SCHWEBHEIM

Auf der Flucht vor den Strahlen

Vor dem Kernkraftwerk: Ernst Bohlig (Bund Naturschutz Kreisgruppe Schweinfurt), Herbert Barthel (Energiereferent Bund Naturschutz Bayern), Masako Hashimoto (Bürgerin aus der Region Fukushima) und Sebastian Schönau (2. Vorsitzender Bund Naturschutz Bayern) vor dem Kernkraftwerk Grafenrheinfeld, das ihrer Meinung nach auch das Potenzial für eine Katastrophe wie in Fukushima besitzt.
Vor dem Kernkraftwerk: Ernst Bohlig (Bund Naturschutz Kreisgruppe Schweinfurt), Herbert Barthel (Energiereferent Bund Naturschutz Bayern), Masako Hashimoto (Bürgerin aus der Region Fukushima) und Sebastian Schönau (2. Vorsitzender Bund Naturschutz Bayern) vor dem Kernkraftwerk Grafenrheinfeld, das ihrer Meinung nach auch das Potenzial für eine Katastrophe wie in Fukushima besitzt. Foto: Holger Laschka

„Was hier passiert ist, hat unsere Bevölkerung gespalten und ganze Familien zerrissen.“ Das sagt die 54-jährige Masako Hashimoto aus der Kleinstadt Miharu in der japanischen Provinz Fukushima. Und sie meint nicht etwa die Reaktorkatastrophe im etwa 50 Kilometer entfernten Kernkraftwerk Daiichi, die am 11. März dieses Jahres ihren Ausgang nahm.

Sie zielt vielmehr auf das Krisenmanagement der japanischen Regierung ab, auf „fortwährende Desinformation der Menschen vor Ort“, die diese in zwei Lager entzweit habe. Auf der einen Seite stünden die Kritiker, die sich valide Daten über die Strahlenbelastung in ihrer Heimat extern beschafften und daraus fast zwangsläufig den Schluss ziehen müssten, diese zu verlassen. Auf der anderen Seite die traditionell obrigkeitsgläubigen Japaner, die das wahre Ausmaß der Katastrophe heute noch nicht wahrhaben wollten.

Masako Hashimoto gehört zu Ersteren; sie weilt in diesen Tagen auf Einladung des Bund Naturschutz Bayern in Deutschland, um aus erster Hand über das Leben in Japan seit der Katastrophe zu berichten. Zwei Leidensgenossen sollten eigentlich neben ihr sitzen an diesem Montagnachmittag im Bürgerhaus von Schwebheim, einer Schweinfurter Landkreisgemeinde in Sichtweite des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld. Doch Nebel in Amsterdam verhinderte ihr rechtzeitiges Kommen.

Traum vom Eigenheim zerstört

Was Masako Hashimoto zu erzählen hat, reicht indes auch schon aus, um den Schmerz der Betroffenen nachfühlen zu können. Vor drei Jahren begann sie mit ihrem Mann und der 13-jährigen Tochter, ein Haus zu bauen in Miharu. Schadstofffrei sollte es sein, möglichst natürlich, ein befreundeter Zimmermann riet zu Holz und so packte die ganze Familie selbst mit an, um den Traum vom Eigenheim Wirklichkeit werden zu lassen. Nach einem Jahr war das Werk vollbracht, „wir waren unglaublich stolz, was wir da geschaffen hatten“, sagt die zierliche Frau.

Knapp zwei Jahre bewohnte die Familie ihr Heim, dann kam das Erdbeben, der Tsunami, die Reaktorkatastrophe – der einstige Traum war zerstört. Das Haus steht zwar noch, doch die Region ist verstrahlt. Frau Hashimoto ist ausgezogen und mit ihrer Tochter vor den Strahlen nach Tokio geflohen. Ihr Mann ist geblieben – noch –, bald wird die Familie in einer Provinz im Südwesten Japans neu anfangen. Die Schwester bewohnt das Holzhaus nun, deren Eigenheim in der größeren Nachbarstadt Koriyama ist unbewohnbar, wegen der Strahlen.

Anfang April wurde die Schule in Miharu eröffnet, planmäßig, „damit alle wieder zur Normalität zurückkehren“, glaubt Masako Hashimoto. Ihre Tochter musste auch „antreten“, so wie alle anderen Kinder. Erst auf Druck der Eltern wurden Messungen auf dem Schulgelände durchgeführt, die eine hohe Strahlenbelastung zutage förderten. Die Schule wurde nicht geschlossen, stattdessen der Grenzwert erhöht von einem auf 20 Millisievert im Jahr – so viel mutet man bei uns maximal einem Kernkraftwerksmitarbeiter zu.

Zeigte Japan im Umgang mit der Katastrophe Unvermögen? „Nein“, sagt der Energiereferent des Bund Naturschutz, Herbert Barthel. Es sei eben schlicht unmöglich, eine solche Havarie zu beherrschen. Und deshalb müsse der Atomausstieg in Deutschland und überall sonst auch kommen – sofort.

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