Bad Kissingen

Zwei Königskinder

Bei Tschaikowskys b-moll-Klavierkonzert gelang es Gustavo Gimeno nicht wirklich, die Solistin und die Wiener Symphoniker zu vereinen.
Nach dem donnernden Schlussakkord: Khatia Buniatishvili und Gustavo Gimeno. Foto: Gerhild Ahnert
Nach dem donnernden Schlussakkord: Khatia Buniatishvili und Gustavo Gimeno. Foto: Gerhild Ahnert
Natürlich war das schade. Aber nach der 6. Sinfonie von Peter Tschaikowsky vom Vorabend hatte man beim zweiten Konzert der Wiener Symphoniker die Erwartungen etwas nach unten korrigiert. Dabei kann man den Wienern nicht unbedingt einen Vorwurf machen. Das ist ein starkes Orchester . Aber ein starkes Orchester braucht auch einen starken Dirigenten als Gegengewicht, damit es seine Stärken ausspielen kann. Und das war Gustavo Gimeno trotz aller Bemühtheit nicht. Auch am zweiten Abend überraschte er nicht mit Ideen und deren Umsetzung. Natürlich ist das immer das Risiko bei Gastdirigenten, aber es gibt sehr viele, die das schaffen.
Bei der Ouvertüre zu der Oper "Die Braut des Zaren" von Nikolai Rimski-Korsakov fiel das noch nicht so sehr auf und war auch nicht so nötig. Ein paar Macht und Gewaltbereitschaft signalisierende Akkorde für den Zaren, ein zaghaftes Gegenhalten der Braut wider Willen, viel Rhythmus und bunte, frische Klangfarben, nicht schlecht gemacht als vorausschauende Zusammenfassung der Oper - das hätten die Wiener auch alleine gekonnt. Und nach sieben Minuten war der Spuk ohnehin schon wieder vorbei.
Dann kam auch schon die erste Zwangspause, um den Flügel in die Mitte des Podiums zu schieben. Wäre es für Dirigent und Orchester wirklich unzumutbar gewesen, diese paar Minuten um den unbesetzten Flügel herumzuspielen. So krachte die Spannungskurve halt gleich wieder ganz herunter.


Auf Höhengleichheit

Peter Tschaikowskys berühmt-berüchtigtes Klavierkonzert Nr. 1 b-moll war beim Kissinger Sommer ja schon öfter zu hören, und meistens hatte es Interpreten, die ihm gewachsen waren. Die letzten waren Daniil Trifonov und Herbert Schuch. Überraschend war es nicht, dass sich jetzt Khatia Buniatishvili zu den beiden gesellte, obwohl man bei ihr nie vorher sagen kann, wie es werden wird.
Was allerdings überraschte, war ihr Ansatz. Natürlich hat sie die Kraft, die Tschaikowsky fordert, um in den Kampf gegen das Orchester zu ziehen - und ihn auch zu gewinnen. Aber ihr Herangehen an ihren Part war vollkommen anders als bei den beiden Herren. Sie nahm sich die Freiheit, ihn ungewöhnlich persönlich zu gestalten, sie hatte ihre Kraft so gut im Griff, dass sie sich das leisten konnte und auch wollte. Sie spielte mit einer gewissen agogischen Ungebundenheit und deutlichen Rubati, die der Musik plötzlich erzählende Qualitäten gaben. Das machte die Sache ungemein spannend.
Aber das war auch das Problem. Denn die Transmission zwischen Solistin und Orchester über den Dirigenten funktionierte nicht immer. Gimeno schaffte es nicht immer, seine Leute auf diesen schwankenden Pfad mitzunehmen. Oder zumindest nicht alle. Denn an einigen Stellen gab es Irritationen innerhalb des Orchesters. Zumal die Tempofrage ohnehin nicht durchgehend geklärt war.
Eindrucksvoll war das Ganze trotzdem, denn es steckt viel Dramatik in dieser Musik und viel Überlegenheitsstreben von beiden Seiten. Aber am schönsten war der erste Teil des langsamen Satzes, als leise musiziert wurde, als alle sich hören und unmittelbar aufeinander reagieren konnten. Das hätte man sich halt durchgehend gewünscht.
Als Zugabe spielte Khatia Buniatishvili eine Bearbeitung von "Bist du bei mir, geh ich mit Freuden" BWV 508 aus dem "Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach".


Was möglich gewesen wäre

Bei Igor Strawinskys "Feuervogel" bekam man ein Gefühl dafür, was möglich gewesen wäre. Denn die Wiener wurden dem Farbigkeitsanspruch dieser Musik in höchstem Maße gerecht. Da wurde mit Klängen jongliert, dass es eine Freude war. Aber Gustavo Gimeno gelang es nicht, aus diesem Kapital Spannung zu schlagen, stärkere Charakterisierungen der einzelnen Sätze zu entwickeln, zu kontrastieren, zu strukturieren. Es waren lauter einzelne, wunderschöne Mosaiksteine, aber der verbindende Mörtel fehlte. Erst als Kastschejs Höllentanz krachend losbrach, wurde man wirklich aufgerüttelt und gepackt. Aber da war die Musik schon fast zu Ende. Gimeno hätte halt etwas mehr tun müssen, als nur den Rhythmus zu dirigieren. Das Orchester hätte ihm die Lieferung sicher nicht verweigert.
Die erste Zugabe war durchaus riskant: Den 5. Ungarischen Tanz von Johannes Brahms hatten eine Woche zuvor an gleicher Stelle schon die Bremer gespielt. Mit deren Fassung im Ohr wirkte der Wiener Zugriff fast ein bisschen betulich. Die zweite Zugabe war, nein, nicht der Radetzkymarsch, sondern die Schnellpolka "Unter Donner und Blitz" von Johann Strauß.

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