FRANKFURT

Als der Pfarrer zum Osterfest noch Witze predigte

Den Tod auslachen: Das Osterlachen (risus paschalis) ist ein altes christliches Ritual. „Damit feierte man einst die Freude über die Auferstehung und den Sieg des Lebens über den Tod“, sagt Gisela Matthiae. Sie kennt sich aus mit dem Lachen: Die Theologin ist gleichzeitig Clownin und macht in ihren Ausbildungsgängen zur „Clownerie in Kirchen und Gemeinden“ regelmäßig auf den Brauch aufmerksam.

Belegt ist das Osterlachen bereits im 9. Jahrhundert, weiß Matthiae. Um die Gemeinde am Ostermorgen zum Lachen zu bringen, wurden vor Jahrhunderten aber nicht nur nette Witze und lustige Geschichten erzählt, sondern auch Lügengeschichten und Zoten. „Das mimische Nachahmen von Tieren, die Darstellung geschlechtlicher Lust bis hin zum Onanieren und sogar die Nachahmung des Gebärens waren Ausdruck vitaler Lebensfreude“, schreibt Matthiae in ihrem Buch „Wo der Glaube ist, da ist auch Lachen“. Die Praxis des 14. und 15. Jahrhunderts empfanden die Reformatoren aber schließlich als zu derb. Sie forderten mehr Ernst in den Gottesdiensten.

Martin Luther (1483-1546) lehnte den Brauch als „närrisch lächerliches Geschwätz“ ab. Auch der Basler Pfarrer und Reformator Johannes Ökolampad (1482-1531) sparte nicht mit Kritik: In einem Brief an seinen Kollegen Wolfgang Capito klagte er über die Oster-Prediger: „Einer schrie immer Kuckuck. Ein anderer legte sich auf Rindermist, tat, als sei er im Begriff, ein Kalb zu gebären. (. . .) Wieder einer erzählte, mit welchen Mitteln der Apostel Petrus die Wirte um die Zeche betrog.“ Sogar zu Obszönitäten sei es gekommen. Er, Ökolampad, verabscheue das und witzle auf der Kanzel nicht über Dinge, „die Eheleute in ihrer Kammer und ohne Zeugen zu tun pflegen.“

Capitos Antwort fiel weniger theologisch als pragmatisch aus: Immerhin hindere das Osterlachen die Leute in der Kirche am Einschlafen. Und es sei besser, vor lachenden Menschen zu predigen als in leeren Kirchen. Doch nach und nach wurden die derben Geschichten zu sanfteren „Ostermärlein“ und verschwanden schließlich im 19. Jahrhundert weitgehend von den Kanzeln.

Und heute? „Witze und Anekdoten, um die Leute am Ostermorgen zum Lachen zu bringen, finde ich albern und peinlich“, sagt Gabriela Köster, Studienleiterin der evangelischen Stadtakademie Düsseldorf. „Aber wenn Humor als Transportmittel für die gute Botschaft dient, wenn die Menschen befreit loslachen, weil sie etwas von der Auferstehung verstanden haben, ist das eine wunderbar ganzheitliche Erfahrung: Dann werden Körper und Geist von der Osterfreude erfasst.“ Ihrer Meinung nach ist es allerdings nicht einfach, jedes Jahr zu Ostern so humorvolle Geschichten zur Auferstehung zu präsentieren wie es einst Martin Luther in seinem Lehrstück zur Höllenfahrt Christi tat.

Köster beschreibt es in ihrer Doktorarbeit über Humor in der Predigt: Der Teufel verschlingt die Seelen, und in seiner Fressgier erwischt er zwischen Karfreitag und Ostern auch die Seele Christi. Weil Christus aber ohne Sünde ist, verursachte er Luther zufolge beim Teufel einen so gigantischen Brechreiz, dass dieser nicht nur den Heiland, sondern auch alle anderen Seelen in hohem Bogen wieder ausspucken musste. Die, die im Schatten der Hölle und des Todes saßen, wurden frei, weil Christus sich stellvertretend mit hatte verschlingen lassen.

Auch Clownin Matthiae geht es am Ostermorgen nicht um Gags, sondern um eine tiefe Freude und Zuversicht, um Vertrauen ins Leben und in die Liebe. Grundlage für diese Freude ist für sie die Apostelgeschichte 2, das Pfingstwunder: Darin wird erzählt, wie sich das verunsicherte und versprengte Häuflein Jünger nach Jesu Tod und Auferstehung getroffen hat, wie der Heilige Geist über sie kam und sie sich dann trotz verschiedener Sprachen und Dialekte verstanden.

„In der Bibel in gerechter Sprache steht: Alte und Junge, Frauen und Männern brachen das Brot, teilten es und freuten sich“, sagt Matthiae. „Gelebte Vielfalt, teilen, essen, Freude und Lachen gehören für mich zusammen. Das ist das Ideal christlicher Gemeinschaft, dem man nicht nur am Ostermorgen, sondern an jedem Sonntag nacheifern kann.“

Buch-Tipps: Matthiae, Gisela: Wo der Glaube ist, da ist auch Lachen (Kreuz Verlag, 16,99 Euro) Gabriela Köster: Wir können auch anders. Humor und sein Potential für die christliche Predigt (Neukirchener Verlag, 34,90 Euro)

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