WAGENHAUSEN

Das Idyll entdecken

Aus Alt mach' Schön: Eine junge Familie hat ein Anwesen aus dem 18. Jahrhundert vor dem Abriss gerettet und saniert. In mühevoller Eigenarbeit ist ein schmuckes Wohnhaus entstanden.

Es ist faszinierend: Trüb und wolkenverhangen ist der Himmel und dennoch lichtdurchflutet die gute Stube, obwohl die Fensterchen eher größeren Schießscharten gleichen. Behaglichkeit strahlen die warmen Wandfarben, der Kaminofen, der Dielenboden aus. Unter der Stuckdecke sitzen Sibylle Kneuer und Günter Flegel am Wohnzimmertisch und reisen auf dem Laptop mit Bildern durch die Vergangenheit. Auf vergilbten Repros und in Schwarz-Weiß ist der Beginn einer Liebe zu sehen: ein heruntergekommenes Anwesen in einem „Dorf am Ende der Welt“, im Thereser Gemeindeteil Wagenhausen (Lkr. Haßberge) mit gerade 40 Einwohnern.

Vor zehn Jahren begann diese Liebe. Zu Wagenhausen, weil in diesem Dorf die Zeit stehen geblieben schien. Dort wollte sich das Paar mit seinen beiden Kindern niederlassen. Denn der Eindruck vom Ende der Welt täuscht: In wenigen Minuten sind Haßfurt und Schweinfurt zu erreichen. Und dann zu Anwesen Nummer 6. Die sonnige Lage, das markante Hausdach, der große Hof, Nebengebäude und gleich dahinter freie Natur: Liebe auf dem ersten Blick war es nicht, berichten sie. „Wegreißen, das alte Gerütsch“, das bekamen Sibylle Kneuer und ihr Mann oft genug zu hören. Zehn Jahre und tausende Arbeitsstunden Eigenleistung später sitzen sie im gemütlichen Wohnzimmer, und es kommt unisono: „Ja, wir würden es sofort wieder machen. So ein altes Haus nimmt viel, aber kann auch viel geben“.

Und das erlebte das Paar bei der Sanierung ständig. Das Haus entwickelte sich zu einer Fundgrube für Bauleute. Einer der ältesten Kratzputze in Unterfranken wurde an der Scheune entdeckt – aus dem Jahr 1707. „Und er hält immer noch“, berichtet Günter Flegel. 1798 wurde das Haus gebaut. Der geschnitzte Eckpfosten neben dem Eingangsportal beweist es. Das markante Gebäude, das wie ein kleines Schlösschen wirkt, entstand in den letzten Jahren der barocken Blütephase von Kloster Theres, kurz vor dessen Auflösung. Die hochwertige Ausstattung des Hauses, das komplett aus Eichenholz errichtet wurde, spricht dafür, dass es eine Art Verwaltersitz des Thereser Abtes für Wagenhausen war. Weitaus älter ist der Keller unter dem Fachwerkhaus: Vermutlich von einem Vorgängerbau aus dem 16. Jahrhundert. Eines der drei Nebengebäude, die große Scheune trägt die Jahreszahl 1707.

Kneuer und Flegel widersprechen dem Vorurteil, dass die Sanierung eines alten Hauses immer teurer sein muss als der Bau eines neuen. Selbst anzupacken spart Geld, wissen sie. Dass die Arbeiten nicht planlos von statten gehen, dafür holten sie sich Rat von ihrer Architektin und den Denkmalschutzbehörden. Bemerkenswert und förderwürdig – so lautete denn nach Abschluss der Sanierungsarbeiten auch das Urteil beim Bezirk Unterfranken, der das Projekt mit dem Förderpreis zur Erhaltung historischer Bausubstanz auszeichnete.

„Was haben die denn die ganze Zeit gemacht?“ Diese Frage stellte sich wohl mancher Besucher in den vergangen Jahren. Für das Paar in Wagenhausen dürfte dies ein Kompliment sein, denn es zeigt: Der Charakter des Hauses konnte nicht nur erhalten werden, sondern wurde wieder zum Vorschein gebracht. Fachwerk im Treppenhaus wurde freigelegt, die Haustüre ist ein Recyclingprodukt von einem anderen alten Haus. Wie vor 200 Jahren geht es durch die Diele in die Küche und – ein Zugeständnis an modernes Wohnen – von dort in den Garten.

Modernes Wohnen und Arbeiten in einem alten Gebäude ist möglich. Wo einst ein Gutsverwalter Gäste empfing, ist das gemütliche Wohnzimmer; unterm Dach, in das sie sich von Anfang an verliebt hatten, betreibt Sibylle Kneuer ein Kulturbüro. Und was nicht weniger wichtig ist: Für junge Familien ist solch eine Ortschaft ideal, ein einziger Spielplatz für die Kinder. Und so hoffen die Wagenhausen-Fans, dass sie Nachahmer finden. Gleich nebenan wartet ein ähnliches Haus auf Entdecker. Im Moment noch „Gerütsch“, aber vielleicht bald auch ein Idyll?

Die Serie endet

Unsere Serie geht mit dieser Folge heute zu Ende. Neun Wochen haben wir täglich historische Gebäude aus Unterfranken vorgestellt. Aus der Serie entsteht ein Buch, das in Kürze in unseren Zeitungsshops erhältlich sein wird.

ONLINE-TIPP

Alle Teile der Serie finden Sie im Internet unter www.mainpost.de/bauwerke

Wagenhausen

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