GIEBELSTADT

Bomben in Giebelstadt: „Pures Glück“, dass Bauern nichts passiert ist

Beachtliche Bilanz: Fast 150 Bomben, dazu gehören auch die jüngst gefundenen sechs amerikanischen Splitterbomben, hat Da... Foto: Thomas Fritz

Kampfmittelexperte Daniel Raabe sitzt entspannt am Schreibtisch, in Jogginghose und Badeschlappen. In einem kleinen Container auf dem Flugplatz Giebelstadt (Lkr. Würzburg) hat der Magdeburger sein Büro und seinen Schlafplatz. In der Ecke stehen jede Menge Sonden, mit denen Raabe in den vergangenen drei Jahren rings um den Flugplatz nach Blindgängern suchte. Erfolgreich. 99 Bomben hat er in den Feldern der Giebelstadter Landwirte aufgespürt. Mit denen auf dem Flugplatz sind es insgesamt 149 Blindgänger. Jetzt beginnt für Raabe der kompliziertere Teil der konzentrierten Bombensuche – „der Bürokram“, wie er mit einem Seufzer sagt.

Vor ein paar Tagen hat Raabe die letzten Grundstücke in Giebelstadt mit seinem Magnetometer abgetastet. Zentimeter für Zentimeter. Ein paar Sprenggranaten, Munitionsschrott und drei Maschinengewehre konnte er zuletzt noch aus dem Boden holen. Bomben waren keine mehr dabei. 488 Hektar Land hat Raabe in den vergangenen drei Jahren systematisch abgesucht. 4267 Löcher ausgebaggert. Die Ausbeute ist enorm: 99 fehlgezündete Bomben der Amerikaner, die in den letzten Kriegsjahren den geheimen Giebelstader Forschungsflugplatz massiv bombardierten, hat er aus den Äckern geholt. Und jede Menge Munition, Granaten, Raketen, Gewehre und Panzerfäuste, die noch von der deutschen Wehrmacht stammten. Dabei auch – und das ist äußerst ungewöhnlich – eine 250 Kilogramm schwere Sprengbombe deutscher Fabrikation. Insgesamt waren es 19 981 deutsche Kampfmittel mit einem Gewicht von 7,5 Tonnen.

„Giebelstadt macht keine halben Sachen“, lächelt Raabe immer wieder. Er erinnert sich an eine Reihe von Pazifik-Bomben, die er hier gefunden hat. Überraschend. Denn die hochexplosiven Sprengkörper waren eigentlich für die Flugzeugträger der Amerikaner im Pazifik bestimmt und sollten feindliche U-Boote vernichten. Teilweise war sogar noch das eingravierte Symbol der amerikanischen Marine im Stahl der Fliegerbomben zu erkennen. „Ich habe auch Dinger gefunden, die sehr selten sind“, blickt Raabe zurück. Er erinnert sich an einen Raketen-Vielfachwerfer, auch „Föhn des Volkssturms“ genannt, der drei Granaten auf einmal abwerfen konnte. Oder noch gut erhaltenes Porzellan der Schutzstaffel (SS), die auf dem wichtigen Forschungsflugplatz der Nazis das Wachpersonal unterstützte.

Auf seinem Schreibtisch liegt ein Koppelschloss. Eingraviert sind Halbmond und Stern. „Es gehörte an den Gürtel eines türkischen Jungoffziers“, weiß Raabe jetzt. Peter Wamsler, der das Giebelstadter Archiv lange Zeit pflegte, hat alten Aufzeichnungen entnommen, dass türkische und italienische Offiziersanwärter während des Krieges auf dem Flugplatz zur Ausbildung waren.

Auch für die Archäologie war Raabes Bombensuche von Bedeutung. Denn an vielen Stellen konnte er nicht unterscheiden, ob die Signatur seines Magnetometers nun einen Blindgänger anzeigt oder schwarzen Boden – Hinweis für eine Siedlung aus der Zeit 1000 bis 500 vor Christus. Raabe hat also nicht nur zahlreiche explosive Kriegsrelikte aufgestöbert, sondern auch das eine oder andere Gebäude aus der Hallstatt-Zeit. So war die Bombensuche oft auch eine Zeitreise in die Vergangenheit.

Und sie war längst überfällig. Immer wieder fand Raabe, vor allem südlich des Flugplatzes, Blindgänger in Pflugtiefe. „Die Bauern hatten pures Glück“, schüttelt er den Kopf. Eine unglückliche Berührung beim Bearbeiten der Felder, und von Landwirt und Schlepper wäre nicht viel übrig geblieben. Manchmal konnte er sogar die Bomben nur mit dem Spaten freilegen, so flach lagen sie im Boden. „Das zeigt, dass die Suche wichtig und richtig war“, sagt Bürgermeister Helmut Krämer. Auch er ist froh, dass nichts passiert ist. Die Ochsenfurter Polizei und die Giebelstadter Feuerwehr haben viel dazu beigetragen. Und die Landwirte. Krämer lobt die Bauern dafür, dass sie so gut kooperiert haben und sich alle solidarisch an den Kosten beteiligen. Etwa 360 000 Euro wird die Suche und Bergung der Kampfmittel kosten. Ein Drittel davon zahlt der Freistaat Bayern. „Und weil wir so hartnäckig geblieben sind, beteiligt sich nun auch der Bund“, so Krämer. Er wird – und das ist ungewöhnlich – einen Teil der Kosten tragen. Aber nur für den Anteil der ehemals reichseigenen Munition. Am Ende werden wohl knapp 200 Euro pro Hektar bei den Grundstücksbesitzern verbleiben. Krämer ist gerade dabei, alles abzurechnen – „und das ist keine leichte Aufgabe“, stöhnt er.

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