen Schritten

Härter traf es die politische Gemeinde Wildflecken . Die Kommune war mit zahlreichen Leerständen und Brachflächen konfrontiert. Die Gastronomie blutete aus. Regelmäßig öffnen mittlerweile noch eine Pizzeria und ein Döner-Imbiss. "Mit den Folgen haben wir heute noch zu kämpfen", sagt Kleinhenz. Ein Sorgenkind ist etwa die ehemalige US-Wohnsiedlung "Little Manhattan". "Wir haben ein Überangebot an Wohnraum, verbunden mit vielen Zu- und Wegzügen in kurzer Zeit", beschreibt Kleinhenz die Situation. Weil die Gebäude nicht im Besitz der Kommune sind, sei es schwierig, dort eine konstante, stabile Lage zu gewährleisten. Aber: "Es gab schon turbulentere Zeiten - auch was manche Bewohner angeht."

Silberstreif am Horizont

Auf den Brachen in der Muna bei Oberwildflecken habe sich ebenfalls einiges getan. "Wir sind dort auf einem guten Weg, die Gewerbehalle ist vollbelegt und bei den Grundstücke sind wir in einigen Verhandlungen." Allerdings sei abzuwarten, wie sich die Gespräche entwickeln. Hoffnung macht Kleinhenz die Bundeswehr , die mit dem Standort Wildflecken eng verbunden sei und sich mit dem geplanten Rechenzentrum klar zum Standort bekannt habe. Selbiges gelte für die Firma Paul und Co, die sich jüngst vergrößerte. Dennoch: "Die Haushaltslage ist nach wie vor angespannt", sagt Kleinhenz. Die wirtschaftliche Entwicklung des Marktes sei auch jetzt noch weiterhin ungewiss."

Eine große Chance für die Zukunft sieht Kleinhenz im Tourismus. "Es nutzen erstaunlich viele Touristen den neuen Radweg. Wir haben einen alten Bahnhof, den ich gerne touristisch genutzt sehen würde." Die Deutsche Bahn verkauft derzeit das aus dem Jahr 1938 stammende Gebäude.

Daniel Kleinheinz, designierter geschäftsleitender Beamte des Marktes, verweist ebenfalls auf den Aspekt der Naherholung: "Mountainbiken oder Wandern - das ist hier möglich. Wir punkten hier mit der Lage am Kreuzberg und an den Schwarzen Bergen." Ein erster positiver Trend lasse sich bereits verzeichnen: "Die Ferienwohnungen werden mehr." Bürgermeister Kleinhenz konstatiert: "Es geht in kleinen Schritten voran. Wir müssen nach vorne Blicken und dürfen nicht der Vergangenheit nachhängen."

Zur Geschichte Wildfleckens gibt es mittlerweile zwei Filme. Die Premiere des dritten Teils, der laut Kleinhenz andere Schwerpunkte setzt, verschob sich jüngst wegen der Corona-Pandemie. "Es geht darum, zu zeigen wer wir sind, was haben wir und warum junge Familien zu uns sollen." Für das Oberhaupt des Marktes gilt: "Wir müssen uns so aufstellen, dass die Jugend bleibt und wir Zuzüge bekommen. Wenn das gelingt, sehe ich für Wildflecken eine gute Zukunft."

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