STREITBERG

Beweg dich wie eine Spinne

Schon am Eingang der Schönsteinhöhle, die oberhalb von Streitberg in der Fränkischen Schweiz versteckt im Wald liegt, ist klar: Das hier wird kein Spaziergang. Ich werde jetzt, wie es in der Fachsprache heißt, einen Großteil der rund 600 Meter Ganglänge der Höhle befahren.
Schmaler Spalt: Wer hier durchkommt, passt auch durch die anderen Gänge der Schönsteinhöhle.
Schmaler Spalt: Wer hier durchkommt, passt auch durch die anderen Gänge der Schönsteinhöhle. Foto: Stephan wirth

Michel Avignon, seit vier Jahren Höhlenführer in der Fränkischen Schweiz, reicht mir Helm und Stirnlampe, neben festen Schuhen die wichtigsten Utensilien für eine Höhlentour. „Eine gute Ausrüstung ist unerlässlich, aber nicht selbstverständlich. Wir führen immer wieder Laien, teilweise in Sandalen und mit kleinen Taschenlampen, aus der Höhle“, erklärt er.

In der Höhle empfängt mich klare Luft, die Temperatur liegt das ganze Jahr über bei acht Grad Celsius. Ohne die Stirnlampe wäre es stockdunkel, auch so sieht man nicht wirklich weit. Durch einen schmalen Gang kommen wir in die große Eingangshalle. Hier ist es sehr feucht, wenn man nicht aufpasst, kommt man schnell ins Rutschen. Die Halle ist wirklich schön: An der Decke hängen glitzernd Wassertropfen, auf dem Boden stehen große Tropfsteine. Ein riesiges Loch klafft im Boden, dort geht es ungefähr fünf Meter hinunter. „Das ist der Martha-Keller. Hier muss jeder reinklettern, der in die Höhle möchte. Wer durch das kleine Loch am Einstieg passt, kommt auch durch die anderen Gänge“, so Michel Avignon. Tatsächlich sollte man nicht allzu füllig sein, um die Wege in der Höhle zu passieren.

„Keine Angst, du passt überall durch.“ Michel Avignon lacht, als ich skeptisch das kleine Loch beäuge, das hinunter in den Keller führt. Die Abstände der Tritte sind groß, der Felsen glitschig, doch unten erwarten einen faszinierende Felsformationen und das gute Gefühl, auch an den anderen Engpässen durchzurutschen. Wir spitzen in einen Seitengang, hier ist auf dem Boden Erde zu sehen: „Der Martha-Keller ist aktiv. Aktiv heißt, dass noch nicht alle Gänge bis zum Ende erforscht sind. Theoretisch kann die Höhle überall, wo noch Erde ist, weitergehen.“

Wieder oben geht es durch einen schmalen Gang weiter, über die sogenannte Neischl-Spalte. Jetzt wird es das erste Mal richtig schwierig, denn hier gibt es keinen Boden. Gesteinsbrocken, die von der Decke herabgefallen und im Riss stecken geblieben sind, bilden eine Art Steg. Dazwischen geht es etwa zwölf Meter hinunter, weshalb auch ein Seil angebracht ist. Ich klammere mich am Seil fest, bewege meinen Fuß über den Abgrund hinweg zur anderen Seite – und ziehe ihn gleich wieder zurück. „Soll ich mich in die Spalte klemmen, damit du über mich klettern kannst?“ fragt mein Begleiter. Ich schüttele den Kopf, atme tief ein und wage den großen Schritt auf den kleinen Steg. Noch ein großer Schritt, und ich bin über die anspruchsvolle Stelle hinweg.

Doch es geht gleich weiter. „Wir schlufen jetzt hier durch!“, ruft Michel Avignon mir zu, und deutet auf eine enge Felsspalte ein Stück weiter oben. Ich stecke den Kopf hinein, wuchte meinen Körper hoch und fange an, auf dem Bauch liegend vorwärts zu robben. Bei solch engen Spalten sprechen Fachleute von einem Schluf. Einige blaue Flecken später bin ich durch, die Kleidung ist nass und voller Lehm, trotzdem macht es Spaß, sich so tief in die Felsen hineinzuwagen.

Wir kommen in eine kleine Halle, in der wir wiederum ein paar Meter hinabklettern, zu den Eingängen der Salzburger Schlünde. Hier ginge es noch einmal 19 Meter nach unten weiter, zu den berühmten Wasserstandsmarken der Höhle. Doch diese schwierige Kletterei ersparen wir uns. Wieder oben angelangt, geht es in einen kleinen Gang. In dessen Mitte steht ein großer Stalagmit, das „Salzmännchen“. Auch wenn mittlerweile viele der Stalagmiten und Stalaktiten abgebrochen und entwendet wurden, die verbleibenden Formationen sind beeindruckend. An dem großen Tropfstein vorbei kommen wir in eine kleine Kammer. Hier zeigt Michel Avignon mir eine seiner Lieblingsformationen: „Der Name Schönsteinhöhle kommt nicht von ungefähr. Ich finde es faszinierend, wie das Wasser über die Jahrhunderte den Stein formt und solche Sinterformationen entstehen lässt.“

Wir krabbeln, die Füße voran, auf allen vieren durch einen Gang, in dessen Mitte sich eine Riesenpfütze befindet. „Beweg dich einfach wie eine Spinne“, ruft Michel Avignon mir zu und klettert leichtfüßig über die Pfütze hinweg. Nun kommt die schwierigste Passage der Höhle: Durch eine runde Öffnung geht es wie in einer Rutsche etwa einen Meter nach unten. Dann muss man sich über einen relativ breiten Gang hinweghangeln. Jetzt passiert das, wovor ich die ganze Zeit ein wenig Angst hatte: An der nassen Felswand rutscht mir der Fuß weg. Prompt falle ich einen Meter tief auf den Boden, wobei mein Schienbein schmerzhaft aufschlägt.

Anschließend heißt es noch einmal robben, diesmal durch den sogenannten Geburtskanal: Michel Avignon lässt hier seine Gäste immer die Lampen ausmachen. Ich schiebe mich durch die absolute Dunkelheit und taste mich mit den Händen an der Wand entlang durch den engen Gang. Ständig bleibe ich irgendwo hängen. Als ich mit den Fingern an eine Wand stoße, öffnet sich die Felsspalte nach oben. Mit den Armen stemme ich mich hoch. Sehen kann ich es noch nicht, ich fühle aber, wie sich der Raum weitet. Ich knipse die Stirnlampe wieder an und stehe in einer der schönsten Hallen der Höhle, der Paradieshalle. Von hier aus laufen wir zurück ins Freie. Nach gut zwei Stunden sind wir wieder draußen – von oben bis unten voller Lehm und mit jeder Menge blauer Flecken, aber um eine tolle Erfahrung reicher.

Höhlentouren

Die Schönsteinhöhle fasziniert mit herrlichen Tropfsteinen. Eine Führung ermöglicht ein erstes Reinschnuppern ins Gängesystem. Touren sind für vier bis zu maximal zehn Personen möglich und kosten 25 Euro pro Nase.

Charakter der Tour: schwierig

Länge: 400 Meter Ganglänge in der Höhle und zwei Mal 300 Meter Zustieg durch Wald

Wanderzeit: zwei Stunden

Ausgangs-/Endpunkt: Leinen-los, Thomas Mehl, Behringersmühle 19 a, 91327 Gößweinstein Informationen: www.leinen-los.de

Einkehrmöglichkeit: Gasthof Sponsel, Oberfellendorf Öffentliche Verkehrsmittel: Fränkische Schweiz Bahn, hält direkt am Ausgangspunkt Voraussetzungen: keine Platz- und Höhenangst, alte, robuste Kleidung, die schmutzig und nass werden darf, festes Schuhwerk, keine Kontaktlinsen

 

Die Teufelshöhle in Pottenstein ist für alle zu empfehlen, die nicht auf dem Bauch liegend durch enge Felsspalten robben wollen. Sie ist mit 3000 Metern Ganglänge die größte Höhle der rund 1000 Höhlen in der Fränkischen Schweiz. Etwa 1500 Meter davon sind leicht begehbar. Etwa 45 Minuten dauert die Führung, während der man auch erfährt, wie die Höhlen in der Fränkischen Schweiz und die Tropfsteine entstanden sind.

„Kaiser Barbarossa“ in der Teufelshöhle
„Kaiser Barbarossa“ in der Teufelshöhle
Schon der Einstieg ist nicht leicht.
Schon der Einstieg ist nicht leicht.

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