Damit Kinder nicht Opfer werden

Wildwasser: Seit 25 Jahren bietet der Verein Beratung und Begleitung für Frauen und Mädchen an, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Häufig kommen die Täter aus dem sozialen Umfeld: Ein Drittel sind Väter, Stiefväter oder Partner der Mutter.

Ich muss oft an die Stunden bei Ihnen denken, die Verzweiflung zwischendurch, das Gefühl, dass es nie vorbei geht und ich immer hängen bleiben werde – und Ihre Art, mich nicht aufzugeben. Ihre Beharrlichkeit in Verbindung mit ganz viel Würde. Danke, dass Sie sich die Zeit für mich genommen, mich ertragen und mir auch ein Stück meiner verlorenen Würde wiedergegeben haben.“

Opfer A. heute 26 Jahre alt

Im September 2014 feiert der Verein Wildwasser Würzburg sein 25-jähriges Bestehen. Die erste Wildwasser-Beratungsstelle wurde 1983 in Berlin gegründet. Ein Jahr später fanden sich in Würzburg mutige Frauen zu einer ersten Selbsthilfegruppe zusammen, in der die erfahrene sexuelle Gewalt benannt wurde. 1989 fand die Vereinsgründung statt. Wildwasser bietet Beratung und therapeutische Begleitung für Frauen und Mädchen, die Gewalt erlebt haben. 280 Ratsuchende meldeten sich allein im Jahr 2013 bei der Beratungsstelle. Wie hat sich in diesem Vierteljahrhundert der Umgang mit sexuellem Missbrauch verändert? Was ist geblieben? Wie haben sich Politik und Gesellschaft verändert? Fakt ist: Etwa jedes vierte Mädchen und jeder zehnte Junge wird sexuell missbraucht. Elisabeth Kirchner und Susanne Porzelt, die seit vielen Jahren in der Beratungsstelle arbeiten, geben Auskunft.

Frage: Bis in die 1970er Jahre hinein war Kindesmissbrauch ein Tabu, über das niemand sprach. Was hat sich im Laufe der Zeit verändert?

Elisabeth Kirchner: Im Jahr 1958 wurde der Film „Es geschah am helllichten Tag“ auf der Berlinale uraufgeführt. In dem Film spielt Gert Fröbe den Kindermörder Schrott. Ähnlich wie im Film warnte man damals Mädchen, nicht mit Fremden mitzugehen. Man wusste, es gibt Männer, die Kindern Schlimmes antun, aber man wusste noch nicht, dass sie aus dem sozialen Umfeld kommen.

„Missbrauch geschieht dort, wo Kinder sind: in Familien, Vereinen, Schulen, in der Nachbarschaft.“
Elisabeth Kirchner Wildwasser Würzburg
Wann hat sich das geändert?

Kirchner: Anfang der 1980er Jahre haben sich deutschlandweit in vielen Städten betroffene Frauen erstmals in Selbsthilfegruppen organisiert und sich darin unterstützt, an die Öffentlichkeit zu gehen. So auch in Würzburg. Die Fachwelt reagierte mit ersten Artikeln. 1984 benannte das Buch mit dem plakativen Titel „Väter als Täter“ erstmals, dass sexueller Missbrauch meist im Nahraum ausgeübt wird. Lange Zeit hatte man gedacht, dass Frauen nur fantasieren. Man hat ihnen nicht geglaubt.

Ist sexueller Missbrauch ein Phänomen der heutigen Gesellschaft?

Susanne Porzelt: Sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen gab es schon immer. Sigmund Freud war historisch gesehen der Erste, der kindliche Versuche der Bewältigung sexueller Missbrauchshandlungen fachlich beschrieben hat. In den 1890er Jahren beschäftigte er sich mit dem Phänomen der Hysterie, die als Schmerz ohne organische Ursache galt. Freud untersuchte 22 hysterische Patienten. Alle berichteten, dass sie während der Kindheit sexuelle Übergriffe durch Bezugspersonen erlebt hatten. Nach fünf Jahren hat er seine Theorien widerrufen.

Wie geht die Gesellschaft heute mit sexuellem Missbrauch um?

Porzelt: Vieles hat sich verbessert: Gesetze wurden verschärft, Verjährungsfristen verlängert und Menschen, die mit Kindern zu tun haben, zur Aufmerksamkeit angehalten.

Kirchner: Heute sagt niemand mehr, das sind Einzelfälle. Man nimmt die Aussagen der Mädchen und Frauen ernst. Trotzdem könnte noch mehr getan werden. In den Studiengängen und Ausbildungen zum Beispiel ist sexueller Missbrauch noch immer zu wenig Thema.

Ab 2010 gab es noch einmal eine Welle der Berichterstattung über sexuelle Gewalt in Kinderheimen und Internaten. Auch die katholische Kirche geriet in die Schlagzeilen . . .

Kirchner: Die Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen oder der Odenwaldschule haben gezeigt, dass Kinder dort, wo sie betreut werden, auch sexuell missbraucht werden. Die Bundesregierung richtete einen Runden Tisch ein und beauftragte die Ex-Frauenministerin Christine Bergmann mit der Aufarbeitung. In diesem Zug kam zur Sprache, dass auch Männer und Jungen Opfer sexueller Gewalt sind.

Wie geht die katholische Kirche mit den Missbrauchfällen aus ihren Reihen um?

Kirchner: Ich finde, dass die katholische Kirche seit 2010 einiges gut macht und Interesse zeigt, sexuellem Missbrauch vorzubeugen. Allerdings finde ich die Entschädigung von maximal 5000 Euro beschämend und für die Opfer demütigend. Ein Priester ist ja doppelt mächtig: als Erwachsener und als Vertreter Gottes. Für die Betroffenen ist das ein überwältigender Angriff.

Wer sind die Täter?

Kirchner: In unseren Beratungsfällen handelt es sich bei einem Drittel um Väter, Stiefväter oder Partner der Mutter. Grundsätzlich gilt: Missbrauch geschieht dort, wo Kinder sind: in Familien, Vereinen, Schulen, in der Nachbarschaft. In wenigen Fällen kommen die Täter oder Täterinnen nicht aus dem Umfeld des Kindes. Die Zahlen der Beratungsstellen unterscheiden sich von denen der Polizei: Zur Anzeige werden eher Fälle außerhalb der Familie gebracht.

Wie geschieht sexueller Missbrauch?

Porzelt: Wir reden von sexuellem Missbrauch, wenn Mädchen oder Jungen gegen ihren Willen sexuell angefasst werden oder zu sexuellen Handlungen gezwungen werden. In den meisten Fällen kennen die Kinder den Täter. Diese bauen ein Vertrauensverhältnis auf. Die Kinder werden zur Geheimhaltung verpflichtet. Doch die Eltern gehen davon aus, dass das Kind bei diesem Menschen gut aufgehoben und in Sicherheit ist.

Was ist mit den Müttern? Warum bemerken sie nichts? Oder wollen sie nichts bemerken?

Kirchner: Es gibt Frauen, denen ich es glaube, dass sie über Jahre nichts gewusst haben. Das Problem: Die Täter sind ganz normale Männer. Die meisten haben Beziehungen zu erwachsenen Frauen und leben ihre sexuellen Fantasien aus, wenn die Mutter nicht zu Hause ist. Wenn sie beim Sport ist oder arbeiten muss. Nach der Aufdeckung haben diese Frauen große Schuldgefühle und im Nachhinein fallen ihnen schon Sachen ein: ein Fleck im Bett oder Andeutungen des Kindes.

Porzelt: Es gibt auch Frauen, die selbst sexuelle Gewalt erlebt haben, die von der Tat wissen oder sogar das Kind selbst dem Täter zuführen. Das sind extreme Fälle, die es aber auch in Würzburg gibt.

„Kein Kind ist 100-prozentig sicher vor sexuellem Missbrauch.“
Susanne Porzelt Wildwasser Würzburg
Was sind Anzeichen für sexuellen Missbrauch?

Porzelt: Es gibt keine eindeutigen Hinweise. Es ist wichtig, aufmerksam zu sein. Kein Kind ist 100-prozentig sicher vor sexuellem Missbrauch. Eltern sollten bei manchen Sätzen hellhörig werden: „Ich möchte nicht mehr zum Opa gehen“ oder „Der Onkel riecht komisch“ und nachfragen.

Gibt es ein Täterprofil?

Kirchner: Nein, aber es gibt Täterstrategien. Körperliche Gewalt entsteht im Affekt. Sexueller Missbrauch wird geplant. Personen, die das tun, haben das alles schon in Gedanken durchgespielt. Die Täter suchen sich die Kinder gezielt aus und testen vorher, ob sich das Kind „eignet“. Sie setzen die Kinder unter Druck und verpflichten sie zum Stillschweigen. „Wenn du das der Mama sagt, dann wird sie ganz traurig.“ „Dann muss ich die Familie verlassen und ins Gefängnis. Das willst du doch nicht.“

Porzelt: Dem Kind wird die komplette Verantwortung für die Tat zugeschoben. Es geht um Macht und Machtausübung. Sexueller Missbrauch geschieht in allen Schichten der Gesellschaft und in jedem Alter.

Welche Mädchen und Frauen wenden sich an Wildwasser?

Kirchner: Es kommen Jugendliche oder erwachsene Frauen, die noch in der Gewaltsituation sind. Es gibt auch die Gruppe von Frauen, bei denen die Gewalt bereits vorbei ist und die dann zum Beispiel durch die Geburt des eigenen Kindes wieder damit konfrontiert werden. Das jüngste Mädchen, das sich bei uns gemeldet hat, war 13 Jahre alt.

Welche Störungen kann solch ein Erlebnis bei Mädchen und Frauen auslösen?

Porzelt: Die Folgen sind je nach Alter des Kindes zum Zeitpunkt des Missbrauchs und Art und Dauer der Gewalt oft sehr massiv und vielfältig. Die Betroffenen leiden unter Angst, Angstzuständen, Essstörungen, Hyperaktivität, Selbstverletzungen bis hin zu schweren Depressionen. Oft stehen sie wie unter Strom, denn das Alarmsystem ist ständig aktiviert.

Wie helfen Sie den Mädchen und Frauen?

Porzelt: Wir helfen den Mädchen zuerst, den sexuellen Missbrauch zu stoppen und arbeiten dabei mit anderen Institutionen wie dem Jugendamt zusammen. Wir versuchen, sie zu stärken und für die Mädchen und jungen Frauen Unterstützung im Umfeld zu finden. Dies beginnt bei E-Mail-Beratung und geht bis zu Traumatherapie, die über Jahre gehen kann. Wir bieten auch angeleitete Selbsthilfegruppen an.

Was fordern Sie für die Zukunft?

Kirchner: Mädchen und Jungen, die sexuelle Gewalt erleben müssen, sind auf Erwachsene angewiesen, die ihre Signale erkennen und richtig handeln. Daher müssen alle Einrichtungen, die Kinder betreuen, ein Schutzkonzept entwickeln und immer wieder überprüfen. Alle Mitarbeiter müssen regelmäßig an Fortbildungen zum Thema sexuelle Gewalt und Kinderschutz teilnehmen. Jede Einrichtung muss sich klarmachen, dass auch bei ihnen sexuelle Gewalt ausgeübt werden kann und darauf vorbereitet sein.

Porzelt: Jeder kann etwas tun: Achtsam sein im Umgang mit Kindern, Auffälliges wahrnehmen und sich Rat holen, wie damit umzugehen ist. Vereine, die sich dem Thema stellen, können stolz darauf sein, weil sie sich für ein wichtiges Thema engagieren.

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