LKR Bad Kissingen

Zecken: Das unterschätzte Risiko

Zecken übertragen bekanntlich Borreliose und die als weitaus gefährlicher wahrgenommene Hirnhautentzündung. Doch auch erstere Erkrankung kann dramatische Folgen bewirken.
Heidi Sattes-Müller (rechts) und Barbara Bauer wollen über die oft schwerwiegenden Folgen einer durch Zecken übertragenen Borreliose aufklären. Foto: Steffen Standke       -  Heidi Sattes-Müller (rechts) und Barbara Bauer wollen über die oft schwerwiegenden Folgen einer durch Zecken übertragenen Borreliose aufklären. Foto: Steffen Standke
Heidi Sattes-Müller (rechts) und Barbara Bauer wollen über die oft schwerwiegenden Folgen einer durch Zecken übertragenen Borreliose aufklären. Foto: Steffen Standke

Es waren kleine Stiche, die Heidi Sattes-Müllers Leben dramatisch veränderten. Von einem Spinnentier, nur wenige Millimeter groß. Zecken haben die Frau aus Aura mit Borreliose infiziert . Eine unterschätzte Erkrankung, die ihr Leben extrem und für immer beeinträchtigt.

Sattes-Müller und ihr Mann Harald Müller betreiben seit fast drei Jahrzehnten gemeinsam in Aura eine Schäferei. Da gehören Zecken zum Berufsrisiko. "Als Schäfer hat man immer wieder Zeckenstiche. Ich kann nicht so genau sagen, wann ich mich mit Borreliose angesteckt habe", sagt Sattes-Müller.

Allzu ernst nahm sie de Stiche nicht, war sich des Risikos für ihre Gesundheit nicht bewusst, gibt die Auraerin heute zu. "Ich dachte: Das hat doch jeder mal." Dreimal - 2001, 2007 und 2008 - zeigte sich bei ihr Wanderröte, eine kreisrunde, scharf abgegrenzte Rötung, die sich ringförmig um den Zeckenstich ausbreitet. Das typische Zeichen für Borreliose .

Sattes-Müller ließ die Infektion mit Antibiotika behandeln - wie es in der Schulmedizin gängige Praxis ist. Was sie nach eigener Aussage nicht wusste: 1998 hatte sie sich durch ein Verlammen der Schafe (durch Infektion ausgelöste Fehlgeburt(en)) mit Clamydien infiziert . Eine Vorbelastung, die vermutlich verhinderte, dass Immunsystem und Antibiotika die Borreliose-Erreger wirksam bekämpfen konnten. Möglicherweise blieben auch weitere Borreliose-Infektionen unerkannt.

Bald plagten Heidi Sattes-Müller Gelenkschmerzen - mal an den Ellenbogen, mal an den Knien, überall, wo man sich bewegt. "Die Schmerzen sind auch wieder vorbeigegangen. Aber sie waren jedes Mal so stark, dass ich gedacht habe, ich muss zum Arzt." Ein Orthopäde tippte auf Rheuma, Gicht, Tennis- oder Golfarm. Auf Borreliose testete er zunächst nicht.

Die Schmerzen weiteten sich aus. Bald taten der Auraerin auch Haut und Muskeln weh. Hinzukamen ständige Müdigkeit, Erschöpfung. Als Sattes-Müller ihren Orthopäden auf ihre vielen Zeckenstiche aufmerksam machte, ließ der sie auf Borreliose testen. "Jetzt habe ich endlich gewusst, worum es geht, warum ich mich so oft krank fühle, warum ich oft so müde bin."

Allein: Die Erkenntnis nutzte wenig. Denn Borreliose lässt sich ab einem bestimmten Stadium nicht mehr bekämpfen, geschweige denn heilen. Anders als gegen Hirnhautentzündung (FSME) existiert kein Impfstoff.

Für Sattes-Müller begann ein intensiver Kampf, nicht nur gegen die Symptome ihrer Krankheit. Mit dem Versuch, die Borreliose gegenüber der Berufsgenossenschaft als Berufskrankheit anerkennen zu lassen, scheiterte sie vor Gericht. Es war und ist nach ihren Worten unmöglich, den direkten Weg vom Zeckenstich zur Erkrankung nachzuzeichnen. Zudem lasse sich ihre Form der Borreliose - die Lyme-Arthritis - nicht eindeutig durch eine allgemeingültige medizinisch-technische Untersuchung nachweisen oder widerlegen. Die gängigen Antikörpertests belegen lediglich, dass man mal mit Borrelia-Bakterien infiziert war, nicht, ob eine aktive Erkrankung vorliegt. "Es gibt keinen Arzt, weder aus der Schulmedizin , noch aus anderen Bereichen, der es behandeln kann, keinen Beweis, dass die Schmerzen davon kommen", fasst Heidi Sattes-Müller ihr Dilemma zusammen.

Aber die Borreliose bestimmt weiter ihr Leben. "Ich bin schnell platt, habe Mühe, meinen Haushalt zu machen. Wegen der Schmerzen habe ich meine sozialen Aktivitäten aufgegeben." Wenn es einigermaßen geht, hilft sie etwas in der Schäferei aus, kann aber nur leichte Aufgaben beitragen. "Hintendran bin ich doppelt müde, weil es so unheimlich anstrengend ist." Aus Angst, erneut gestochen zu werden, geht Sattes-Müller selten auf die Weide, fast nie ins hohe Gras. "Ich habe großen Respekt und sogar eine Phobie vor Zecken."

Barbara Bauer aus Bad Bocklet teilt das Schicksal von Heidi Sattes-Müller. Sie leitet die Borreliose-Selbsthilfegruppe im Landkreis Bad Kissingen, die seit etwa drei Jahren besteht. Bauer spricht über Borreliose von einem weltweitem Phänomen, das sich weiter ausbreitet. "Es gibt immer mehr Betroffene und Selbsthilfegruppen."

Beide eint das Gefühl, dass ihre Erkrankung unterschätzt, ja verharmlost wird. Sattes-Müller: "Ich kenne einen Schäfer, der hat einen Zeckenstich gehabt und Antibiotika bekommen. Kurz nach der Einnahme ging es ihm besser. Die restlichen Tabletten hat er an seinen Hund verfüttert."

Dabei gilt innerhalb des eh schon überproportional betroffenen Bayerns der Landkreis Bad Kissingen als Zecken-Hochburg. Dem Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit wurden zwischen 1. März 2013 (Beginn der Meldepflicht ) und 31. Dezember 2017 aus dem Landkreis 289 Fälle von Lyme-Borreliose gemeldet. Für die Jahre 2014 und 2017 ergab sich ein Schnitt von 54 Erkrankten auf 100 000 Einwohnern pro Jahr. Im Regierungsbezirk Unterfranken lag der Wert bei 35, in ganz Bayern bei 28. Wie das Gesundheitsamt Bad Kissingen kürzlich mitteilte, lagen seit Einführung der Meldepflicht 2013 insgesamt 440 Borreliosefälle im Landkreis vor. Barbara Bauer geht von einer hohen Dunkelziffer im Landkreis aus, da sich "in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen mit dramatischeren Symptomen melden und auch noch weitere kennen".

Die beiden betroffenen Frauen wollen "keine Angst schüren, sondern aufklären, dass man die Gefahren eines Zeckenstichs im Hinterkopf haben sollte", sagt Barbara Bauer. Sie appellieren an die Menschen, die gägngigen Vorsichtsmaßnahmen zu beachten . Dazu gehöre, nur mit festen Schuhen, in heller geschlossener Kleidung auf Wiesen und in mit Gras durchsetzte Wälder zu gehen. Am Abend sollte man sich auf Zecken absuchen (siehe untenstehender Text). Einen 100-prozentigen Schutz bedeute das dennoch nicht.

Sie kritisieren aber auch, dass trotz erkannter gestiegener Zeckengefahr in Deutschland zu wenig am Thema geforscht wird. So ergab eine kleine Anfrage von Grünen-Abgeordneten, unter anderem Manuela Rottmann, im Bundestag , dass "das Bundesministerium für Bildung und Forschung momentan keine Forschungsprojekte zur Erforschung und besseren Diagnostik von menschlichen Erkrankungen in Folge einer Infektion mit Borrelien ( Borreliose ) fördert".

"Die Folgen eines Zeckenstiches hätte ich nicht im Entferntesten geahnt", sagt Heidi Sattes-Müller heute. Eine Erkenntnis, auf die sie gern verzichtet hätte.

Die Selbsthilfegruppe Borreliose trifft sich nach einer Corona-bedingten Pause wieder am 17. Juli. Da neben der Gruppenleitung nur neun Besucher zugelassen sind, wird um Anmeldung gebeten im Bad Kissinger Mehrgenerationenhaus.

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