„Alte Gemüsesorten sind bedroht“

Für mehr Vielfalt: Roland Wüst, Mitbegründer und Vorstandsmitglied des Vereins Freie Saaten, vor dem Winterkürbis Adana. Foto: Boris Flockerzi

Roland Wüst ist Mitglied bei der Arche Noah, Mitbegründer und Vorstandsmitglied des Vereins Freie Saaten sowie Vorstandsmitglied des Dachverbands Kulturpflanzen- und Nutztiervielfalt. Er wohnt in Rheinland-Pfalz und nimmt am Samstag, 25. Februar, am „Saatgut-Festival“ in der Karl-Knauf-Halle in Iphofen (Lkr. Kitzingen) teil.

Frage: Wie viel Arten von Paprika haben Sie schon gegessen?

Roland Wüst: Gerade einmal fünf von etwa 25 Arten dieser Gattung. Von diesen fünf Arten werden es jedoch weit über 100 Sorten gewesen sein. Rund 100 Sorten betreuen wir in unserem Verein Freie Saaten.

Woher kommt Ihre Faszination für die Vielfalt?

Wüst: Die Vielfalt der Kulturpflanzen zu entdecken, ist für mich ein Ziel auf der Suche nach dem Wunderbaren geworden. Die Vielfalt, der Formen-, Farben- und Geschmacksreichtum, sind umwerfend, obwohl ungefähr 70 Prozent aller samenfesten Kulturpflanzensorten bereits verloren gegangen sind. Ich glaube, dass es nichts Wichtigeres gibt – zumindest für alle, die essen müssen . . .

„Vielen ist die Bedrohtheit der Kulturpflanzen gar nicht bekannt. “

Roland Wüst, Verein Freie Saaten

Warum nimmt die Vielfalt ab?

Wüst: Ich denke, zum einen ist die einschränkende und unterdrückende Saatgutpolitik und -gesetzgebung schuld. Das Saatgutverkehrsgesetz sollte ersatzlos gestrichen werden. Darüber hinaus ist die von der Politik geförderte Industrialisierung der Landwirtschaft schuld – welche jedoch von dem Verhalten der Konsumenten lebt und erst dadurch derart monströs werden konnte. Die Industrie setzt auf Hybride und zielt auf genetisch modifizierte Pflanzen – so etwas ist nicht nachhaltig. Die noch verbliebenen alten samenfesten Sorten stellen nahezu alles dar, was wir Menschen an pflanzengenetischen Ressourcen haben.

Drei Sätze über den Verein Freie Saaten . . .

Wüst: Alle alten Sorten, die derzeit nicht in der EU-Sortenliste zu finden sind, stellen zumindest in der EU bedrohtes Gemeingut dar. Freie Saaten wurde gegründet, um möglichst viele Sorten dieses Gemeinguts zu erhalten, weiterzuentwickeln und zu verbreiten. Das Verbreiten stellt unserer Meinung nach die größte Sicherungsmöglichkeit für diese gefährdeten Kulturpflanzen dar. Gesichert ist diese, wenn sie einen Platz in unserer Welt hat, einen Platz in unserem Leben, auch und gerade wenn diesen Platz unser Teller darstellt, auf dem sie immer wieder landet – weil sie besser schmeckt als ihre Artgenossen aus dem Supermarkt.

Was genau machen Sie, um die Vielfalt zu erhalten?

Wüst: Wir betreiben Öffentlichkeitsarbeit, um die Problematik sichtbar zu machen. Vielen Menschen ist die Bedrohtheit der Kulturpflanzen gar nicht bekannt. Aber natürlich liegt unser Hauptarbeitsfeld in Gärten und auf Äckern. Später wird das Saatgut gereinigt, getrocknet, teils verpackt, teils archiviert. Wir benutzen zum Beispiel Kulturschutzkabinen und Bestäuberinsekten, was den Anbau oft sehr teuer gestaltet. Einige Arten werden bei uns handbestäubt, was sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Darüber hinaus geben wir uns Mühe, all unser Saatgut weit verstreut wieder in die Gärten und auf den Teller zu bringen.

Muss man sich das als eine Art Samenbank für Pflanzen vorstellen?

Wüst: Gewiss ist es das. Bei uns im Archiv sieht es aus wie in einer Genbank – nur dass wir nichts einfrieren. Jede Sorte soll alle ein bis vier Jahre wieder ausgesät, kultiviert und neues Saatgut gewonnen werden.

Wie kommt der Samen wieder in Umlauf?

Wüst: Das geschieht bei uns über unsere Homepage und über Marktstände. Aber wir unterstützen auch einige Organisationen.

Ihre bisher schönste Entdeckung?

Wüst: Meine Ehefrau Sabine.

Und was Kulturpflanzen betrifft?

Wüst: Da gibt es eher viele schöne Entdeckungen als eine Schönste. Zum Beispiel eine Aubergine aus der Türkei mit 50 Zentimeter langen und daumendicken violettfarbenen Früchten. Oder dieser seltene sagenhafte Federmais, wo jedes Korn am Kolben von einem feinen Spelz umhüllt ist. Oder wie wundervoll Karottendolden duften.

Von dem Saatgut-Festival in Iphofen verspreche ich mir . . .

Wüst: Viele tolle Sorten von Kulturpflanzen verbreiten zu können. Es geht um den Einsatz für eine Vielfalt, von der unser Leben sowie das aller kommenden Generationen abhängt.

Saatgut-Festival: Am Samstag, 25. Februar, von 11 bis 17 Uhr in der Karl-Knauf-Halle, in Iphofen. Veranstalter sind der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt sowie „Open House“ aus Mainstockheim. Eintritt: ein Euro.

Mehr Infos im Internet unter www.nutzpflanzenvielfalt.de oder www.openhouse-site.de

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