Alte Bäume und viel Ruhe

Malerisch im doppelten Sinne: Der Garten des Juliusspitals ist ein Erholungspark nach englischem Vorbild. Foto: Thomas Obermeier

Es ist, als wüchsen die Bäume in den Himmel. Friedlich fühlt sich die Welt an im Garten des Juliusspitals mitten in der Innenstadt von Würzburg. Eine Amsel nimmt in einer winzigen Wasserpfütze ein ausgiebiges Morgenbad. Um den Schnurbaum, einem edlen Gewächs aus China und Korea mit vielen kleinen Schmetterlingsblüten, summt und brummt scheinbar ein ganzes Bienenvolk. Die Strauchkastanie sieht aus wie eingeschneit. Mitte Juli steht sie in vollster Blüte und ist übersät von langen weißen Rispen, die im lauen Sommerwind zart zittern. Auf einer der zahlreichen Ruhebänke hat eine junge Frau eine Handvoll Bücher ausgebreitet. Im Schneidersitz kauernd, konzentriert sie sich auf ihre Lektüre, während sich eine Taube auf dem steinernen Flügel des Greiffenclau'schen Wappentiers hoch über dem Brunnen inmitten des kleinen Parks selbstbewusst aufplustert.

Johann Gottfried von Greiffenclau, Fürstbischof von Würzburg und Herzog in Franken, war es, der im Jahr 1706 den viel beschäftigten Steinmetz Jakob van der Auvera beauftragte, für das Zentrum des Gartens diesen Brunnen zu fertigen. In seiner Werkstatt sind allegorische Figuren als Sinnbilder der vier fränkischen Flüsse Main, Sinn, Saale und Tauber entstanden. Aus riesigen Fischmäulern plätschert Brunnenwasser in das von Buchs und Blumen umstandene Becken. Die Sommersonne bringt einzelne Tropfen zum Glitzern. Sie ist es auch, die mit dem Grün der himmelhohen Bäume spielt. Es sind besondere Gewächse, die – ebenso wie eine Skulptur des zeitgenössischen Künstlers Herbert Mehler – für reizvolle Schattenbilder sorgen und dank aufgestellter Schildchen identifiziert werden können.

Da gibt es den Amberbaum, der im Herbst rot leuchtet und mit dicken Korkleisten an Ästen und Zweigen recht bizarr aussehen kann. Der Tulpenbaum, ein Magnoliengewächs, das im östlichen Nordamerika 500 bis 700 Jahre alt werden kann, gefällt mit seiner ungewöhnlichen Blattform. Der blau blühende Blauglockenbaum oder Paulownie wird in Japan zur Geburt einer Tochter gepflanzt, aber auch zur Herstellung von Instrumenten, Möbeln und Holzsandalen verwendet. Der Götterbaum mit seinen auffallend großen Blättern, den Bienen, Hummeln und Insekten besonders zu lieben scheinen, gehört ebenso zu den bemerkenswerten Pflanzen, die dank der 1991 gegründeten Stiftung Helga Schott in dem etwa 10 000 Quadratmeter großen Areal gepflegt und unterhalten werden können. Wenn man den Park vom Parkplatz aus betritt, sieht man die beiden Ginkgos. Sie dürften die ältesten Bäume hier sein. Eigenwillig streben sie in die Höhe, nachdem Sturm Wiebke sie seinerzeit vollkommen geköpft hat.

Im Jahr 1576 hatte Julius Echter von Mespelbrunn die Stiftung Juliusspital begründet. Auf Veranlassung des Fürstbischofs wird schon wenige Jahre später ein Arzneikräutergarten, ein hortus medicus, angelegt und den Bewohnern des Spitals die Möglichkeit eröffnet, zur Rekonvaleszenz oder Wiederherstellung der Gesundheit dort spazieren gehen zu dürfen. Auch heute wuchern, in der Sichtachse vom Brunnen zum Spital, unter Rosenstämmchen tiefblauer Lavendel, gelbes Johanniskraut, Baldrian mit seinem rötlichen Schimmer über den weißen Blütchen, Rosmarin und Salbei.

Im Jahr 1696, nach dem Dreißigjährigen Krieg, veranlasst Fürstbischof Johann Gottfried von Guttenberg hier den Botanischen Garten der Universität zu errichten. Aus dem ursprünglichen Barockgarten wird neben seiner Funktion als Anschauungsplatz für Botaniker mehr und mehr ein Erholungsort für Alte und Kranke, bis die Universität die Botanik in einem eigenen Areal auslagert. Ab 1854 ist der Garten des Juliusspitals ein Erholungspark nach englischem Vorbild.

Schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatte der Architekt Josef Greising einen Gartenpavillon errichtet. Auf Anregung des Mediziners Carl Caspar Siebold wird das schmucke barocke Schlösschen mit den zwei Kuppeltürmchen, ursprünglich als Zwischenraststation zur Erholung des Fürstbischofs geschaffen, umgestaltet zur „Alten Anatomie“ mit einem Lehr- und einem Seziersaal.

Bedeutende Männer wie Albert von Koelliker und Rudolf Virchow unterrichten hier. Heute genießen Musikfreunde und Interessierte in dem nach barockem Vorbild gelb-weiß gestrichenen Gebäude Konzerte und Vorträge. An seine ursprüngliche Bestimmung als Ort der Anatomie erinnern zwei Kopien von Sandsteinfiguren, die an Stelen an der Außenwand lehnen. Es sind ein Internist und ein Chirurg. Die Originale, geschaffen von Hofbildhauer Johann Peter Wagner, die heute im Fürstenbau des Juliusspitals zu finden sind, verblüffen durch kunstvolle Klarheit. Einer der Männer hält einen Schädel in der Hand, der andere ein Herz, das anatomisch exakt nachgebildet ist.

Wer vom Auvera-Brunnen Richtung Alte Anatomie geht, durchschreitet die „Apsida Grande“, einen Bogen aus Cortenstahl, den der Künstler Herbert Mehler im Jahr 2010 anlässlich der alljährlichen Kunsttage des Juliusspitals geschaffen hat. Ein paar Schritte weiter mag ein Bildstock aus dem Jahr 1819 mit der Darstellung einer Pieta und den 14 Nothelfern Kranken Hoffnung geben und für einen Moment die Zeit stillstehen lassen.

Der Spaziergang über die lichtumspielten und schattigen Wege des Parks, der sich im Fortlauf eines Tages immer mehr mit Patienten und Besuchern bevölkert, ohne etwas von seiner Atmosphäre der Entschleunigung zu verlieren, erweckt Gefühle von Entspannung und unendlicher Zeitlosigkeit.

Der Park des Juliusspitals

Der Park hinter dem Krankenhaus ist ganztägig geöffnet. Es gibt eine große Anzahl an Bänken, die unter Schatten spendenden Bäumen, am Brunnen und in der Sonne einzeln oder in Gruppen aufgestellt sind. Lagern auf der Wiese unter den Bäumen und Grillpartys sind nicht erlaubt.

Die Stiftung Juliusspital, gegründet 1576 von Julius Echter, betreibt heute neben dem 342-Betten-Krankenhaus in der Würzburger Juliuspromenade unter anderem ein Seniorenstift (170 Heim- und Pflegeplätze) sowie Berufsfachschulen für Alten- und Krankenpflege. Um diese langfristig zu sichern, bewirtschaftet das Juliusspital über 1000 Hektar Landwirtschaft, 3200 Hektar Wald sowie 170 Hektar Weinberge in ganz Mainfranken. Das Weingut gehört zu den größten in Deutschland.

ONLINE-TIPP

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Schlösschen mit Türmchen: Der Gartenpavillon, früher auch Seziersaal.
Moderne Kunst: Blick auf den zentralen Brunnen des Parks.
Das Herz in der Hand: Nischenfigur im Garten des Juliusspitals

Rückblick

  1. Ein Garten für Blinde
  2. Idealisierte Wald-Welt
  3. Malerische Landschaft
  4. Im Wald der Jahresbäume
  5. Ronkarzgarten: Aus tiefem Schlaf wachgeküsst
  6. Ein Park ohne Trubel
  7. Das grüne Herz der Kur
  8. Der Park der Domherren
  9. Wieder alles in Ordnung
  10. Ein Park zum Vergnügen
  11. Quer durch Katalonien
  12. Paradies für Pomeranzen
  13. Inspiriert durch Natur
  14. Gehobene Gartenkunst
  15. Botschaft an die Nachwelt
  16. Die Kunstsinnige
  17. Gruslige Geschichten
  18. Alles Wilde willkommen
  19. Eine Schule im Grünen
  20. Ins Reich der Mitte
  21. Der Name der Rose
  22. Gärtnern in der Stadt
  23. Der Main im Zentrum
  24. Oase mit viel Historie
  25. Viele grüne Daumen
  26. Reise durch die Welt
  27. Beim Adel im Garten
  28. Allerlei vom Apfel
  29. Den Boden füttern
  30. Wo Minze kuschelig ist
  31. Alte Bäume und viel Ruhe
  32. Ein Kraut gegen alles
  33. Kraut und Rosen
  34. Leben im Park
  35. Umkämpfte Schönheit
  36. Der Welt entrückt
  37. In Gottes Garten
  38. Gebändigte Natur
  39. Botanische Sinnbilder
  40. Die Stille als Kraftquelle

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