Das gebrandmarkte Zeichen

Fohlenbrennen Der Schenkelbrand ist umstritten, doch bis 2018 weiter ohne Betäubung in Deutschland zulässig. Eine Momentaufnahme in Traustadt.
Umstrittene Methode: Günter Söhnel drückt einem Fohlen in Traustadt das traditionelle Brandzeichen auf. Foto: Fotos (3): Norbert Vollmann

Während im Hintergrund der Bunsenbrenner faucht, wird dem Fohlen das glühend heiße Brenneisen blitzschnell auf den linken Oberschenkel gedrückt. Es zischt kurz und raucht. Dazu riecht es leicht nach versengtem Fleisch und Haar. Der Heiß- oder Schenkelbrand, wie sich das Ganze nennt, dauert vielleicht zwei oder drei Sekunden, dann ist alles vorbei, und das Fohlen ist nun lebenslang mit seinem individuellen Brandzeichen gekennzeichnet. Damit ist es fortan immer identifizierbar und seinem Besitzer und Zuchtverband zuzuordnen. Der Stempel ist somit so etwas wie der eingebrannte Pass des Pferdes, inklusive Geburts- und Abstammungsurkunde.

Doch die Methode ist umstritten. Sie ist zwar kurz, aber wegen der Verbrennung eben nicht schmerzlos. Seit Jahren wird deshalb in Deutschland gegen das Fohlenbrennen als Verstoß gegen den Tierschutzgedanken protestiert. Noch lauter war der Ruf nach einer Abschaffung geworden, seit eine zum 1. Juli 2009 in Kraft getretene EU-Verordnung für jedes Pferd die Kennzeichnung durch einen Mikrochip vorschreibt. Der wird dem Tier in den Hals implantiert. Man benötigt allerdings ein Lesegerät, um den hinterlegten 15-stelligen Barcode sichtbar zu machen, und man muss dazu ganz nah an das Tier heran. Kritiker beklagen zudem, dass die Chips im Gegensatz zum Brandzeichen teils im Körper wandern, sowie manipulier-, entnehm- und unter Umständen nicht mehr lesbar seien.

Ein bereits in Deutschland vom Bundestag beschlossenes Verbot des traditionellen Heißbrandes, wie es in den Niederlanden gilt, war vom Bundesrat wieder gekippt worden. So darf die Kennzeichnung mit dem Brenneisen nun bis 2018 übergangsweise weiterhin ohne Betäubung vorgenommen werden. Danach soll der Heißbrand in Deutschland allerdings nur noch unter lokaler Betäubung zulässig sein.

Zum achten Mal ging jetzt in Traustadt (Lkr. Schweinfurt) auf dem Gelände des ehemaligen Schlosses das sogenannte Fohlenbrennen des Oldenburger Pferdezuchtverbandes nach alter Tradition über die Bühne. Proteste gab es keine. Im Wesentlichen blieben die Züchterfamilien, die Offiziellen des Pferdezuchtverbandes und die Zuschauer unter sich. Sieben Fohlen waren mit ihren Müttern erschienen, gezüchtet in Traustadt, Oberpleichfeld, Oberschwappach und Breitengüßbach.

Das nach der Prämierung und Bewertung eingebrannte O unter der Krone weist sie künftig als Oldenburger Dressur- beziehungsweise mit einem zusätzlichen S im O als Oldenburger Springpferde aus. Dazu prangt jetzt jeweils die individuelle Erkennungsnummer auf der Hinterhand. Kurz zuvor war ihnen von Günter Söhnel, dem fürs Brennen und Chippen zuständigen Mann beim Oldenburger Pferdezuchtverband, jeweils im Beisein von Stute und Besitzern der 25-stellige Mikrochip in den Hals eingesetzt worden.

Und eine dritte Prozedur galt es für Fohlen und teilweise auch die Stuten zu überstehen, das Ziehen von Haaren mit Wurzeln, um mittels eines DNA-Abgleichs („Vaterschaftstest“) die genetische Abstammung zu überprüfen.

Wer die Tiere beim Brennen, Chippen und der Entnahme der Haarprobe in Traustadt beobachtete, konnte feststellen, dass sie allesamt auf das Aufdrücken des Brandstempels weniger empfindsam reagierten, als wenn ihnen die Haare von Schweif oder Mähne entnommen oder der Chip im Halsbereich ins Gewebe eingesetzt wurde. Doch das ist und war, wie gesagt, nur die rein äußerliche Reaktion.

Dr. Wolfgang Schulze-Schleppinghoff, der die Fohlen mit seinem Richterkollegen Rainer Ahlers als dem eigentlichen Schwerpunkt der Veranstaltung zuvor begutachtet und prämiert hatte, sieht die Angelegenheit differenziert. Wissend um die Brandmarkung des Brandzeichens als „Mercedesstern“ auf der Hinterhand, der wesentlich den Wert des Tieres bestimmen würde, ist ihm die Feststellung wichtig, dass dessen Bedeutung über ein Markenzeichen hinausgehen müsse. Das sei hier gegeben. Der Chip ist für ihn so zwar durchaus die genauere Methode, das Brandzeichen aber auf Dauer die einfachere und sicherere, etwa wenn es irgendwann, wie im Seuchenfall, um die schnelle Klärung der Herkunft des Pferdes gehen muss. Er betont: „Das Brandzeichen erleichtert mir die Identifizierung ganz enorm.“ Dennoch räumt er ein, dass die Diskussion nicht so einfach und Argumente schwer zu kommunizieren seien.

Etwas drastischer sieht es Alfred Herbig, Züchter von Oldenburger Pferden und Vorsitzender des Reit- und Jagdclubs Main-Steigerwald, der die Veranstaltung in Traustadt mit seiner Familie und weiteren Helfern organisiert. Er findet, die Abschaffung des Brandzeichens würde dem Stellenwert der deutschen Pferdesportzucht insgesamt schaden.

Überhaupt muss man sehen, dass das Fohlenbrennen selbst nur einen geringen Teil der Brenn- und Prämierungsveranstaltung ausmacht. An diesem Tag werden nämlich zunächst die Farbe der Jungtiere und ihre „Abzeichen“, damit bezeichnet man unveränderliche und angeborene Identifizierungsmerkmale, aufgenommen und im sogenannten Equidenpass festgehalten. Diese Angaben ermöglichen zusammen mit dem Brandzeichen die schnelle und problemlose Identifizierung des Pferdes.

Danach geht es bei der Vorstellung und dem anschließenden Reiten im abgesteckten Rundparcours an der Seite der Mutter um die Prämierung und damit auch um den künftigen Marktwert des Fohlens. Zum Abschluss folgen dann die Entnahme der Haarprobe sowie das Chippen und Brennen.

Das Brandzeichen: Das S im offenen Oldenburger-O weist das Fohlen als Springpferd aus.
Die Brenneisen werden erhitzt.

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