WÜRZBURG

Bei Flüchtlingen: Zahn ziehen statt plombieren

Hofft auf Änderungen am Asylbewerberleistungsgesetz: Der Würzburger Zahnarzt Dr. Tim Strasen hat für seine Doktorarbeit ... Foto: epd

Wer ein Loch im Zahn hat, geht zum Zahnarzt. Der bohrt ein bisschen, man kriegt eine Füllung. Fertig. Nicht so bei Asylbewerbern. Dort darf der Arzt nach aktueller Gesetzeslage nur eines machen: den Zahn ziehen. Tim Strasen hat untersucht, was das für die Kinder in der Würzburger Gemeinschaftsunterkunft (GU) bedeutet.

Der 30-Jährige ist nicht gerade das, was man einen politischen Aktivisten nennen würde. Er ist Zahnarzt, hat in Würzburg studiert, promoviert und arbeitet in der Praxis seines Vaters in einer Gemeinde unweit von Würzburg. Seine Doktorarbeit allerdings hat es in sich. „Ich wollte nicht zum x-ten Mal Röntgens Leben aus medizinhistorischer Sicht aufdröseln“, sagt er. Schon während des Studiums knüpft er Kontakte zur Missionsärztlichen Klinik – dabei reift in ihm die Idee, über die Zahngesundheit von Asylbewerbern zu promovieren.

Die Missionsärztliche Klinik hatte damals die medizinische Versorgung in der Würzburger GU übernommen. Im April 2008 begann Tim Strasen mit seiner Studie. Parallel zum Studium fertigte er seine Doktorarbeit, dafür hat er die Zahngesundheit von 66 Kindern in der GU untersucht und Befunde aufgenommen. Rund ein Jahr danach folgte eine zweite Untersuchung. „Die Ergebnisse sprechen für sich“, sagt Strasen: „Das sind jetzt Fakten, die man nicht so einfach vom Tisch wischen kann, das stärkt die Position der Flüchtlinge.“

Die Zahngesundheit eines Menschen wird von Fachleuten nach dem sogenannten DMFT-Index eingestuft. Ein Index von 1,0 heißt, dass von 28 Zähnen bei Erwachsenen – ohne Weisheitszähne – ein Zahn entweder kariös oder gefüllt ist oder ganz fehlt. Bei den 66 in der GU untersuchten Kindern und Jugendlichen stieg der DMFT-Index im Schnitt in nur einem Jahr um rund 88 Prozent. „Bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland sinkt der Wert aber eigentlich mit steigendem Alter“, sagt Strasen. Doch die Zahnprobleme der Flüchtlingskinder nahmen rapide zu.

Die häusliche Zahnpflege mit Zahncreme und Zahnbürste sei dabei nur ein Faktor, wenngleich ein wichtiger, sagt der junge Zahnarzt: „Das ist bei Asylbewerbern nicht anders als bei Einheimischen.“ Es gebe Familien in der GU, die schon in ihrer Heimat Wert auf Zahnpflege gelegt hätten, es seien aber auch jene darunter, vor allen Dingen aus bildungsfernen Schichten, die in Deutschland erstmals Zahnbürsten in der Hand hatten. „Ich habe damals auch Kurse zur Zahnprophylaxe in der GU gegeben“, sagt er, unterstützt mit Spenden von Zahnpasta-Firmen.

Das eigentliche Problem sei die Gesetzeslage bei der zahnmedizinischen Versorgung von Flüchtlingen. Die nämlich tendiere gegen null, stellt Tim Strasen damals ernüchtert fest. Vorsorge ist für Flüchtlinge ohne einen Aufenthaltstitel nicht vorgesehen, auch nicht für Kinder. Sie bekommen – anders als regulär gesetzlich oder privat versicherte Kinder – weder die Furchen in ihren Backenzähnen zum Schutz vor Karies versiegelt noch eine Fluor-Behandlung mit Tabletten. Und selbst wenn sie Karies haben, wird erst geholfen, wenn auch Schmerzen dabei seien. Also: zu spät.

„Karies kann sehr lange schmerzlos sein“, sagt Strasen. Wenn es dann wehtue, müsse der Zahn oft ganz raus. Ein kleiner Karies koste knapp 60 Euro bei der Behandlung, ein Jahr später schlage großer Karies mit mehr als 100 Euro zu Buche, so der Mediziner. „Die Extraktion ist noch einmal wesentlich teurer.“ Die Verweigerung von Vorsorge sowie einer rechtzeitigen Behandlung von Karies lohne sich für den Staat nicht: „Sobald die Flüchtlinge einen Aufenthaltstitel haben, gehen sie zum Arzt und lassen sich alle Zähne richten – zu Recht!“

Viele erleiden zuvor, je nachdem wie lange das Asylverfahren dauert, eine zahnmedizinische und mundhygienische Tortur. Auch wenn Bayerns Sozialministerin Emilia Müller (CSU) ein Ende des Sachleistungsprinzips für Asylbewerber angekündigt hat: Noch bekommen Asylbewerber in den Gemeinschaftsunterkünften Essens- und Hygienepakete. „Dort sind für Kinder unter zwölf Jahren oft gar keine Zahnbürsten drin“, berichten mehrere ehrenamtliche Helfer in ganz Bayern. Das weisen die Behörden zwar scharf zurück, aber auch Tim Strasen bestätigt das.

Für Asylbewerber mit Karies bleibt nach der aktuellen Gesetzeslage nur: Schmerzmittel nehmen, Zahn ziehen lassen – oder aber einen Zahnarzt finden, der sie kostenlos behandelt. In und um Würzburg gibt es mehrere Zahnmediziner, vor allem mit Migrationshintergrund, die helfen. Das sei nobel, sagt Strasen, „aber zum einen müssen die Flüchtlinge erst mal eine Praxis erreichen können – und das klappt nur im Umland großer Städte“. Zum anderen muss der Zahnarzt das aus eigener Tasche bezahlen: „Das geht nur begrenzt.“

Für Änderungen am ausschlaggebenden Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) ist der Bund zuständig – aber auch schon die Ankündigung der Sozialministerin ist für die Ehrenamtlichen in den GUs ein Lichtblick. „Für die Essenspakete steht oft nur Zuckerzeug wie Eistee, Cola oder Limo zur Auswahl“, sagt Strasen. Künftig sollen sich die Flüchtlinge dann im Laden selbst kaufen können, was ihnen schmeckt – und was besser für ihre Zähne ist, hofft der Zahnarzt.

Medizinische Versorgung nach dem Asylbewerberleistungsgesetz

Das Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) regelt die medizinische und zahnmedizinische Versorgung von Asylbewerbern in Deutschland. In Paragraf 4 heißt es darin, dass „zur Behandlung akuter Erkrankungen und Schmerzzustände“ die erforderlichen Behandlungen zu gewähren sind. Für die Praxis bedeutet das: Jede Form von medizinischer Vorsorge – außer bei Schwangeren – findet bei Asylbewerbern nicht statt. Im Gesetz heißt es hierzu wörtlich: „Zahnersatz erfolgt nur, soweit dies im Einzelfall aus medizinischen Gründen unaufschiebbar ist.“

Kirchen, Wohlfahrtsverbände und Flüchtlingsorganisationen kritisieren das Gesetz insgesamt und die daraus resultierende medizinische sowie psychologische Betreuung von Asylbewerbern seit Jahren und fordern seine Abschaffung. Die Zentrale Ethikkommission der Bundesärztekammer hat die restriktive Handhabung der medizinischen Versorgung durch die Verwaltungen und Gerichte in der Vergangenheit bereits mehrfach als Verstoß gegen die Grundrechte kritisiert, in deren Folge es zu schweren Gesundheitsschäden kommen könne.

Im Hinblick auf die zahnmedizinische Behandlung bedeutet das Gesetz und seine Auslegung in aller Regel, dass Ärzte die Flüchtlinge nicht zahnerhaltend behandeln können, sondern lediglich bei zu starken Schmerzen kranke Zähne ziehen dürfen. Auch in diesen Fällen ist für die Patienten kein Zahnersatz vorgesehen. Text: das

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