POPPENHAUSEN

Bürger wollen gemeinsam bis zu sechs Windräder bauen

Windkraft: 106 Bürger legen in Poppenhausen (Lkr. Schweinfurt) Geld zusammen. Ihr Plan: Sie wollen bis zu sechs Windräder bauen. Trotz der neuerlichen Wende von Ministerpräsident Horst Seehofer.

Wenn Werner Göbel über die Energiewende spricht, kommt man mit Fragen nur schwer dazwischen. Dass erneuerbare Energien unverzichtbar sind, dass die Bürger den Umbruch mitgestalten sollten, dass die Windkraft im Binnenland mittlerweile hocheffizient ist – es sprudelt aus ihm heraus, er scheint unter Strom zu stehen. Göbel brennt für seine Sache. Grüne Energieerzeugung: dezentral und in Bürgerhand, so lautet die Vision. Jetzt hat der Ingenieur gemeinsam mit einer kleinen Initiativgruppe in Poppenhausen (Lkr. Schweinfurt) die „Energiegenossenschaft Oberes Werntal“ (EG Oberes Werntal) gegründet. Und der Zusammenschluss ist nur ein Beispiel aus der Region, immer mehr Bürger wollen die Energiezukunft ihrer Orte selbst in die Hand nehmen. 200 Energiegenossenschaften waren Ende 2012 im Genossenschaftsverband Bayern gemeldet, darunter 51 Neugründungen. Die Mitglieder dieser Zusammenschlüsse wollen etwas für die Umwelt tun und dabei auch noch Geld verdienen.

106 Genossen hat die EG Oberes Werntal bei der Gründungsveranstaltung im proppenvollen Gasthaus gewonnen. 106 Menschen, überwiegend aus Poppenhausen, die nun zuerst Photovoltaikanlagen und schließlich einen Windpark bauen wollen. Jedes Mitglied konnte zunächst einen Anteil kaufen, für 250 Euro. Macht also derzeit 26 500 Euro, das ist das Startkapital der Genossenschaft. Der Preis für einen Anteil liegt mit 250 Euro im überschaubaren Bereich, „weil wir wollten, dass auch die Oma dem Enkel einen Anteil kaufen kann“, sagt Rainer Walter-Helk. Er ist zweiter Vorsitzender der EG und Solarunternehmer.

Nach und nach wollen die Gründer der Genossenschaft immer mehr Mitglieder gewinnen, die dann durch den Kauf vieler Anteile Vermögen in die EG investieren. Dabei gilt aber weiter der Genossenschaftsgedanke: Nur eine Stimme pro Mitglied, egal wie viele Anteile er gekauft hat. Das ist der wesentliche Unterschied zur Kapitalgesellschaft.

Die erste Photovoltaikanlage der EG Oberes Werntal soll auf dem Dach eines Gemeindegebäudes in Poppenhausen entstehen. Privatpersonen hätten normalerweise keine Möglichkeit, die großflächigen Dächer von Rathaus, Bauhof oder Feuerwehrhalle zu nutzen. Die Genossenschaft kümmert sich darum, hat vom Gemeinderat das grundsätzliche O.K. in der Tasche. Jetzt geht es daran, mit der Gemeinde – die ebenfalls Genossenschaftsmitglied ist – die Mieten auszuhandeln. Durch den Pachtpreis profitiert die Gemeinde auch direkt. So funktioniert es zum Beispiel in Sandberg (Lkr. Rhön-Grabfeld), wo die Gemeinde die Dächer von Schule und Turnhalle an die Friedrich-Wilhelm Raiffeisen Energie eG verpachtet.

Die EG Oberes Werntal ist noch nicht so weit: „Wenn alles top läuft, könnte die erste Anlage noch im Juli aufgestellt werden“, meint Jürgen Hack, Genosse und Teil der Kerntruppe. Schließlich wäre etwas Sichtbares die beste Mitgliederwerbung.

Schon lange haben sich die Initiatoren mit der Idee einer Energiegenossenschaft getragen, doch es fehlte der letzte Schups. Doch dann bekamen sie mit, dass große Energieunternehmen um die Windkraftfläche auf der Maibacher Höhe schlichen. „Wenn wir jetzt nicht gehandelt hätten, wären wir zu spät gekommen“, sagt Göbel. Denn das große Projekt der EG Oberes Werntal ist der Windpark. Die 106 Genossen seien überzeugt, damit das Richtige zu tun – trotz der Verunsicherung, die Ministerpräsident Horst Seehofer mit seinem neuen Kurs in Sachen Windkraft auslöst (siehe Artikel rechts).

Maximal sechs Windräder wollen sie auf die Fläche stellen, auf der laut Göbel bis zu zwölf Rotoren möglich wären. Als Partner haben sich die Genossen die Naturstrom AG ausgesucht, ein Ökostrom-Anbieter der ersten Stunde. Ein Mehrheitsanteil am Windpark soll der Genossenschaft gehören, ein kleinerer Teil von maximal 49 Prozent der Naturstrom AG. Der Stromversorger vermarktet die Energie für die Genossenschaft, der Gewinn fließt an die Mitglieder.

Viele Energiegenossenschaften holen sich auch schon vor der Gründung eine erfahrene Beratungsfirma mit ins Boot. So berät etwa im Landkreis Rhön-Grabfeld die aus dem Bauernverband und dem Maschinen- und Betriebshilfsring Rhön-Grabfeld hervorgegangene Agrokraft GmbH die Initiatoren, stellt etwa Leitfäden und die nötigen Formulare zur Verfügung. Die Agrokraft hat zum Beispiel das Bürgersolarkraftwerk Großbardorf vorangetrieben oder half beim Aufbau mehrerer Biogas-Anlagen.

Viele Energiegenossenschaften sind – anders als die EG Oberes Werntal – überregional aktiv. Die Photovoltaikanlage bei Elfershausen (Lkr. Bad Kissingen) wurde etwa von der Deutschen Bürgerenergie mit Sitz in Nürnberg aufgebaut. Andernorts gründen Bürger Zusammenschlüsse jenseits des Genossenschaftsprinzips – unter dem Namen Bioenergie Hofheimer Land wollen 26 Landwirte in Hofheim (Lkr. Haßberge) eine Biogasanlage bauen.

In Poppenhausen steht jedoch der Genossenschaftsgedanke auf lokaler Ebene im Mittelpunkt. So könnten die Menschen vor Ort profitieren – und nicht nur die Windparkbauer aus der ganzen Republik, meint Göbel. „Dadurch, dass wir das Projekt Windpark auf viele Füße stellen, haben wir mehr Rückhalt in der Bevölkerung“, denkt Jürgen Hack. So könne man auch den Neid innerhalb einer Gemeinde bremsen. Denn wenn eine Firma Grundstücke für einen Windpark pachtet, profitieren oft nur die Eigentümer der Flächen. „Da herrscht bisweilen Goldgräberstimmung unter den Grundbesitzern“, meint Werner Göbel. Die Pachtpreise liegen jährlich leicht im fünfstelligen Bereich.

Natürlich gebe es auch Kritiker, doch das EG-Team glaubt, vor Ort überwiegend Unterstützer zu haben. Bei der Gründungsveranstaltung hätte niemand seine Stimme gegen die Pläne erhoben. Vielmehr sollen die Bürger durch das gemeinsame Projekt zusammengeholt werden. „Ich glaube, dass Poppenhausen dadurch zusammenwachsen wird. Die Bürgerschaft wird aktiviert und gefestigt werden“, sagt Thomas Hahn, Genosse und Kämmerer der Gemeinde.

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