Bad Kissingen

"Zungenwind" beim Kissinger Winterzauber

Christina Bernard und Kevin Sauer bewiesen, dass Sopransaxophon und Akkordeon für Barockmusik durchaus geeignet sind. Die beiden haben an der Musikhochschule in Würzburg studiert und spielen seit sechs Jahren zusammen.
Das Duo "Zungenwind", Christina Bernard und Kevin Sauer, spielten Barockmusik für Sopransaxophon und Akkordeon - eine  ungewöhnliche, aber höchst gelungene Kombination. Gerhild Ahnert
Das Duo "Zungenwind", Christina Bernard und Kevin Sauer, spielten Barockmusik für Sopransaxophon und Akkordeon - eine ungewöhnliche, aber höchst gelungene Kombination. Gerhild Ahnert

Barockmusik für Sopransaxophon und Akkordeon ? Ein bisschen erstaunlich ist das schon. Denn das Saxophon hat der Belgier Adolphe Sax 1846 patentieren lassen - da war Johann Sebastian Bach schon 96 Jahre tot. Die Entwicklung des Akkordeons in seinen unterschiedlichen Ausprägungen nahm um 1820 Fahrt auf. Ein einfacher Grund, warum es so wenig Originalliteratur für diese Besetzung gibt, denn auch in späteren Zeiten haben die Komponisten eher einen Bogen um die beiden Instrumente gemacht.

Wer also ein Konzertprogramm ausreichend bestücken will, muss zu allererst auf Bearbeitungen zurückgreifen. Das mag für manchen ärgerlich sein, aber es ist auch eine Riesenchance. Denn hier kann man eine höchst attraktive Nische bedienen, wie jetzt die erste Matinée classique des Winterzaubers, die Konzertreihe für junge Künstler am Beginn ihrer Karriere, gezeigt hat, zu der Thomas Friedrich das "Duo Zungenwind" eingeladen hatte.

Die Saxophonistin Christina Bernard und der Akkordeonist Kevin Sauer haben beide an der Musikhochschule Würzburg studiert, wo sie auch ihr Studium abgeschlossen haben beziehungsweise in den letzten Zügen liegen. Und wo sie sich auch kennen gelernt haben: Seit sechs Jahren spielen sie zusammen. Das merkt man.

Mit welchen Erwartungen auch immer man zu diesem Konzert gekommen war: Man konnte absolut überrascht darüber sein, wie gut diese beiden Instrumente zusammenpassen, wie gut sie gerade auch für Barockmusik geeignet sind. Man wird sie in ihren Klängen nie verwechseln, aber die Möglichkeiten der Annäherung sind enorm. Das Akkordeon mit seinen verschiedenen Registern kann klingen wie eine Orgel, wie ein Klavier, wie ein Cembalo - ein überraschter japanischer Student nannte das Instrument einmal " Cembalo to go". Es kann bei den Bläsern ebenso wildern wie bei den Streichern. Und da der Luftdruck nicht von einem Gebläse wie bei der Orgel sondern von der kontrollierbaren Kraft des linken Armes erzeugt wird, ist der Ton in seiner Intensität modulierbar - oder auch lebendig.

Das Sopransaxophon gestattete Erfahrungen in eine andere Richtung. Das Instrument, das eigentlich für die Weichheit eines innehaltenden sinnlichen Tons geschätzt wird, das als Werkzeug der Emotionalität gilt, kann auch, ohne diese Emotionalität aufzugeben, enorm virtuos, pointiert, zupackend gespielt werden.

So konnte man Bekanntes und weniger Bekanntes plötzlich unter einem vollkommen neuen Blickwinkel oder Hörwinkel erleben wie etwa die Sonate für Flöte (Violine) und Cembalo g-moll von Carl Philipp Emanuel Bach , die lange Zeit seinem Vater Johann Sebastian unter BWV 1020 zugeschrieben wurde. Das war eine echte Gute-Laune-Musik, mit enorm virtuosem Zugriff und hohem Tempo in den beiden Ecksätzen musiziert. Und schon deshalb interessant, weil die beiden Instrumente klanglich näher aneinanderrückten als Flöte und Cembalo . Dadurch wirkte die Musik stärker als Einheit, erforderte aber eine etwas höhere Aufmerksamkeit.

Bei Wolfgang Amadeus Mozarts Sonate für Klavier und Violine G-dur KV 301, konnte man den Gedanken nicht verdrängen, dass er der Erste gewesen wäre, der für Saxophon komponiert hätte. Denn er liebte Instrumente, die der menschlichen Stimme nahe kommen. Und man bedenke nur, wie er sich um den Klarinettisten Anton Stadler bemüht hat. Denn es zeigte sich in dieser wunderbar aufeinander zugespielten Musik mit pfiffigen Dialogen im Vergleich, dass die Violine zwar schön singen kann, aber ein bisschen dünn wirkt. Etwa im zweiten Satz klangen die chromatisch absteigenden Linien nicht wie ebensolche, sondern wie ein heiteres Lachen.

Eine Rarität war ein eine der sechs Sonaten, die op. 13/6 g-moll, die der Franzose Nicolas Chédeville (1705 - 1782) mit dem Beinamen "Il pastor fido" bedachte, und die er 1737 bei der Herausgabe Antonio Vivaldi unterschob, weil er sich selbst noch nicht für bekannt genug hielt. Das fiel deshalb erst 1990 auf, weil er einige Themen des Venezianers verarbeitet hat. Auch hier arbeiteten Christina Bernard und Kevin Sauer die Charakteristika der barocken Musik, die Stimmungen, die dynamischen Strukturen und Bezüge wunderbar heraus, aber auch wieder in einer stärkeren Dichte, als es die Originalbesetzung ermöglicht hätte.

Der zweite Teil war ein "Gesamtkunstwerk". Denn hier verbanden sie vier Werke aus verschiedenen Epochen mit eingeschobenen kleinen Improvisationen. Klar, dass das das Umblättern erleichterte. Aber der Hauptgedanke war wohl, mit diesen Überleitungen zu zeigen, wie mühelos mit einer solchen Besetzung das "Switchen" durch die Jahrhunderte funktioniert: zu Beginn "zick zack", das der Nürnberger Ulrich Schulthaiß 2014 für Flöte oder Klarinette und Akkordeon geschrieben hat.

Natürlich erhöhte es das Hörvergnügen, aber man musste nicht unbedingt wissen, dass Schultheiß hier Sprech- und Geräuschblasen aus Comics vertont hat. Die Musik wäre auch so höchst konfrontativ und witzig gewesen. Dann Johann Sebastian Bach mit dem höchst virtuosen Vivace aus seiner 3. Gambensonate BWV 1029, dann die sangliche, ruhige "Aria" des Franzosen Eugène Bozza.

Und zum Abschluss, als Demonstration der rhythmischen Möglichkeiten, ein Ausschnitt aus Astor Piazzollas "Le Grand Tango". Vielseitiger kann man die beiden Instrumente eigentlich nicht präsentieren. Als Zugabe gab's noch einmal Piazzolla: sein "Café 1930".

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