HAMMELBURG

Apotheken machen Tag zur Nacht

Protest: Apothekerin Rita Schubert verkauft in der Mittagsstunde durchs Gitter. Foto: Wolfgang Dünnebier

Ungewöhnlich bedienen viele unterfränkische Apotheken ihre Kunden am Donnerstag, 28. Februar, zwischen 12 und 13 Uhr: Aus Protest reichen sie die Medikamente durch ihre Notdienstklappen aus – so, wie sonst in der Nacht oder an Sonn- und Feiertagen.

Mit der bundesweiten Aktion unter dem Motto „Wir machen den Tag zur Nacht“ soll auf die unzureichende Vergütung für die Dienstbereitschaft außerhalb der üblichen Geschäftszeiten aufmerksam gemacht werden. Mit dabei ist neben den beiden anderen Apotheken in Hammelburg (Lkr. Bad Kissingen) auch Rita Schubert, Betreiberin der Falken-Apotheke. „Betriebswirtschaftlich ist das ein Fass ohne Boden“, sagt sie zur Bezahlung des Notdienstes. Vielen Menschen sei gar nicht bewusst, dass er nicht honoriert werde.

Alle elf Tage schlägt sie sich im Wechsel mit Kollegen eine Nacht in ihrer Apotheke um die Ohren. Dazu kommen die 24-Stunden-Dienste an den Wochenenden. Dafür darf sie einen Aufschlag von 2,50 Euro je eingelöstem Rezept erheben. „Das rechnet sich nicht“, sagt sie. Auf dem Land noch weniger. In den Großstädten sind die Kollegen oft nur einmal im Monat dran, bei größerem Andrang.

Die Situation verschärfe sich mit dem Rückzug der Ärzte vom flachen Lande. Patienten kaufen ihre Medikamente gewöhnlich dort, wo sie behandelt werden. Wer in Würzburg oder Schweinfurt zum Arzt gehe, decke sich dort ein. Im Landkreis Bad Kissingen habe es die ersten Schließungen gegeben. Erschwerend ist die Konkurrenz im Internet.

Der Nachtdienst ist eine Herausforderung. Wie viele Patienten kommen, ist unkalkulierbar. „Am nächsten Tag stehe ich dann wieder hinter dem Tresen“, beschreibt die Apothekerin ihre Arbeitsbelastung.

Um beim Notfalldienst nicht draufzuzahlen, schiebt Rita Schubert die Dienste selbst. So halten es auch andere Apothekeninhaber. Ihre Vertreterin einzusetzen, zöge monatliche Mehrkosten von 200 Euro nach sich, rechnet Rita Schubert vor.

Ähnlich im Gemündener Notdienstkreis. Hier leistet jede Apotheke jährlich 72 Tage zusätzlichen Notdienst. Durch Rückgang der Apothekendichte im Raum Wertheim haben zwei Apotheken und in Marktheidenfeld hat eine Apotheke zum Jahreswechsel geschlossen. „Dadurch wird die Belastung für die übrigen Apotheken noch größer werden“, fürchtet Apothekeninhaber Helmut Fischer, der mit zwei Gemündener Kollegen am Aktionstag teilnimmt.

Enttäuscht sind die Apotheker von der Politik. Nicht umgesetzt worden sei bisher eine für 2013 versprochene Notdienstpauschale. Über sie sollen die Mehrkosten ausgeglichen werden.

Im Gespräch ist eine Pauschalvergütung von 120 Millionen Euro an die 21 000 Apotheken im Bundesgebiet. Sie soll über eine Erhöhung des Festhonorars von 8,35 Euro pro verschreibungspflichtigem Arzneimittel aufgebracht werden. Die Mittel sollen in einen Notdienst-Fonds fließen, wo sie abrufbar sind.

Die Bedeutung des Notdienstes bringt eine repräsentative Forsa-Umfrage zum Ausdruck, die die Bundesvereinigung der Apothekerverbände vor dem Aktionstag in Auftrag gegeben hatte. Demnach ist es 86 Prozent der Menschen „wichtig“ (36 Prozent) oder „sehr wichtig“ (50 Prozent), sich außerhalb regulärer Öffnungszeiten Arzneimittel in einer Apotheke besorgen zu können. Besondere Relevanz für junge Familien verdeutlichen folgende Werte: 37 Prozent der 30- bis 44-Jährigen, der Haushalte mit Kindern oder mehr als vier Personen gaben an, den Nacht- und Notdienst innerhalb der letzten zwölf Monate ein- bis fünfmal in Anspruch genommen zu haben.

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